Bayern – In Michigan? 1/2

Zusammen mit Happy, dem aufgedrehtesten Hund dieser Welt, meinem Computer und einem kühlen Wasser sitze ich an meinem Lieblingsplatz im Haus, einem alten Schaukelstuhl im Wohnzimmer. Ich habe noch ein paar Hausaufgaben zu erledigen. Nur mässig motiviert klicke ich durch ein paar Videos und Quizze. Fach: AP Government, ich lerne über die amerikanische Regierung. Im Moment geht es um den „Congress“, der aus dem „Senate“  und dem „House of Representatives“ besteht. Dieses Zweikammersystem ist auf den Konflikt von großen Staaten, die sich eine Anzahl von Vertretern, angepasst zu der Bevölkerungszahl wünschten, und den kleinen, die eine feste Nummer von Vertretern für jeden Staat bevorzugten, zurückzuführen. Logisch. Am Ende der Debatte hat man sich dann im großen „Connecticut-Compromise“ darauf geeinigt, dass man doch einfach beides macht, es wurde also der „Senate“, mit zwei Vertretern pro Staat, und das „House of Representatives“ mit einer Zahl von Vertretern, angepasst zur Bevölkerungszahl, gegründet. „Welch ein Einfall“, denke ich ironisch for mich hin.  

Nik hängt in seinem Zimmer rum, Heather und Paul sitzen auf der großen, beigen Couch, eine Decke über den Beinen. Vor uns flimmert der große Fernseher, es läuft Football. Der Sprecher berichtet hektisch über das Geschehen, ich habe längst den Überblick verloren. Christian hat heute morgen das Haus schon früh verlassen, um arbeiten zu gehen. Happy springt gerade von meinem Stuhl und nimmt seinen Stammplatz am Fenster ein, als Paul diesen morgendlichen Wahnsinn mit einem Vorschlag unterbricht. „Wie wärs mit einem Trip nach ‚Little Bavaria‘?“, fragt er, zuerst Heather, dann mich anschauend. Little Bavaria? Kleines Bayern? Klingt interessant.  

Wenig später befinden Nik, Heather Paul und ich uns im Auto. Auf dem Weg erzählt Paul ein bisschen über unser heutiges Ausflugsziel. „In dieser Stadt haben sich damals eine Ansammlung von Deutschen niedergelassen, genauer aus Franken, daher der Name. Heute spricht natürlich keiner mehr deutsch, aber irgendwie hat sich der bayrische Charme des kleinen Dorfes erhalten. Heute ist es eine riesen Touristenattraktion.“, erzählt er, während Nik und ich auf dem Rücksitz interessiert zuhören. „Unser erster Stop ist der größte Weihnachtsladen der Welt. Ungelogen“. Langsam kommen wir unserem Ziel näher, ein Ortsschild verrät, dass wir uns jetzt in Frankenmuth befinden. Über der breiten Straße erstreckt sich ein riesiges, gebogenes Schild. „Willkommen“, lese ich laut vor. Nik starrt mich fragend an, ich zeige nur auf das Schild. Links und rechts vom Schild sind zwei kleine Häuschen mit dem bayrischen blau-weiß Karo-muster und roten Dächern. Künstlerisch, ein bisschen an einen Freizeitpark erinnernd, erkenne ich nach und nach mehr Häuserfassaden der eigentlich relativ kleinen Stadt. Bevor wir jedoch in den Stadtkern vordringen, biegt Paul auf den riesigen Parkplatz des „Christmas Wonderland – Worldwide Selection“-Shops, der von außen eher unscheinbar aussieht. Einmal um die Ecke gebogen bemerke ich schnell, wie weit der Parkplatz noch um das Gebäude herumreicht, und wie viele Autos sich gleichmäßig darauf verteilen.

Trims & Gifts

„Heute ist ein guter Tag, es ist nicht viel los“, fängt Heather dann an. Nik und ich fragen erstaunt nach, wie voll es denn in den Ferien ist, oder kurz vor Weihnachten. „You can’t move“ kommt die Antwort schnell. Im Giebel des Gebäudes, das auch gut eine dieser riesigen DHL-Lagerhallen hätte sein können, steht Willkommen auf 30 Sprachen. Nik ist frustriert, dänisch ist nicht dabei. Deutsch natürlich schon, immerhin befinden wir uns in „Klein-Bayern“. Während Heather und Paul fast ein wenig routiniert und mit einer gesunden Portion Gelassenheit den Laden betreten, fallen Nik und mir die Kinnladen runter. Vor uns erstrecken sich Reihen über Reihen von Weihnachtsartikeln.

Weihnachtsstore Eingang

Das erste was ich erkenne ist eine kleine Ansammlung von Krippen in jeglicher Farbe, Ausführung und Größe. Daneben ein Regal mit ähnlichem Sortiment, aber in Halloween Edition. Weihnachtskrippen in Halloween? „Amerika“, wirft mir Nik zu. Ich nicke lachend. Über unseren Köpfen hängt ein Schild: „Section 5“. Weiter hinten im Raum finde ich „Section 10 & 11“. Der ganze Weihnachtsladen ist in Sektionen unterteilt. In Sektion 10 gibt es zum Beispiel Weihnachtskugeln, dorthin gehen wir als erstes. Es gibt einen Teil, der nach Ländern geordnet ist. Im „Germany“-Abteil finde ich von Lederhosen, über Liedtexte und Bierkrügen so ziemlich alles. Nik entscheidet sich dafür, eine dänische Kugel mitzunehmen, ich entscheide mich für eine deutsche. Auf der Rückseite unserer Kugeln stehen jeweils ein paar Traditionen, die in Deutschland und Dänemark an Weihnachten angeblich so üblich sind. Heather sucht noch ein paar andere für unseren internationalen Weihnachtsbaum aus. Darunter auch eine mit unserem Abschlussjahrgang, eine für Oma und eine mit einem Lehrer drauf, für Paul. 

Weiter hinten in der langen Halle finde ich noch einen Haustierteil, einen mit und für Prinzessinnen, einen „Outer Space“-Abschnitt und, wirklich war, einen mit mehreren Ananas-Variationen.

pineapple

Entlang der Halle ist eine Reihe von Kassen und Informationsständen. Weiter geht es mit Weihnachtsdörfern in etlichen Ausführungen. Völlig erschlagen von tausend Artikeln habe ich längst den Überblick verloren. Am Ende eines Ganges finden wir ein kleines Theater mit einem fast lebensgroßen Maria und Joseph Pappaufsteller und einer Art Harmonium. Danach kommt eine überdimensionale Sammlung von künstlichen Weihnachtsbäumen.  

Etwa eine Stunde später stehe ich wieder vor der Tür und versuche mich an das helle Sonnenlicht zu gewöhnen. Unser Pick Up wird heftig geschüttelt, als wir über die kleine Erhöhung am Parkplatzausgang fahren, die Rasen verhindern soll. Noch immer kämpfe ich mit der grellen Sonne, die jetzt durch das Fenster beim Rücksitz direkt in meine Augen scheint. Langsam nähern wir uns „Frankenmuth Downtown“, also dem Stadtzentrum. Die Anzahl an bayrisch anmutenden Häusern nimmt proportional zu. Während ich mich frage, ob man daraus eine lineare Funktion formen könnte, rollen wir auf den nächsten Parkplatz, der nicht weniger klein ist, als der vom Weihnachtsgeschäft. Beim Aussteigen erkenne ich, im Auto war es fast nicht zu erkennen, dass der Parkplatz zu „Zehnders“, einem riesigen Restaurant, gehört. Paul erzählt, das Zehners bekannt für ihr „Chicken“ sind, aber wir natürlich die Gelegenheit haben werden, uns unser eigenes Bild machen zu können. Bevor wir uns jedoch dem Hühnchen Genuss hingeben, beschließen wir, den verwunschenen Stadtkern zu erkunden.

parkplatz

Im Prinzip ist der Stadtkern nur eine Straße mit Geschäften links und rechts, also fangen wir an, die Straße linker Hand herauf zu bummeln. Das erste Geschäft, was uns zusagt, ist, wie die meisten Geschäfte an der Straße ein Souvenirladen. Für einen kleinen oder großen Groschen kann man typisch deutsche Souvenirs erwerben. Dazu gehören Tischdecken, Ohrringe und Leuchten. Eigentlich genau das, woran man sofort denken würde, wenn von deutschen Souvenirs die Rede ist. Während ich an diesen „Souvenirs“ getrost vorbeigehen kann, hängt sich mein Blick an ein paar runden Magneten für den Kühlschrank auf. Ich entscheide, ein paar mitzunehmen.

