Mein erster Schultag 1/2

Als ich an diesem morgen aufwache, fällt es mir schwerer als sonst, die Augen zu öffnen, zu Sinnen zu kommen, irgendwie aus dem Bett, zum meinem Handy zu stolpern. Eigentlich mag ich es nicht, direkt am morgen auf ein helles Display zu schauen, aber da ich weiß, dass ich nur schwer aus dem Bett zu kriegen bin, habe ich mein Handy prophylaktisch auf den kleinen Schreibtisch in meinem Zimmer gelegt. Jetzt klingelt es. Für einen Moment frage ich mich, warum ich so fertig bin, dann fällt mir ein, dass es halb sechs ist, und ich gestern nicht wirklich einschlafen konnte. Vielleicht habe ich auch nur sehr schlecht geträumt. Waren meine letzten Assoziationen mit dem, was heute auf mich zukommt vielleicht nicht positiv? Gut möglich, denn heute ist mein erster Schultag. 

Nach einem obligatorischen Gang ins Bad ziehe ich mich um. Dann packe ich meinen Rucksack. Bereits am Abend zuvor habe ich mir Gedanken gemacht. Zwei Sport Outfits haben es in meinen Rucksack geschafft, ein dicker Block mit meinem Stundenplan darin. Was man wissen muss, ist, das amerikanisches Papier ein anderes Format hat als deutsches. Das amerikanische Equivalent zum deutschen DinA4 Format ist ein wenig kürzer, dafür etwas dicker. Ein Zufall? Die kürzere Länge ist kein Problem, aber die zusätzliche Dicke setzt meinem Rucksack so zu, dass ich, zusammen mit meinen Sportklamotten und meinem Tennisschläger Probleme habe, ihn zu schließen. Spontan packe ich noch ein Deo ein. Als ich mich dem halb geöffneten Fenster in meinem kleinen Zimmer nähere, bemerke ich erst die Kälte, die in mein Zimmer zieht. Ich ziehe über mein T-Shirt also meinen dicken roten Pulli, den viele wahrscheinlich kennen. Ich fühle mich ausgerüstet für einen Militäreinsatz. Für jede Individualität bin ich gewappnet. Vergessen habe ich noch nie etwas. Mit diesem Gefühl von Sicherheit steppe ich mit großen Schritten die Treppe herunter. Wenn mich andere dabei gesehen hätten, wäre ich vielleicht in Zeitlupe gelaufen. Lange hält das Gefühl nicht an, denn nach etwa der Hälfte der Stufen, in der Mitte der Treppe ist ein kleiner Podest, fällt mir das erste Item des Tages ein, das ich vergessen habe. Wieder unten angekommen ist das erste was ich sehe, wie immer das große, zum liegen einladende, beige Sofa. Darauf sitzen meine Gasteltern. Ihre Gesichter von einem iPad erhellt. Der Rest des Raumes liegt im Dunkeln. Ich bin aufgeregter als sonst beim üblichen „Guten Morgen Talk“. Ja, ich habe gut geschlafen (habe ich nicht), mir geht es gut (naja) und ja, ich freue mich auf die Schule. Und das stimmt sogar. Ich erwische mich kurz bei dem Gedanken „Schlimmer geht es ja nicht mehr“, dann beschließe ich, aber nicht weiter darüber nachzudenken. Versteh mich nicht falsch, ich mochte meine Schulen Deutschland. Ich stehe sogar manchmal wirklich gerne auf, um mich dann auf meinem Dratesel die Straße runter rollen zu lassen. Ich mag die meisten meiner Lehrer, die Gebäude, meine Freunde. Was ich nicht mag ist der Unterricht. Mir fallen auf Schlag zehn Dinge ein, die man verbessern könnte. Kein Problem. Es ist langweilig, dauert zu lange, und ist unfair. Und dann die Stimmung. Ich werde wirklich häufig komisch angeschaut, wenn ich mit einem Lächeln das Gebäude betrete. Es fühlt sich an, als würde ich auf eine Beerdigungsfeier gehen. Jeden Tag. 