Magnets

Ein paar Meter weiter bestehe ich darauf, den nächsten Shop zu betreten. „Frankenmuth Fudge Store“ ließt es sich prominent auf dem Eingangsschild. In Deutschland habe ich ständig von dem berühmten Fudge gehört. Ein paar fleißige Mitarbeiter stellen die süße Leckerei aus Zucker, Milch und Butter für uns frisch her im anliegenden Raum, der durch eine breite Glasscheibe schaufensterartig vom Verkaufsraum abgetrennt ist. Hier gibt es Fudge in jeglicher Geschmacksrichtung. Ich, der Fudge-Anfänger, entscheide mich für Dunkle Schokolade. Nik nimmt gesalzene Schokolade, Heather, passend zu Halloween, Kürbiskuchen, Paul Apfelkuchen. Besonders interessiert wäre ich, so im Nachhinein, für „German Schokolade“ gewesen, also Kinderschokolade mit Kokusraspeln, wie die lächelnde Verkäuferin mir stolz erklärt. Höflich bedanke ich mich und verlasse den Laden mit einer Erfahrung mehr.  

Fudge

Die nächsten Geschäfte sehen nicht wirklich vielversprechend aus, also wechseln wir die Straßenseite. Vom süßen Duft des Fudges haben wir alle schon etwas Hunger bekommen, was ein Grund dafür sein könnte, warum wir den nächsten Laden betreten, den „Frankenmuth Taffe Store“. Berge von kleinen Toffee Bonbons stapeln sich zu meiner Rechten als ich den Laden betrete. Geübt greift sich Heather einen Eimer und wir fangen wie wild an, ihn zu befüllen. Etwa so viel, wie wir auffüllen, testen wir dabei ausführlich. Wir kommen auf drei stolze Pounds Toffee-Gewicht, das sind etwa 1,3kg. Die Verkäuferin lacht nur, presst den Toffee zusammen. Etwa zehn Minuten später sind wir bei 4 Pounds, die gequetscht im kleinen Eimer sind. „Der Rekord liegt bei sechs Pounds“, entgegnet die Verkäuferin drei erstaunten Gesichtern. „Sechs Pounds Toffee, wer soll denn das alles essen?“, frage ich mich so vor mich hin, als wir auf dem Weg zum nächsten Geschäft den „Frankenmuth Taffe Store“ verlassen.  


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Eine unerwartete Wendung…

Es war gestern Abend. Ich lag zunächst ahnungslos im Bett, meine Snapchat-Stories durchgehend, als mich einer nach dem anderen Hilferuf erreicht.

Genauer geht es um Nik aus Dänemark und Alex aus Spanien, zwei der fünf Austauschschüler an meiner Schule. Die beiden leben zusammen bei einer anderen Gastfamilie, die sie jetzt aber nicht mehr beherbergen kann. Einem der Elternteile geht es nicht gut, dem anderen fehlt einfach die Zeit. Deshalb müssen Nik und Alex ihre Familie verlassen, und nach einer neuen suchen.

Völlig entsetzt sprechen Christian, der gerade von der Arbeit nach Hause gekommen ist, und ich darüber. Vorübergehend leben die beiden nun bei ihrem Area-Representative. Entweder es finden sich eine oder zwei Familien in Port Huron oder Umgebung, die bereit sind, einen der beiden oder beide aufzunehmen, oder die beiden müssen die Schule und Port Huron verlassen, ein Szenario, das für Christian und mich nicht infrage kommt. Wir beide haben die beiden Austauschschüler von Anfang an ins Herz geschlossen. Wir schmieden einen Plan.

Am nächsten morgen stehen wir ein bisschen früher auf, setzen unser liebstes Lächeln auf. Dann, in Pauls Klassenraum, ist es soweit. Als zwei mitleidserregende Freunde, die einen Austauschschüler retten wollen, getarnt, stehen wir vor seinem breiten Schreibtisch. Christian erklärt die Situation. Hin und wieder nicke ich eifrig. Am Ende des mehrminütigen Plädoyers steht die alles entscheidende Frage: „Kann Nik bei uns einziehen?“ „I don’t care“, kommt die Antwort schnell.

Wir brechen in Jubel aus, die paar Schüler und Paul starren uns fragend an. Wir sprinten zu Nik in die Cafeteria und übermitteln die frohe Botschaft. Auch Alex hat ein neues zuhause gefunden. Wir sind überglücklich und fallen unserem neuen Bruder in die Arme.

So wird aus meinem Austauschplatz ein Double-Placement. Mein Tagesablauf wird sich vielleicht ein wenig verändern, mein Freundeskreis erweitern. Mein Austauschjahr hat eine unerwartete, und schöne Wendung genommen!


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Das Yale Turnier

Der Tag, über den ich heute berichte, beginnt eigentlich schon am Abend vorher. Christian und ich besprechen uns. Auf dem grau-beigen Sofa sitzend besprechen wir die Taktik für den morgigen Tag. Vielleicht gut für mich, mit spontanen Planänderungen gehe ich meistens ähnlich verplant um wie Stefan Raab mit einem neuen Studiospiel. Neben uns sitzt Lucas, ein Freund der uns morgen unterstützen will, und schüttelt nur heftig den Kopf während er uns zuhört. „Wollt ihr es nicht einfach auf euch zukommen lassen?“, unterbricht er uns ziemlich plötzlich. „Also, ähm“, fängt Christian an, „Ok“, setze ich fort.

Am nächsten Morgen werde ich recht unsanft von meinem Handy geweckt. Vielleicht hätte ich etwas früher ins Bett gehen sollen. Als ich etwas torkelnd meine Zimmertür öffne kommt mir ein seltsamer Geruch entgegen. Noch leicht benommen folge ich den Treppenstufen nach unten in die Küche. Unten angekommen entdecke ich schnell die Quelle des Geruchs. Zwei lachende Gestalten braten Eier. Lucas hält einen großen Pfannenwender in der Hand, Christian eine Pfanne. Lucas ist gerade dabei, sich Ketchup in seine Pfanne zu kippen, Christian schaut misstrauisch. Den leeren Tüten neben seiner Pfanne zufolge, hat er sich für die „Fire“-Sauce von Tacco Bell entschieden. Als ich die zum letzten mal probiert habe, musste ich zwei Liter Milch trinken. Diese 50:50 Ei-Saucen Mischung erklärt den eigentümlichen Geruch, der sich wie ein schleichender Schlafwandler durch das ganze Haus verteilt. Auch wenn die beiden mir nach eigenen Aussagen, natürlich etwas abgegeben hätten, entscheide ich mich für eine andere Instanz des Morgens: PopTards. Inzwischen ist es für mich eine Gewohnheit. Genussvoll hole ich die zwei rechteckigen Scheiben Zucker aus der Verpackung. Dieser Prozess ist etwa mit dem öffnen eines KinderPinguins zu vergleichen. Sehr viel Plastik, und doch sehr befriedigend. Nach dem allmorgendlichen PopTard geht es auch schon los. Ich entscheide mich diesen Morgen dafür in meinen knallblauen Crocs das Haus zu verlassen, den ganzen Rest des Tages werde ich schon in meinen Tennisschuhen gefangen sein, die zwar perfekt zum Tennis spielen sind, sich aber außerhalb des Platzes doch sehr klobig tragen. Zu viert setzen wir uns in den großen Pickup meines Gastvaters. Christian dreht irgendwas am Radio herum, so lange bis ein mittelmäßig cooler Road Song erklingt. Mit der Sonne im Rücken, meinen Tennisschläger auf dem Schoß, einem Soundtrack, den nur komische deutsche Filme als Atmosphäre benutzen würden (auch nur weil er zufällig lizenzfrei ist) und einem halb schlafenden Lucas neben mir, nähern wir uns unserem heutigen Ziel: Das Tennisturnier in Yale. Nach etwa einer halben Stunde Fahrtzeit sind wir in Yale. Die Luft ist frisch, als ich mit meinen Crocs durch das noch feuchte Gras hin zu den Tennisplätzen schlappe.  