Warum ich die Schule nicht mag? Hier geht es zu einem Artikel von mir über die Schule!


Jedenfalls setze ich meinen Gang in die Küche fort. Die Küche und das Wohnzimmer verbindet eine ausladende Doppeltür. Nie habe ich sie geschlossen gesehen, weshalb die Küche eigentlich halb im Wohnzimmer steht. Auf dem langgezogenen Tresen der Küche stehen viele Dinge. Ein Korb mit Brötchen für Hamburger und Hot Dogs, ein paar Saucen, darunter Ketchup, Senf, Miracle Whip, und ein paar andere, die ich noch nicht kenne. Direkt daneben eine Fritteuse, daneben ein Toaster, daneben ein Blech mit frisch gebackenen Zimtschnecken.

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Ich hole mir einen Teller und zwei Schnecken. Ich setze mich an den Küchentisch zu meinem Gastbruder Christian. Der hat bereits eine Zimtschnecke verputzt. Still geben wir uns ganz unseren Zimtschnecken hin, bis Heather, meine Gastmutter, uns aufscheucht. Das „erster Tag in der Schule“-Bild muss noch gemacht werden. Ich streiche mir durchs Haar. „Bitte lächle doch einmal!“, bittet Heather ihren Sohn. Er weigert sich, wahrscheinlich aus Prinzip. Vor lauter Ernsthaftigkeit müssen wir beide lachen. In der Hoffnung, wir wurden in einem passenden Moment festgehalten, nehmen wir unsere Rucksäcke und begeben uns auf die Reise. 

Normalerweise würde man jetzt irgendwo hinlaufen, mit seinem großen Rucksack, einem grünen Apfel und einem Butterbrot, das die Mutter für einen geschmiert hat, man aber sowieso nicht isst, in einen gelben Bus steigen, sich neben irgendeine Jenny setzen, sich verlieben, und so weiter… Nur haben Christian und ich einen kleinen Vorteil (oder Nachteil?): Meinen Gastvater Paul, der ist nämlich Lehrer für „World History“ an unserer Schule, der Port Huron Highschool. Er kann uns jeden Morgen zur Schule mitnehmen. Ich hatte sowieso nicht vor, mich zu verlieben. 

Über die große Auffahrt laufen wir zur Doppelgarage und steigen in Pauls schwarzen Pickup. Ich gestehe: Vor den USA habe ich noch nie in einem Pickup gesessen, hier sitze ich fast nur in Pickups. Zur Schule fahren wir ein kurzes Stück auf den Highway, und dann durch die Stadt. Die Highschool ist nicht wirklich im Zentrum, sodass wir schon sehr bald da sind. Drei, wie ein Pi-Zeichen angeordnete Streifen von Parkplätzen sind vor dem Hintereingang der Highschool. Vorbei an ein paar Tennisplätzen und einem Footballfeld slided Paul elegant auf seinen Stammparkplatz. Während dem Einparken erzählt er mir, dass das sein Parkplatz ist. Natürlich wäre er nicht böse, wenn jemand anderes mal da steht, aber das muss schon ein sehr großes Missverständnis sein, immerhin ist es sein Parkplatz, witzelt er. Wir lachen und betreten durch einen kleinen Hintereingang die Schule.