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Vier Plätze sind bereits von Yale, und einer anderen Mannschaft besetzt, Christian und ich schnappen uns schnell den fünften und sechsten. Kurz nachdem wir ein paar Bälle geschlagen haben, trudelt der Rest unser ähnlich müden Mannschaft ein.  

Amerikanische Tennisturniere funktionieren ein bisschen anders als deutsche. In Deutschland tritt man meistens als einzelne Person an. In einem großen Tableau werden alle Partien aufgelistet und nacheinander ausgespielt. Wer eine Runde weiter kommt, dann noch eine und noch eine, hat gewonnen, als einziger. Am Ende unseres Turnieres gibt es sieben Gewinner. Hier treten wir als Mannschaft gegen drei andere Mannschaften an: Goodrich, Sandusky und Yale. Jede Mannschaft bestimmt ein erstes, zweites, drittes, usw. Doppel. Dann spielen alle ersten Doppel gegeneinander, alle zweiten, usw. Christian und ich sind das erste Doppel unser Mannschaft. Für uns beide ungewohnt, denn eigentlich stehen wir allein auf dem Tennisplatz.  

Ein paar Leute schauen uns einschätzend an, als wir den blau-grünen Hartplatz betreten. „Der Coach von Dakota hat von uns erzählt“, fängt Christian an, „die wissen das wir einen Austauschschüler haben, der gut ist.“ Und tatsächlich, ein paar der Jungen unser Gegnerteams tuscheln hektisch. Ich weiß noch nicht ob ich diesen Sonderstatus genießen kann, denn als wir uns an diesem noch jungen Tag einspielen ist unsere Leistung erstmal nicht vielversprechend. Christian schlägt einen Ball ins Netz. Ich stürme ans Netz und treffe den Zaun anstatt das Feld. Erst nach ein paar Minuten fangen wir an, die Bälle auch ins Feld zu schlagen. Ich dehne meine Schulter heute extra lange, gestern hat sie ein bisschen weh getan. Dann geht es los. Schräg vor den sechs Tennisplätzen steht ein ausladendes Dach. Darunter finden ein paar Tische mit der Turnierleitung und einem kleinen Essensbuffet platz. Yale ist ein familiäres, kleines Turnier. Jeder ist angehalten, etwas zu essen mitzubringen, für alle. Jemand hat einen großen Topf Chilli gekocht, ein paar haben Hotdogs organisiert. Wieder ein anderer hat Pizzen gebracht.  

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Der Turnierdirektor ist ein älterer Mann aus Yale. Er begrüßt alle, erklärt alles und liest die ersten Partien vor. In unser Kategorie, erstes Doppel, spielt als erstes Sandusky gegen Yale. Da Yale nur sechs Plätze hat, kann immer nur ein Match in einer Kategorie gleichzeitig stattfinden, für mich und Christian heißt es also warten. Aufmerksam beobachten wir unsere nächsten Gegner. Für Sandusky spielt ein großer und breiter Junge, den man vom ersten Anblick eigentlich eher in der Football Mannschaft vermutet hätte. Aus irgend einem Grund lächelt er ununterbrochen wenn ich ihn anschaue. Irgendwann höre ich auf, ihn anzuschauen, aus Angst, er macht such über mich lustig. „Habe ich irgendetwas im Gesicht oder so?“, frage ich Christian. Er lacht, sagt „Ja, einen riesigen Fleck“. Also hole ich mein Handy raus um das Ausmaß meines Gesichtsflecks zu begutachten. Natürlich ist da kein Fleck, also werfe ich Christian den vorwurfsvollsten Blick zu, den ich meinen müden Gesichtsmuskeln gerade entlocken kann. Er lacht. Dann ist es soweit. „First Doubles Port Huron Goodrich“, brüllt der Turnierdirektor ein mal über die kleine Ansammlung von Tennisplätzen hinweg. Aus den Augenwinkeln sehe ich zwei große Jungs aus der Ecke aufstehen, wo sich die Goodrich Mannschaft versammelt hat. Durch eine angerostete Tür trotten wir langsam, aber irgendwie doch entschlossen auf den Platz. Irgendwie habe ich ein gutes Gefühl bei diesem Turnier.  

Christian wirft mir einen Ball zu, und als wir uns alle an der Grundlinie versammelt haben, fangen wir an, uns einzuspielen. Nebeneinander spiele ich zuerst mit einem Jungen, der etwa meine Körperstatur hat. Sein Partner ist etwas größer. Dann geht es los. Christian fängt an aufzuschlagen. Aufgeregt blicke ich über den Platz. Zwar habe ich im Einspielen schon einen Eindruck davon bekommen, was auf uns zukommt, aber wie gut oder schlecht unsere Gegner wirklich sind, wird sich erst jetzt offenbaren. Der Aufschlag trifft die Linie des Aufschlagfelds. Misstrauisch blickt der Netzspieler auf den Ball. Obwohl Christians Aufschlag gut war und auch Tempo hatte, weiß der Returnspieler eine Antwort. Erstaunt kann ich dem Ball, der fast wieder genau zurück zu Christian fliegt, nur hinterherschauen. Unsere Gegner sind besser als erwartet. Ich blicke fragend. Christian entgegnet den Blick mit einem „Ok, let’s go!“. Irgendwie gewinnen wir das erste Spiel. Dann das zweite, dann das dritte. Fast schon ein wenig verzweifelt trotten unsere Gegner zu ihrem Trainer, der hinter dem Zaun wartet und ein paar hilfreiche Tipps zu geben versucht. Vergebens, der Satz geht an uns. Es könnte nicht besser laufen, auch im zweiten Satz können wir dominieren. Langsam hat sich eine Anzahl an Menschen staunend hinter dem Zaun versammelt. Ein paar tuscheln aufgeregt.  

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Ein kleinerer Junge blickt ehrfürchtig zu uns auf, als wir, fast schon majestätisch, den Platz verlassen und zum Essensbuffet laufen. Es könnte nicht besser sein, soeben hat jemand Pizza vorbeigebracht. Kaum habe ich mein Pizzastück aufgegessen, befinde ich mich schon wieder auf dem Platz. Das zweite Match verläuft reibungslos, der große, lächelnde Junge aus Sandusky hat zu Christians Aufschlägen und meinem Spin nicht viel zu sagen, sein Partner versucht es noch zu retten, vergeblich. Nachdem wir also auch unser zweites Match für uns entscheiden konnten, bleibt noch ein Gegner übrig: Yale.  

Yale ist für eins bekannt: Doppel. Die Kids aus Yale spielen meistens nicht so gut, wie die anderen, aber clever. Wir konnten bereits zwei Matches beobachten, beide hat Yale für sich entscheiden. Nie gab es jemanden, der herausstach oder durch besonders gute Schläge aufgefallen ist. Im Gegensatz zu den meisten hier, hat Yale das Spiel verstanden: Es geht nicht darum, wie hart man schlägt, sondern wohin und wie. Christian und ich spielen das erste mal zusammen heute, unsere Gegner sind ein eingespieltes Team. Einer von beiden hat eine weiße Sportbrille auf der Nase, der andere eine riesige Cap. Wieder fängt Christian an aufzuschlagen, doch diesmal fliegt der Ball, ohne das ich auch nur reagieren kann direkt an mir vorbei in meine Ecke. Im ersten Ball des gesamten Matches wurde ich passiert, das hat bisher noch niemand gemacht. Christian schaut mich erstaunt und ein bisschen vorwurfsvoll an, ich versichere: „Kein Problem, Kein Problem“. Zum Glück ist nicht jeder Ball eine Überraschung und nach etwas mehr als einer halben Stunde liegen wir in Führung. Unsere Strategie geht auf, vorher haben wir schon reichlich unsere Gegner beobachtet, Schwächen und Stärken studiert. Wir versuchen immer wieder, das Team zu separieren, Einzelkämpfe gewinnen bevorzugt wir.