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Schon einmal war ich in der Schule, zur Registrierung. Trotzdem habe ich null Orientierung. Alle Gänge scheinen gleich auszusehen. Rechts eine Tür, links eine Tür, dazwischen ein paar Spinde mit dicken Zahlenschlössern. Genau so wie man es sich vorstellt. Der Gang zieht sich endlos weiter, irgendwann biegen wir nach links ab in einen weiteren Gang. An der Wand: Ein Straßenschild. Wir betreten die Success-Road. Auf die anderen Straßennamen gespannt, laufe ich Paul und Christian nach, die zielsicher in die nächste Straße abbiegen. Geflasht von der Endlosigkeit des Ganges, der übrigens wieder genau aussieht wie der erste Gang und die Success Road, vergesse ich den Namen dieses Ganges sehr schnell. Irgendwann kommen wir beim Raum Nr. 116 an. Pauls Raum. Hier hat nicht jede Klasse, sondern jeder Lehrer seinen Raum. Die Schüler pendeln dann immer von Lehrer zu Lehrer. An der Wand in Pauls Raum hängen ein paar Plakate von Schülern über den zweiten Weltkrieg, oder so. Daneben hängt eine Weltkarte. Wo in Deutschland eine Kreidetafel war, ist in Pauls Raum (und in allen anderen auch) ein langes Whiteboard. In der Mitte findet ein Projektor platz zum projizieren. An den Seiten ein paar Infos. Von Handynutzung über Hausaufgaben über Toilettenregelung. Man muss den Lehrer fragen und sich mit seiner Handynummer in eine Liste eintragen. Mit etwas Glück bekommt man einen „Hall-Pass“. Dann muss man in zehn Minuten wieder zurück sein. Schräg unter dem Whiteboard steht ein kleiner Schreibtisch mit einem Computer und einer Tastatur, die Paul wild bearbeitet. Auf dem Beamer erscheint eine PowerPoint Folie mit dem Plan für die Woche. Ich bin beeindruckt. „Er plant immer alles durch. Er kann dir genau sagen, was du Dienstag in einem Monat machst.“, spricht mich Christian von der Seite an. Besser so als umgekehrt, denke ich mir. Die ersten Schüler kommen in Pauls Raum und Christian und ich machen uns auf den Weg. Er hat in der ersten Stunde „Weights and Conditioning“, also Gewichtheben. Ich habe „Recreational Sports“, ein Kurs, der sich um viele Sportarten kümmert. Ein bisschen wie deutscher Sportunterricht. Volleyball, Basketball, alles mal dabei. Zum Glück finden beide Kurse im Gym statt, sodass er mich noch ein bisschen begleiten kann. 

Bis wir am Gym angekommen sind, scheint es eine Ewigkeit zu dauern. Die Gänge ziehen sich. Wir biegen zurück auf die Success Road, dann auf den Excel Broadway. Schließlich stehen wir vor einer großen Schwingtür, die ins Gym führt. Christian verabschiedet sich in einen Nebenraum der riesigen Sporthalle, ein weiterer Raum mit ein paar Hantelbänken und Sportgeräten an den Wänden. Mein Kurs findet in der Haupt-Halle statt. Die eigentliche Halle ist nur ein relativ schmaler Streifen Laminat in der Mitte, denn der Großteil der Halle wird von zwei riesigen Tribünen eingenommen. An den Wänden die Initialen der Stadt, PH für Port Huron. Sogar auf der Tribüne sind sie wiederzufinden. Alles ist in einem schicken Rot gehalten. Hinter den prominent in der Mitte platzieren Basketballkörben hängen Tafeln mit den Schulrekorden. Ein Michael hat 1999 die beste Volleyballsaison der Schule abgeliefert. Eine Rachel hat während einem Basketballspiel die meisten Körbe geworfen. 