Dann ist es soweit, der letzte Ball unseres Matches sollte ein Lob werden, doch landete genau in Christians Schläger – und wird getötet. Wir geben unseren Gegner feierlich die Hände, ein paar Leute klatschen hinter dem Zaun.  

Knapp eine Stunde später bekommt jeder von uns eine goldene Medaille in die Hand gedrückt. Auch wenn unser Team aus Port Huron nicht gewonnen hat, haben Christian und ich zumindest einen kleinen Erfolg verzeichnen können. Überglücklich machen wir ein Siegerfoto.

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Dann heißt es Abschied nehmen. Noch einmal blicken wir in die Runde und nicken unsern Gegnern zu. Wir werden mit einem anerkennenden Lächeln in die bunt untergehenden Abendsonne verabschiedet.  


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Mein erster Schultag 2/2

Als ich meine Kurse gewählt habe, musste ich ein gesellschaftliches Fach belegen, das in Zusammenhang mit Amerika steht, eine „AP-Class“. Ich habe mich für „AP-Gov“ entschieden, ein Kurs in dem man sich mit der amerikanischen Politik beschäftigt. Also: Wie ist die Regierung aufgebaut. Wer darf wen wann wählen, und welcher gewählte wählt dann wen und wer ist eigentlich dieser komische Mann mit dem Meerschweinchen auf dem Kopf im weißen Haus? Die letzte der vielen Fragen, die ich habe, wird mir quasi beim betreten des Raumes abgenommen. Ein paar Plakate stellen den Präsidenten und seine engste Rivalin Hillary Clinton vor. Wahrscheinlich aus der Zeit des Wahlkampfes. In einer Ecke hängt ein einsames „Hillary for President“-Plakat, das still ein wenig zu protestieren scheint. Dann kommt unsere Lehrerin durch die Tür spaziert. Sie stellt sich als Mrs. Davis vor und nach ein paar Regeln und allgemeinen Infos geht es los: Wir sollen uns vorstellen. Während wir uns mit unserem Handy (!) in den Google Classroom einloggen, sollen wir uns eine Süßigkeit überlegen, die mit dem gleichen Buchstaben anfängt, wie unser Vorname. So, meint sie, kann sie sich unsere Namen besser merken. Ich sitze ganz vorne am Rand eines Gruppentisches und bin fast als letzter dran. „Ich bin Jonas, und ich mag JellyBeans“, sage ich stolz. Im zweiten Atemzug erzähle ich, dass ich Austauschschüler bin. Dann geht es los. Die nächsten fünf Minuten sind ausschließlich mir gewidmet. Zuerst: das Präsidententhema. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, meine Trump-Unsympathie nicht direkt auszusprechen, erst den Gegenüber sprechen zu lassen, immerhin hat (fast) die Hälfte den Superstar und Menschenfreund ja gewählt. Aber wenn ich hier nicht gesagt hätte, dass ich kein Trump-Freund bin, hätte ich wahrscheinlich meine erste sechs kassiert. Mein Sitznachbar flüstert mir derweil still zu: „Als Trump gewählt wurde, ist sie zwei Wochen nicht zur Schule gekommen.“ Das glaube ich beim Anblick der Hillary-Fanplakaten und der wild lamentierenden Mrs Davis gerne, die ihren täglichen Trump-Hass heute an mir auslässt. Kurz bevor Sie vermutlich angefangen hätte zu weinen, weil der Zustand unerträglich ist, beginnt sie, darüber zu reden, was wir das Schuljahr über machen werden. „In diesem Kurs geht es um die amerikanische Politik“, fängt sie an, „Ich will euch vermitteln, wie man sich eine Meinung bildet, wie man mit welchen Informationsquellen umgeht, ‚fake news‘ von echten Nachrichten zu unterscheiden, und und und…“. Klingt doch interessant.

Zum Schluss kommt dann, zumindest für die meisten, der Höhepunkt der Stunde. Wir bekommen ein Formular für unsere Eltern mit auf den Weg. Es geht um den Laptop, den jeder von uns bekommt. Ich gestehe, dass es mir schon erzählt worden war, aber für die meisten ist das eine riesen Überraschung. Da unsere Gegend als arm eingestuft ist, bekommen die Schüler mehr Dinge umsonst, darunter einen Laptop, den wir alle nach unserem belieben für schulische Zwecke nutzen dürfen. In ein paar Wochen werden die funkelnagelneuen „Chromebooks“ verteilt und wir dürfen sie mit nach Hause nehmen. „Das wäre doch mal was für Deutschland!“, denke ich mir leise.

Dann piept die Schulklingel wieder. Ich packe extra langsam meine Sachen ein, um Mrs Davis nach meinem nächsten Kurs, ELA 11, einem Englischkurs, zu fragen. Wo bei den anderen Kursen „Gym“ oder „Room 122“ stand, steht jetzt „Grn A“, eine Abkürzung für Greenroom A, wie ich von ihr aufgeklärt werde. Ich muss einmal den gesamten Gang runter, dann am Gym vorbei, dann an den Bandräumen vorbei, die Schallisoliert in einem anderen Gebäude platz finden, und dahinter ist Greenroom A.

Eine Minute zu spät komme ich an. Zum Glück ist der Lehrer noch nicht da und ich setze mich schnell irgendwo hin. Hier gibt es keine Gruppentische, nur drei lange Sitzreihen. Ich wende das Theater-Prinzip an. Jahrelange Erfahrungen haben gezeigt, dass es im Theater, bei Schulvorstellungen am besten immer genau in der Mitte ist. Warum? Die Leute ganz vorn werden von den Schauspielern angestarrt und müssen es ausbaden, wenn alle anderen laut sind und der Lehrer die Vorstellung unterbrechen muss, was jedes mal passiert weil sich niemand für das aufgeführte Stück interessiert. Ganz hinten sitzen die bösen Jungs, die die immer nur quatschen, ihrem Vordermann Müll in die Kapuze stecken und irgendwelche Süßigkeiten oder Getränke ausschütten und das Theater wie einen Saustall hinterlassen. Am Ende heißt es dann: „Wer saß in der letzten Reihe?“. An den Seiten oder in den Gängen laufen die Schauspieler und vordern irgendwelche ahnungslosen Schüler auf, in ihrem neumodischen Theater mitzumachen, das der Lehrer auch nur ausgesucht hat, weil es günstig war, und auf der Website Catchphrases wie „Für junge Menschen im Wandel“ oder „Pädagogisch sinnvoll in den Unterricht integrierbar“ standen. Kurzum: Am besten ist es einfach in der Mitte. Man muss sich während der Aufführung keine Gedanken machen, und auch danach wird man nicht angeprangert für Dinge, die man nicht gemacht hat.

Genau dorthin setze ich mich. Vorne das übliche Tafel-Setup. Ein langes Whiteboard mit einem Beamer in der Mitte. Dann piept es einmal, ich erschrecke mich kurz. Eine Lautsprecherdurchsage folgt. Dann stehen auf einmal alle auf. Ein paar böse Jungs in der letzten Reihe setzen ihre Cap ab. Die „Pledge of Alliance“ wird jeden Morgen gesprochen. Alle Schüler stehen und schauen zu einer USA-Flagge, die übrigens in jedem Raum hängt. In diesem Raum hängt sie schräg über dem Whiteboard mit den Google-Classroom Codes.