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Also stehe ich da. Um mich herum versammeln sich langsam mehr und mehr Jungen, die wohl alle in meinem Kurs sind. Dann taucht unser Lehrer auf, jedenfalls denke ich, dass es unser Lehrer ist. Ein älterer Mann mit krummem Rücken und Geheimratsecken, in denen Vögel nisten könnten. Ein Poloshirt hängt über ihm wie ein nasses Handtuch. Drei obere Knöpfe, die geöffnet sind, lassen etwas Brusthaar durchschimmern. Ich male mir schon aus, wie der Unterricht bei ihm aussehen würde, ein paar von uns begrüßen ihn. Dann geht er in die Nebenhalle und schließt die Tür hinter sich. Das war wohl der falsche. Hinter uns ist inzwischen ein weiterer Lehrer gekommen. „Ist das unser Lehrer?“, frage ich vorsichtig irgendjemanden der gerade neben mir steht. Ich bekomme ein nüchternes „Ja“ als Antwort. Bei dem Sportlehrer eben fiel es mir schwer, ihn mir in Bewegung vorzustellen, aber bei diesem…? Mr Jensen, wie er sich später vorstellt ist ein wenig molliger. Als er näher kommt beobachte ich das erste mal in meinem Leben folgendes Naturphänomen von äußerer Seltenheit: Sprechende Schweißperlen. Jedem, der Mr Jensens Schweißperlen auf der Stirn anschaut, dem flüstern sie erst „No pain, no gain“, und dann „Don’t look at me!“ zu. Mit grimmiger Miene scheucht Mr Jensen uns auf die Tribüne. Ich setze mich neben Ape, wie er sich bei mir vorstellt. Er geht schon zum College, macht aber noch ein paar Stunden an der Highschool. Drei Sportkurse und einen Englischkurs, nur damit er nicht nur Sport macht, erzählt er mir stolz. In seiner Hand hat er ein viel zu großes Handy, im mir abgewandten Ohr einen AirPod. Bevor ich ausgesprochen habe sehe ich den letzten Schüler die Tribüne hoch trampeln. „Digby, beeil dich!“, ruft Mr Jensen eilig. Mir lächelt sein breiter Mund entgegen. Vorne fehlt ein Schneidezahn. Ich scheine der einzige zu sein, der ihn anschaut, denn er fixiert mich mit seinen dicken Glupschaugen. Er ist etwas klein, dafür etwas dicker als ich. Seine Hose hängt an einem ungünstigen Ort, auf dem beigen T-Shirt ist ein Schokoladenfleck. Irgendwie ist er mir sympathisch. Er setzt sich neben mich. Bevor ich auch nur ein Wort sagen kann, erzählt er mir sein halbes Leben. Seit einer Ewigkeit schreibt er Liebeslieder, die er manchmal Mädchen in der Schule vorsingt, plappert er los. Bisher hat er noch nie ein hübsches Cheerleader abbekommen, und ob das Mädchen da drüben ihm wohl ihre Nummer gibt? 

Ein Mädchen? Das hatte ich garnicht gesehen. Ganz am Rand der Tribüne sitzt doch tatsächlich ein Mädchen. Das einzige in unserem Kurs. Hat sie sich versehen oder ist einfach nur taff? Während mir Digby weiter seine Lebensgeschichte erzählt, fangen Mr Jensen und seine Schweißperlen wieder an zu reden. „Die üblichen Regeln“, fängt er an, „ihr kennt das ja alles, hier habe ich ein paar Formulare, die ihr bitte ausfüllt. Morgen kümmern wir uns um eure Locker, übermorgen fangen wir an Sport zu machen“. Für jedes Wort brauche ich einen Moment, um es zu verstehen, so schnell spricht er. Und nein, ich kenne die üblichen Regeln nicht, aber ich traue mich auch nicht nachzufragen. All zu dringend scheint es nicht zu sein, denn die Hälfte der Klasse widmet seinem Handy mehr Aufmerksamkeit. Am Ende der Stunde stehen alle vor der Mittellinie der Halle. Pünktlich zum Gong, der eher ein elektronisches Piepen ist, stürmen alle nach draußen. Ich mache mich auf den Weg zu meiner zweiten Stunde: AP Gov.  