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Wie ein Gebet flüstern schüchtern ein paar von uns mit. Unwissend, was genau jetzt gerade passiert stehe ich auch auf und schaue ehrfürchtig die Flagge an. Dann setzen sich alle und wenden sich wieder ihrem Handy zu. Ein Mädchen neben mir will sich gerade Kopfhörer ins Ohr stecken, als der Lehrer reinkommt. Mr Kreiner ist ein mittelgroßer, stämmiger Durchschnittsdeutscher, nur das er in Amerika lebt. Das Mädchen steckt die Kopfhörer genervt wieder weg.

Auch Mr Kreiner sagt zum Anfang ein paar Worte. Bitte packt die Smartphones weg, passt im Unterricht auf, wir lesen nächste Woche das erste Buch, und so weiter und so weiter. Fast ein wenig wie in Deutschland. Dann die erste Aufgabe. Er reicht kleine Post-Its herum, auf die wir Dinge schreiben sollen, die wir mit Amerika verbinden (und die nicht „Freedom“ sind). Wir sollen kreativ sein. Ich gehe auf Nummer sicher, ich will nicht direkt eine Diskussion auslösen. Ich schreibe „Individualität“ und „Burger“ auf. Ein ernsthaftes, und ein witziges Wort, Good Cop – Bad Cop Prinzip. Zusammen ergibt das immer eine gute Mischung. Mr Kreiner liest die kleinen, gelben Zettelchen an der Tafel alle einmal vor. Irgend ein Spaßvogel hat „Burger“ aufgeschrieben. Ein paar einzelne lachen kurz. Weitere Wörter, die man vielleicht eher nicht erwartet hätte: Terror, Intensiv, Angst & Schrecken, Pepsi-Cola (?). Dann bekommen wir alle ein Notizbuch. Das können wir das Jahr über nutzen, wenn immer wir etwas aufschreiben müssen, sagt Mr Kreiner zu uns. Als erstes sollen wir ein paar der Wörter von der Tafel notieren. Dann sollen wir uns jeweils zwei Wörter raussuchen, und erklären, warum wir genau diese Wörter mit Amerika verbinden. Die Wörter müssen nicht von uns kommen. Ich entscheide mich für mein eigenes Wort Individualität. Mein zweites Wort war eins der ersten an der Tafel: Trump. Das musste ja kommen. Ich setze meinen letzten Punkt gerade richtig zum Piepen der Schulklingel, alle stürmen aus dem Raum. Als nächstes habe ich Lunch.

Das „Mittagessen“ funktioniert hier wesentlich anders als man vielleicht denken würde. An meiner Schule, der Port Huron Highschool sind wir 15000 Schüler. Da ist klar, dass nicht alle gleichzeitig Mittagspause haben können. Deswegen gibt es A, B und C Lunch. Ich habe A Lunch. Das ist schon um 10:50 an einem normalen Schultag. Heute ist es um 11:25. Hektisch schreibe ich Christian eine iMessage, wo wir uns denn treffen. „Vor der Cafeteria“, kommt es schnell zurück. Zusammen mit Christan stelle ich mich willkürlich in eine der vielen Schlangen, die zu unterschiedlichen Essensausgaben führen.

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Er erzählt mir, dass er sich meistens hier anstellt, denn hier gibt es Chicken, Hot Chicken. Das sind panierte Hähnchen Nuggets, die einem den Mund zum brennen bringen. Dazu gibt es ein paar grüne Bohnen, eine kleine Plastiktüte mit geschälten Möhren, noch eine mit Äpfeln und ein kleinen Tetrapack Milch. Es gibt normale Milch, Erdbeermilch und Schoko. An einem kleinen Kassentisch steht ein Computer mit einem Touchpad. Wir müssen unsere „Student-ID“ eingeben, eine sehr lange Nummer, die jeder Schüler hier hat. Ich brauche gefühlt eine Ewigkeit um die Nummern einzutippen, hinter mir tippelt schon ein nächster ungeduldig auf der Stelle. Dann nehme ich mir noch ein Päckchen mit Plastikbesteck aus einem Korb und reichlich Ketchup. Ich folge Christian an unseren zukünftigen Stammplatz, ganz am Ende von einem der langen Tische. Unsere Mittagspause ist nur 25 Minuten lang, das reicht um entspannt auf zu essen, aber Gemütlichkeit kommt nicht auf, ganz im Gegensatz zu der einstündigen Mittagspause in Deutschland, in der man nach dem Mittag noch einen Spaziergang machen, ein Buch lesen, oder ein Buch schreiben kann.

Als nächstes habe Ich zwei Fächer, von dem ich mir viel erhoffe: Digital Design & Photography. Während man im Internet-Entwicklungsland Deutschland in der Schule meistens nur slither.io auf einem Windows 95 Rechner spielen kann (und das schon mit Mühe), lernen wir hier, wie man einen richtigen Computer bedient. Darüber hinaus lernen wir, wie man mit Adobe Illustrator und Photoshop umgeht, wie man richtig kunstvolle Grafiken, Bilder, Photos kreirt. Ein absolutes Traumfach, für jemanden, der das sowieso schon den ganzen Tag macht, oder zumindest versucht. Als Mrs Jones, meine Lehrerin in beiden Fächern, das alles erzählt komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus, da hat sich jemand richtig was gedacht. Mrs Jones Klassenraum ist gefüllt mit Computern, die selbstverständlich alle mit Photoshop, Illustrator, Lightroom, usw. ausgestattet sind. Ich setze mich ganz nach vorne zwischen Christian und Austin, den ich schon vom Tennistraining kenne.

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Als erstes lernen wir, unser Google Drive zu konfigurieren. Wir lernen ein paar Shortcuts (Tastenkombinationen) zum Kopieren und Einfügen von allerlei Dingen in und aus Google Drive. Mit Strg & C kopiert man, mit Strg & V fügt man wieder ein. Das nennt sich, übrigens auch in deutsch, Copy & Paste. Nichts Neues für mich, den selbst ernannten besten IT Spezialisten der gesamten USA (realistische Einschätzung). Souverän bearbeite ich einen Schritt nach dem anderen. Alles klappt auf den ersten Versuch. Zwischendurch schaue ich kurz zu  Austin herüber. Gemütlich sitzt er mit einer kleinen Tüte Gummibärchen da, schon längst fertig. Ich schüttel nur leicht den Kopf und verwerfe meine These, dass ich der talentierteste Computerbesitzer der Vereinigten Staaten bin, schnell wieder. Nach 50 Minuten verlassen dann alle die Klasse, nur ich und ein Mädchen in der letzten Reihe bleiben sitzen. Nach Digital Design kommt Digital Photography. Die Digital Photography Stunde unterscheidet sich nicht wirklich von der vorigen. Auch wir richten zuerst Google Drive ein, bekommen eine kleine Einleitung, was wir dieses Jahr so machen werden.

Jetzt muss ich ein kleines Geständnis machen. Wenn man darüber spricht, warum man einen Austausch macht gibt es sogenannte Push- und Pull-Faktoren. Ein Pull-Faktor, ganz dem Namen nach, zieht in ein Land. Vielleicht ist es die Sprache, vielleicht sind es die Menschen, oder einfach der Spirit. Es ist immer noch Amerika! Und dann gibt es die Push-Faktoren, also Faktoren, die aus dem Land „wegdrücken“. Ich habe eigentlich überhaupt keinen Grund, zu gehen, aber ich muss, dann nenne ich meistens zwei Gründe: Französisch und Mathe. Mit Französisch bin ich fertig, finito, nie wieder, bitte. Ich mag die Sprache wirklich, vom Land ganz zu schweigen, aber als Sprache in der Schule? Zwei mal in der Woche in einen öden Klassenraum trotten, in dem zwei von 30 wirklich Lust haben (die Lehrerin zählt nicht zu den zwei), um dann mit „Je ne sais pas“ auf jede Frage zu antworten? Ist es ein Zufall, dass Statistiken (Quelle: Jonas) zufolge in einigen Französischbüchern bis zu 80% der Figuren Quadratbärte aufgemalt bekommen haben? Ich bringe diese alarmierenden Zahlen klar mit einer gewissen Verzweiflung der Schüler in Verbindung.