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Tag X – Teil 3/3

Noch anderthalb Stunden bis wir landen, ich strecke meine Beine aus. „Lohnt es sich noch, Blog zu schreiben?“, werfe ich Jana zu. „Keine Ahnung“, antwortet Sie. Also sitze ich da. Loriot hat es in einem seiner legendären Sketche einmal gesagt: „Ich möchte einfach nur hier sitzen“. Weise Worte. Mein konzentriertes Sitzen wird jedoch von einem kleinen Zucken in meinem linken Ohr gestört. Oh, das hatte ich ganz vergessen. Große Maschinen haben die Angewohnheit, nicht einfach zu landen, sondern erstmal langsam runter zu gehen. Das gefällt meinem linken Ohr nicht. Irgendwie schaffe ich es nicht, den Druck auszugleichen. Auf dem rechten Ohr ist alles supi, nur das linke zickt. Nach und nach steigt also der Druck auf meinem Ohr, während die Flughöhe und der Inhalt meiner Katjes-Tüte sinken. Trotz meines schmerzenden Ohrs finde ich kurz Zeit, aus dem Fenster zu schauen. Ein interessantes Bild von Wolken über einer Stadt zeigt sich mir. Wie abgehackt hört das Wolkenmuster über dem Ozean auf. Langsam verwandeln sich die Eiskristalle im Flugzeugfenster in Wassertropfen. Als wir weiter runter gehen, erkenne ich, das nicht nur die Wolken exakt geordnet sind.

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Auch die Straßen, Häuser und Gärten der Vorstadt Chicagos scheinen sich einem riesigen Muster zu fügen.

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Kurz bevor mein Ohr (vermutlich) geplatzt wäre, setzen wir wieder auf der Erde auf. Alle drängeln Richtung Ausgang. Durch einen schmalen Gang geht es in Richtung Security Check. Immer wenn man man in die USA fliegt, muss man am Zielflughafen noch einmal sein Gepäck aufgeben und wird durchgeprüft. Absperrbänder und dutzende Sicherheitsbeamte führend uns in eine riesige Halle, von der ein Labyrinth aus weiteren Absperrbändern mindestens 80% einnimmt. Am Ende der Halle sind Passkontrollen. Also stellen wir uns an. An der Wand hängt eine überdimensional große Flagge der USA. Vor den Häuschen, in denen die Sicherheitsbeamten zur Passkontrolle sitzen, hängen Fernseher, auf denen ein Werbefilm läuft. Er zeigt ein Pärchen, das am Strand läuft, dann einen Bäcker, der einen Teig mit den Fingern knetet. Im Hintergrund wehte eine halbtransparente USA-Flagge. Unterbrochen werden diese Idyllenbilder nur von Sicherheitshinweisen. „Do not take photos in this area“ zum Beispiel. Schade, die Halle, in die sich mehr und mehr Menschen drängeln, wäre ein Foto wert gewesen.

Nach der Passkontrolle treten wir in eine weitere Halle. Diesmal ist sie mit Gepäckbändern gefüllt. Ich folge dem Pulk von lila T-Shirts zu einem Gepäckband, das völlig überfüllt ist. Einzelne Koffer werden schon neben das Band gestellt. Darunter auch meiner. Mit meinem Koffer ausgestattet laufen wir einen Gang entlang. Am Ende des Ganges stehen ein paar Männer, die unsere Koffer wieder verladen, ich stelle meinen dazu. Und dann sehe ich ihn: Den ersten McDonalds in den USA. Schnell zücke ich mein Handy und mache im Vorbeigehen ein Foto. 

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Ich folge dem Pulk weiter nach draußen, wo Busse auf uns warten, die uns weiter verteilen. Ich muss zu Terminal 2, von dort aus soll mein Flug nach Flint gehen. Vincent und ein paar andere müssen auch zu Terminal 2.  Mein Flug geht erst um 21:45, jetzt ist es 14:00. Im Bus werden wir von einer älteren Dame angesprochen. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich ein lila T-Shirt an ihr. Sie hält ein Klemmbrett mit einem nicht endenden Stapel von Listen in der rechten Hand. In der linken einen lila Stift. „Whats your name?“, fragt sie uns mit einem sehr amerikanischen Slang. Alle sagen ihre Namen, sie hackt ab. Dann bin ich an der Reihe. „Jonas Evers“, „May you spell it for me?“. Natürlich, denke ich. „E-V-E-R-S“. „You’re not on the list.“, stellt sie sehr nüchtern fest. Ich muss sehr beunruhigt dahergeschaut haben, denn die Dame fängt an, beruhigend auf mich einzureden. Sie holt eine zweite Liste raus, lässt mich drauf schauen. Ich entdecke mich ganz unten. Die Dame erzählt, dass mein Flug erst um 21:45 startet. Ach was. Ich hätte mich irgendwo mit den anderen treffen sollen. Woher soll ich das den wissen, frage ich mich. Wir beschließen, einfach bei Terminal 2 auszusteigen und auf die anderen zu warten. 