Etwa das gleiche trifft für Mathe zu. Ich bin ungefähr auf dem Niveau der 6. Klasse stehengeblieben, da war in meinem Kopf einfach Schluss. Seitdem ploppt jedesmal eine kleine Fehlermeldung in meinem Kopf auf, wenn ich eine dieser Gleichungen sehe. Falls das hier jemand liest, der Ahnung hat: Kann es sein, dass sich das menschliche Gehirn einfach irgendwann zwischen Mathe oder der Realität entscheidet? In der deutschen Schule ging mathetechnisch zum Schluss gar nichts mehr. Irgendwie habe ich es geschafft, mich mit einer drei minus minus und einem freundlichen Lächeln, vielleicht ein bisschen unter dem Radar und mit einer kleinen ironischen Augenbraue, bis zu meinem letzten Zeugnis durchzumogeln, einfach glücklich darüber, dass ich keine rote fünf kassiert habe. Worauf ich hinaus will? Rate doch mal, was ich in der letzten Stunde habe? Ich hatte bei der Fächerwahl leider keine andere Wahl…

Also schlurfe ich mühselig den langen Schulflur entlang, der jetzt auch gerne etwas länger hätte sein können. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich schon innerlich ein wenig resigniere. Das will ich eigentlich nicht, also lege ich einen Zahn zu und betrete voller Zuversicht den Raum von meiner Mathelehrerin Mrs Moran. Und ich bin erstaunt.

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Die Wände sind in einem angenehmen blau gestrichen. Vorne das übliche Setup: Ein Whiteboard mit Beamer, daneben ein paar Announcements. Davor ein paar Gruppentische  mit jeweils 4 Stühlen und großen Tischen mit Rollen. In den Tischen sind kleine Einkerbungen für einen Schwamm und einen Whiteboard Marker. Seitlich am Tisch hängt ein kleines Whiteboard. Hinter den Gruppentischen sind ein paar längliche Stehtische, ebenfalls mit Whiteboards ausgestattet. Ganz hinten in der Ecke ist ein Sofa mit kleinen Tischchen. Zwischen all dem bewegen sich ein paar „Nods“, also Stühle mit Tischen auf Rädern. Vor dem ausladenden Schreibtisch von Mrs Moran steht ein kleines Rednerpult mit einer Dokumentenkamera. So habe ich mir schon immer einen Klassenraum erträumt. Modern, fröhlich, digital. Hier könnte sich Bildungs-Entwicklungsland Deutschland mehr als eine Scheibe abschneiden. Zu meinem Glück wird in der ersten Stunde auch noch nicht gerechnet. Mrs Moran stellt erst sich kurz vor, erzählt uns dann worum es in diesem Kurs geht. Alles begleitet von einer hübschen PowerPoint Präsentation. Wow! Ich habe tatsächlich die Hoffnung, dass mir mein Matheleben ein bisschen einfacher gemacht werden könnte.

Fast schon beflügelt verlasse ich an diesem Tag die Schule. „Ich habe so viel zu erzählen“, denke ich laut vor mich hin. Christian schaut mich komisch von der Seite an. Für einen Moment habe ich vergessen, das hier niemand ausser mir deutsch spricht. Ich lache.


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Mein erster Schultag 1/2

Als ich an diesem morgen aufwache, fällt es mir schwerer als sonst, die Augen zu öffnen, zu Sinnen zu kommen, irgendwie aus dem Bett, zum meinem Handy zu stolpern. Eigentlich mag ich es nicht, direkt am morgen auf ein helles Display zu schauen, aber da ich weiß, dass ich nur schwer aus dem Bett zu kriegen bin, habe ich mein Handy prophylaktisch auf den kleinen Schreibtisch in meinem Zimmer gelegt. Jetzt klingelt es. Für einen Moment frage ich mich, warum ich so fertig bin, dann fällt mir ein, dass es halb sechs ist, und ich gestern nicht wirklich einschlafen konnte. Vielleicht habe ich auch nur sehr schlecht geträumt. Waren meine letzten Assoziationen mit dem, was heute auf mich zukommt vielleicht nicht positiv? Gut möglich, denn heute ist mein erster Schultag. 

Nach einem obligatorischen Gang ins Bad ziehe ich mich um. Dann packe ich meinen Rucksack. Bereits am Abend zuvor habe ich mir Gedanken gemacht. Zwei Sport Outfits haben es in meinen Rucksack geschafft, ein dicker Block mit meinem Stundenplan darin. Was man wissen muss, ist, das amerikanisches Papier ein anderes Format hat als deutsches. Das amerikanische Equivalent zum deutschen DinA4 Format ist ein wenig kürzer, dafür etwas dicker. Ein Zufall? Die kürzere Länge ist kein Problem, aber die zusätzliche Dicke setzt meinem Rucksack so zu, dass ich, zusammen mit meinen Sportklamotten und meinem Tennisschläger Probleme habe, ihn zu schließen. Spontan packe ich noch ein Deo ein. Als ich mich dem halb geöffneten Fenster in meinem kleinen Zimmer nähere, bemerke ich erst die Kälte, die in mein Zimmer zieht. Ich ziehe über mein T-Shirt also meinen dicken roten Pulli, den viele wahrscheinlich kennen. Ich fühle mich ausgerüstet für einen Militäreinsatz. Für jede Individualität bin ich gewappnet. Vergessen habe ich noch nie etwas. Mit diesem Gefühl von Sicherheit steppe ich mit großen Schritten die Treppe herunter. Wenn mich andere dabei gesehen hätten, wäre ich vielleicht in Zeitlupe gelaufen. Lange hält das Gefühl nicht an, denn nach etwa der Hälfte der Stufen, in der Mitte der Treppe ist ein kleiner Podest, fällt mir das erste Item des Tages ein, das ich vergessen habe. Wieder unten angekommen ist das erste was ich sehe, wie immer das große, zum liegen einladende, beige Sofa. Darauf sitzen meine Gasteltern. Ihre Gesichter von einem iPad erhellt. Der Rest des Raumes liegt im Dunkeln. Ich bin aufgeregter als sonst beim üblichen „Guten Morgen Talk“. Ja, ich habe gut geschlafen (habe ich nicht), mir geht es gut (naja) und ja, ich freue mich auf die Schule. Und das stimmt sogar. Ich erwische mich kurz bei dem Gedanken „Schlimmer geht es ja nicht mehr“, dann beschließe ich, aber nicht weiter darüber nachzudenken. Versteh mich nicht falsch, ich mochte meine Schulen Deutschland. Ich stehe sogar manchmal wirklich gerne auf, um mich dann auf meinem Dratesel die Straße runter rollen zu lassen. Ich mag die meisten meiner Lehrer, die Gebäude, meine Freunde. Was ich nicht mag ist der Unterricht. Mir fallen auf Schlag zehn Dinge ein, die man verbessern könnte. Kein Problem. Es ist langweilig, dauert zu lange, und ist unfair. Und dann die Stimmung. Ich werde wirklich häufig komisch angeschaut, wenn ich mit einem Lächeln das Gebäude betrete. Es fühlt sich an, als würde ich auf eine Beerdigungsfeier gehen. Jeden Tag. 


Warum ich die Schule nicht mag? Hier geht es zu einem Artikel von mir über die Schule!


Jedenfalls setze ich meinen Gang in die Küche fort. Die Küche und das Wohnzimmer verbindet eine ausladende Doppeltür. Nie habe ich sie geschlossen gesehen, weshalb die Küche eigentlich halb im Wohnzimmer steht. Auf dem langgezogenen Tresen der Küche stehen viele Dinge. Ein Korb mit Brötchen für Hamburger und Hot Dogs, ein paar Saucen, darunter Ketchup, Senf, Miracle Whip, und ein paar andere, die ich noch nicht kenne. Direkt daneben eine Fritteuse, daneben ein Toaster, daneben ein Blech mit frisch gebackenen Zimtschnecken.

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Ich hole mir einen Teller und zwei Schnecken. Ich setze mich an den Küchentisch zu meinem Gastbruder Christian. Der hat bereits eine Zimtschnecke verputzt. Still geben wir uns ganz unseren Zimtschnecken hin, bis Heather, meine Gastmutter, uns aufscheucht. Das „erster Tag in der Schule“-Bild muss noch gemacht werden. Ich streiche mir durchs Haar. „Bitte lächle doch einmal!“, bittet Heather ihren Sohn. Er weigert sich, wahrscheinlich aus Prinzip. Vor lauter Ernsthaftigkeit müssen wir beide lachen. In der Hoffnung, wir wurden in einem passenden Moment festgehalten, nehmen wir unsere Rucksäcke und begeben uns auf die Reise. 

Normalerweise würde man jetzt irgendwo hinlaufen, mit seinem großen Rucksack, einem grünen Apfel und einem Butterbrot, das die Mutter für einen geschmiert hat, man aber sowieso nicht isst, in einen gelben Bus steigen, sich neben irgendeine Jenny setzen, sich verlieben, und so weiter… Nur haben Christian und ich einen kleinen Vorteil (oder Nachteil?): Meinen Gastvater Paul, der ist nämlich Lehrer für „World History“ an unserer Schule, der Port Huron Highschool. Er kann uns jeden Morgen zur Schule mitnehmen. Ich hatte sowieso nicht vor, mich zu verlieben. 

Über die große Auffahrt laufen wir zur Doppelgarage und steigen in Pauls schwarzen Pickup. Ich gestehe: Vor den USA habe ich noch nie in einem Pickup gesessen, hier sitze ich fast nur in Pickups. Zur Schule fahren wir ein kurzes Stück auf den Highway, und dann durch die Stadt. Die Highschool ist nicht wirklich im Zentrum, sodass wir schon sehr bald da sind. Drei, wie ein Pi-Zeichen angeordnete Streifen von Parkplätzen sind vor dem Hintereingang der Highschool. Vorbei an ein paar Tennisplätzen und einem Footballfeld slided Paul elegant auf seinen Stammparkplatz. Während dem Einparken erzählt er mir, dass das sein Parkplatz ist. Natürlich wäre er nicht böse, wenn jemand anderes mal da steht, aber das muss schon ein sehr großes Missverständnis sein, immerhin ist es sein Parkplatz, witzelt er. Wir lachen und betreten durch einen kleinen Hintereingang die Schule.

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Schon einmal war ich in der Schule, zur Registrierung. Trotzdem habe ich null Orientierung. Alle Gänge scheinen gleich auszusehen. Rechts eine Tür, links eine Tür, dazwischen ein paar Spinde mit dicken Zahlenschlössern. Genau so wie man es sich vorstellt. Der Gang zieht sich endlos weiter, irgendwann biegen wir nach links ab in einen weiteren Gang. An der Wand: Ein Straßenschild. Wir betreten die Success-Road. Auf die anderen Straßennamen gespannt, laufe ich Paul und Christian nach, die zielsicher in die nächste Straße abbiegen. Geflasht von der Endlosigkeit des Ganges, der übrigens wieder genau aussieht wie der erste Gang und die Success Road, vergesse ich den Namen dieses Ganges sehr schnell. Irgendwann kommen wir beim Raum Nr. 116 an. Pauls Raum. Hier hat nicht jede Klasse, sondern jeder Lehrer seinen Raum. Die Schüler pendeln dann immer von Lehrer zu Lehrer. An der Wand in Pauls Raum hängen ein paar Plakate von Schülern über den zweiten Weltkrieg, oder so. Daneben hängt eine Weltkarte. Wo in Deutschland eine Kreidetafel war, ist in Pauls Raum (und in allen anderen auch) ein langes Whiteboard. In der Mitte findet ein Projektor platz zum projizieren. An den Seiten ein paar Infos. Von Handynutzung über Hausaufgaben über Toilettenregelung. Man muss den Lehrer fragen und sich mit seiner Handynummer in eine Liste eintragen. Mit etwas Glück bekommt man einen „Hall-Pass“. Dann muss man in zehn Minuten wieder zurück sein. Schräg unter dem Whiteboard steht ein kleiner Schreibtisch mit einem Computer und einer Tastatur, die Paul wild bearbeitet. Auf dem Beamer erscheint eine PowerPoint Folie mit dem Plan für die Woche. Ich bin beeindruckt. „Er plant immer alles durch. Er kann dir genau sagen, was du Dienstag in einem Monat machst.“, spricht mich Christian von der Seite an. Besser so als umgekehrt, denke ich mir. Die ersten Schüler kommen in Pauls Raum und Christian und ich machen uns auf den Weg. Er hat in der ersten Stunde „Weights and Conditioning“, also Gewichtheben. Ich habe „Recreational Sports“, ein Kurs, der sich um viele Sportarten kümmert. Ein bisschen wie deutscher Sportunterricht. Volleyball, Basketball, alles mal dabei. Zum Glück finden beide Kurse im Gym statt, sodass er mich noch ein bisschen begleiten kann. 

Bis wir am Gym angekommen sind, scheint es eine Ewigkeit zu dauern. Die Gänge ziehen sich. Wir biegen zurück auf die Success Road, dann auf den Excel Broadway. Schließlich stehen wir vor einer großen Schwingtür, die ins Gym führt. Christian verabschiedet sich in einen Nebenraum der riesigen Sporthalle, ein weiterer Raum mit ein paar Hantelbänken und Sportgeräten an den Wänden. Mein Kurs findet in der Haupt-Halle statt. Die eigentliche Halle ist nur ein relativ schmaler Streifen Laminat in der Mitte, denn der Großteil der Halle wird von zwei riesigen Tribünen eingenommen. An den Wänden die Initialen der Stadt, PH für Port Huron. Sogar auf der Tribüne sind sie wiederzufinden. Alles ist in einem schicken Rot gehalten. Hinter den prominent in der Mitte platzieren Basketballkörben hängen Tafeln mit den Schulrekorden. Ein Michael hat 1999 die beste Volleyballsaison der Schule abgeliefert. Eine Rachel hat während einem Basketballspiel die meisten Körbe geworfen. 

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Also stehe ich da. Um mich herum versammeln sich langsam mehr und mehr Jungen, die wohl alle in meinem Kurs sind. Dann taucht unser Lehrer auf, jedenfalls denke ich, dass es unser Lehrer ist. Ein älterer Mann mit krummem Rücken und Geheimratsecken, in denen Vögel nisten könnten. Ein Poloshirt hängt über ihm wie ein nasses Handtuch. Drei obere Knöpfe, die geöffnet sind, lassen etwas Brusthaar durchschimmern. Ich male mir schon aus, wie der Unterricht bei ihm aussehen würde, ein paar von uns begrüßen ihn. Dann geht er in die Nebenhalle und schließt die Tür hinter sich. Das war wohl der falsche. Hinter uns ist inzwischen ein weiterer Lehrer gekommen. „Ist das unser Lehrer?“, frage ich vorsichtig irgendjemanden der gerade neben mir steht. Ich bekomme ein nüchternes „Ja“ als Antwort. Bei dem Sportlehrer eben fiel es mir schwer, ihn mir in Bewegung vorzustellen, aber bei diesem…? Mr Jensen, wie er sich später vorstellt ist ein wenig molliger. Als er näher kommt beobachte ich das erste mal in meinem Leben folgendes Naturphänomen von äußerer Seltenheit: Sprechende Schweißperlen. Jedem, der Mr Jensens Schweißperlen auf der Stirn anschaut, dem flüstern sie erst „No pain, no gain“, und dann „Don’t look at me!“ zu. Mit grimmiger Miene scheucht Mr Jensen uns auf die Tribüne. Ich setze mich neben Ape, wie er sich bei mir vorstellt. Er geht schon zum College, macht aber noch ein paar Stunden an der Highschool. Drei Sportkurse und einen Englischkurs, nur damit er nicht nur Sport macht, erzählt er mir stolz. In seiner Hand hat er ein viel zu großes Handy, im mir abgewandten Ohr einen AirPod. Bevor ich ausgesprochen habe sehe ich den letzten Schüler die Tribüne hoch trampeln. „Digby, beeil dich!“, ruft Mr Jensen eilig. Mir lächelt sein breiter Mund entgegen. Vorne fehlt ein Schneidezahn. Ich scheine der einzige zu sein, der ihn anschaut, denn er fixiert mich mit seinen dicken Glupschaugen. Er ist etwas klein, dafür etwas dicker als ich. Seine Hose hängt an einem ungünstigen Ort, auf dem beigen T-Shirt ist ein Schokoladenfleck. Irgendwie ist er mir sympathisch. Er setzt sich neben mich. Bevor ich auch nur ein Wort sagen kann, erzählt er mir sein halbes Leben. Seit einer Ewigkeit schreibt er Liebeslieder, die er manchmal Mädchen in der Schule vorsingt, plappert er los. Bisher hat er noch nie ein hübsches Cheerleader abbekommen, und ob das Mädchen da drüben ihm wohl ihre Nummer gibt? 