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Terminal 2 ist eine lange Halle, die Wände sind hoch. In der Mitte ist ein schmaler Spalt, indem sich die Sicherheitskontrolle befindet. Unsere Begleitung stürmt mit den anderen dorthin, Vincent und ich warten davor. Also warten wir. Weiter hinten in der Halle laden ein paar Sitze mit Steckdosen zum Pause machen ein, doch wirklich zur Ruhe komme ich nicht. Ich nerve in der WhatsApp Gruppe, wo die anderen sind. Keine Antwort. Eine knappe Stunde vergeht, bis mich jemand anschreibt. „Wo steckt ihr, wir sind schon am Gate.“ Super, denke ich. Also ziehe ich Vincent von der Steckdose weg, hin zum Sicherheitscheck. Diesmal packe ich mein Deo als erstes aus dem Rucksack raus, doch damit nicht genug. „Die checken ja wirklich alles durch.“, werfe ich Vincent zu. Hinter dem Band, auf dem wir Kästen mit unseren Sachen platzieren sollen, steht ein Polizist, der in etwa mit der Heiserkeit von Piet Thiesen (an schlechten Tagen), und der Lautstärke eines Marktschreiers alle darauf hinweist, am besten alles auszuziehen, um es auf das Band zu legen. „Put off your shoes! Get everything out of your pockets, even paper!“, schreit er uns an. Auf mich wirkt es einschüchternd. Immerhin werden wir nach dem Sicherheitscheck mit einem Starbucks belohnt, der sich direkt dahinter befindet. „Also, ich finde wir sollten den großen Vergleich wagen,“, fange ich an, „Chai Tea Latte in den USA vs Chai Tea Latte in Deutschland.“. Wir stellen uns an, ich bestelle meinen Chai, Vincent irgendetwas anderes und einen Cookie. „You guys enjoy your time?“, plappert es mich von hinten an. Ich drehe mich um und erkenne die Dame wieder. Diesmal tiefen entspannt. Wir antworten beide mit Ja, ich erzähle ihr, dass ich gerade das erste mal mit Dollar bezahlt habe. Sie ist sichtlich begeistert. Genau so begeistert, wie ich, als ich meinen Chai Latte probiere. „Genau wie in Deutschland.“ Das war abzusehen, gebe ich zu. Im Weggehen sehe ich ein paar weitere wartende Starbucks Kunden. Mir fällt ein Mädchen mit roten Rasterzöpfen auf. Ich will ein Foto machen, doch dann…

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Wenig später treffen wir die anderen, auch das Mädchen, dass mir geschrieben hat. Ihr Name ist Allegra, sie fliegt auch nach Flint. Und Melina. Neben ihr saß ich schon in Frankfurt, aber ihren Namen erfahre ich erst jetzt. Zugegeben, wahrscheinlich hat sie mir ihren Namen schon gesagt, denn Sie erinnert sich an meinen. Noch ein paar andere sitzen bei uns, zum Beispiel Jonas. „Cooler Name“, werfe ich ihm zu. Er lacht. Nach Flint fliegen, laut einer Liste, die Allegra gesehen hat wohl fünf Leute. Bisher sind wir nur drei. Jonas, Allegra und ich. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen an einem langen Fenster. Wie der Zufall will, ist gegenüber dem Fenster ein großer McDonalds. Ich schaue Vincent an, Vincent schaut mich an. 

Wieder an meinem Platz angekommen, in der rechten Hand mein Handy, in der linken einen Hamburger, fangen wir an, uns zu unterhalten. „Wo kommt ihr hin?“, fragt irgendjemand. Ich erzähle von meiner Gastfamilie, dass ich drei Gastgeschwister bekomme, wir in einer kleinen Vorortschaft wohnen, und ich ein eigenes Zimmer bekomme, weil meine größte Gastschwester gerade ausgezogen ist. Jonas erzählt, dass er nach Marysville geht, wo immer das ist. Allegra geht nach Oxford, einem kleinen Örtchen, etwa so groß wie Kimball. Ich erzähle, dass ich Blog schreibe, und frage, ob nicht jemand korrekturlesen möchte. Also nimmt Melina meinen PC an sich. Glücklich darüber, dass jemand meine Fehlerchen ausbessert, probiere ich meine Fritten. „Wow, die sind viel besser als in Deutschland! Ich glaube in diesem Land bleibe ich ein Jahr!“, scherze ich rum. 

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So vergehen ein paar Stunden. Wir werden immer weniger. Ich verabschiede mich von Vincent, sein Flug geht schon um 16:00. Irgendwann beschließen wir, die nach Flint fliegen, schon zum Terminal zu gehen. Ich bin einfach nur noch müde und schlafe schon vor dem Flug ein wenig. Das wundert mich, denn normalerweise brauche ich ein Bett zum schlafen. Ich bin nicht jemand, der immer und überall schlafen kann. Ich muss schon sehr müde gewesen sein. Um neun Uhr beginnt dann endlich das Boarding. Als ich im Flugzeug sitze schlafe ich eigentlich direkt wieder ein. Dem Geschäftsreisenden neben mir kann ich nur wenig Aufmerksamkeit schenken. So richtig bemerke ich garnicht, dass wir starten. 

Ich wache kurz vor der Landung wieder auf. Prüfend schaue ich um mich. Die winzige Maschine schüttelt sich ein wenig und setzt schließlich zur Landung an. Bevor mein Ohr es überhaupt schafft, weh zu tun, sind wir am Boden. „Manchmal muss man den Schmerz einfach von hinten überraschen, sodass er garnicht erst anfangen kann“, sage ich später zu Jonas. Ich bin happy. Und aufgeregt. 

Ehrlich gesagt hätte ich gedacht, dass ich aufgeregter bin. Wahrscheinlich bin ich einfach nur zu müde um richtig aufgeregt zu sein. Also laufe ich durch einen Finger, zum letzten Mal heute. Das erste mal habe ich das Gefühl, irgendwo anzukommen. Trotzdem fühlt es sich noch ein wenig nach Klassenfahrt an. Flint ist ein kleiner Flughafen, und vom Terminal zum Ausgang sind es nur ein paar Meter. Ich lasse mir Zeit, forme in meinem Kopf schon ein paar Sätze zurecht. Jonas zu meiner linken, die Mädels zu meiner Rechten, laufe ich den breiten Gang entlang auf eine dicke Glastür. Sie steht offen. Erst als ich kurz davor stehe, sehe ich ein paar wenige Menschen warten. Gleich vorne rechts steht meine Familie. Das ist leicht zu erkennen, denn zwei meiner Gastgeschwister, Christian und Samantha halten ein Plakat mit der Aufschrift „Welcome Jonas“ in der Hand. Für einen Moment überlege ich, ob auch wirklich ich gemeint bin. Ich scheine mich für die richtige Familie entschieden zu haben, denn ehe ich mich versehe, schüttel’ ich allen die Hände und wir holen meinen Koffer.

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Im Auto unterhalten wir uns ein wenig, ich versuche nicht einzuschlafen. Dann endlich kommen wir an. Einfach nur müde und erschöpft falle ich wenig später in mein Bett. „Das Bett, in das ich die nächsten 10 Monate jeden Tag fallen werde“, denke ich. Gefühlt bin ich jetzt schon zuhause, doch wie lange wird es dauern, bis ich wirklich hier zuhause bin? 


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