Ein Mädchen? Das hatte ich garnicht gesehen. Ganz am Rand der Tribüne sitzt doch tatsächlich ein Mädchen. Das einzige in unserem Kurs. Hat sie sich versehen oder ist einfach nur taff? Während mir Digby weiter seine Lebensgeschichte erzählt, fangen Mr Jensen und seine Schweißperlen wieder an zu reden. „Die üblichen Regeln“, fängt er an, „ihr kennt das ja alles, hier habe ich ein paar Formulare, die ihr bitte ausfüllt. Morgen kümmern wir uns um eure Locker, übermorgen fangen wir an Sport zu machen“. Für jedes Wort brauche ich einen Moment, um es zu verstehen, so schnell spricht er. Und nein, ich kenne die üblichen Regeln nicht, aber ich traue mich auch nicht nachzufragen. All zu dringend scheint es nicht zu sein, denn die Hälfte der Klasse widmet seinem Handy mehr Aufmerksamkeit. Am Ende der Stunde stehen alle vor der Mittellinie der Halle. Pünktlich zum Gong, der eher ein elektronisches Piepen ist, stürmen alle nach draußen. Ich mache mich auf den Weg zu meiner zweiten Stunde: AP Gov.  


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Tag X – Teil 3/3

Noch anderthalb Stunden bis wir landen, ich strecke meine Beine aus. „Lohnt es sich noch, Blog zu schreiben?“, werfe ich Jana zu. „Keine Ahnung“, antwortet Sie. Also sitze ich da. Loriot hat es in einem seiner legendären Sketche einmal gesagt: „Ich möchte einfach nur hier sitzen“. Weise Worte. Mein konzentriertes Sitzen wird jedoch von einem kleinen Zucken in meinem linken Ohr gestört. Oh, das hatte ich ganz vergessen. Große Maschinen haben die Angewohnheit, nicht einfach zu landen, sondern erstmal langsam runter zu gehen. Das gefällt meinem linken Ohr nicht. Irgendwie schaffe ich es nicht, den Druck auszugleichen. Auf dem rechten Ohr ist alles supi, nur das linke zickt. Nach und nach steigt also der Druck auf meinem Ohr, während die Flughöhe und der Inhalt meiner Katjes-Tüte sinken. Trotz meines schmerzenden Ohrs finde ich kurz Zeit, aus dem Fenster zu schauen. Ein interessantes Bild von Wolken über einer Stadt zeigt sich mir. Wie abgehackt hört das Wolkenmuster über dem Ozean auf. Langsam verwandeln sich die Eiskristalle im Flugzeugfenster in Wassertropfen. Als wir weiter runter gehen, erkenne ich, das nicht nur die Wolken exakt geordnet sind.

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Auch die Straßen, Häuser und Gärten der Vorstadt Chicagos scheinen sich einem riesigen Muster zu fügen.

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Kurz bevor mein Ohr (vermutlich) geplatzt wäre, setzen wir wieder auf der Erde auf. Alle drängeln Richtung Ausgang. Durch einen schmalen Gang geht es in Richtung Security Check. Immer wenn man man in die USA fliegt, muss man am Zielflughafen noch einmal sein Gepäck aufgeben und wird durchgeprüft. Absperrbänder und dutzende Sicherheitsbeamte führend uns in eine riesige Halle, von der ein Labyrinth aus weiteren Absperrbändern mindestens 80% einnimmt. Am Ende der Halle sind Passkontrollen. Also stellen wir uns an. An der Wand hängt eine überdimensional große Flagge der USA. Vor den Häuschen, in denen die Sicherheitsbeamten zur Passkontrolle sitzen, hängen Fernseher, auf denen ein Werbefilm läuft. Er zeigt ein Pärchen, das am Strand läuft, dann einen Bäcker, der einen Teig mit den Fingern knetet. Im Hintergrund wehte eine halbtransparente USA-Flagge. Unterbrochen werden diese Idyllenbilder nur von Sicherheitshinweisen. „Do not take photos in this area“ zum Beispiel. Schade, die Halle, in die sich mehr und mehr Menschen drängeln, wäre ein Foto wert gewesen.

Nach der Passkontrolle treten wir in eine weitere Halle. Diesmal ist sie mit Gepäckbändern gefüllt. Ich folge dem Pulk von lila T-Shirts zu einem Gepäckband, das völlig überfüllt ist. Einzelne Koffer werden schon neben das Band gestellt. Darunter auch meiner. Mit meinem Koffer ausgestattet laufen wir einen Gang entlang. Am Ende des Ganges stehen ein paar Männer, die unsere Koffer wieder verladen, ich stelle meinen dazu. Und dann sehe ich ihn: Den ersten McDonalds in den USA. Schnell zücke ich mein Handy und mache im Vorbeigehen ein Foto. 

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Ich folge dem Pulk weiter nach draußen, wo Busse auf uns warten, die uns weiter verteilen. Ich muss zu Terminal 2, von dort aus soll mein Flug nach Flint gehen. Vincent und ein paar andere müssen auch zu Terminal 2.  Mein Flug geht erst um 21:45, jetzt ist es 14:00. Im Bus werden wir von einer älteren Dame angesprochen. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich ein lila T-Shirt an ihr. Sie hält ein Klemmbrett mit einem nicht endenden Stapel von Listen in der rechten Hand. In der linken einen lila Stift. „Whats your name?“, fragt sie uns mit einem sehr amerikanischen Slang. Alle sagen ihre Namen, sie hackt ab. Dann bin ich an der Reihe. „Jonas Evers“, „May you spell it for me?“. Natürlich, denke ich. „E-V-E-R-S“. „You’re not on the list.“, stellt sie sehr nüchtern fest. Ich muss sehr beunruhigt dahergeschaut haben, denn die Dame fängt an, beruhigend auf mich einzureden. Sie holt eine zweite Liste raus, lässt mich drauf schauen. Ich entdecke mich ganz unten. Die Dame erzählt, dass mein Flug erst um 21:45 startet. Ach was. Ich hätte mich irgendwo mit den anderen treffen sollen. Woher soll ich das den wissen, frage ich mich. Wir beschließen, einfach bei Terminal 2 auszusteigen und auf die anderen zu warten. 

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Terminal 2 ist eine lange Halle, die Wände sind hoch. In der Mitte ist ein schmaler Spalt, indem sich die Sicherheitskontrolle befindet. Unsere Begleitung stürmt mit den anderen dorthin, Vincent und ich warten davor. Also warten wir. Weiter hinten in der Halle laden ein paar Sitze mit Steckdosen zum Pause machen ein, doch wirklich zur Ruhe komme ich nicht. Ich nerve in der WhatsApp Gruppe, wo die anderen sind. Keine Antwort. Eine knappe Stunde vergeht, bis mich jemand anschreibt. „Wo steckt ihr, wir sind schon am Gate.“ Super, denke ich. Also ziehe ich Vincent von der Steckdose weg, hin zum Sicherheitscheck. Diesmal packe ich mein Deo als erstes aus dem Rucksack raus, doch damit nicht genug. „Die checken ja wirklich alles durch.“, werfe ich Vincent zu. Hinter dem Band, auf dem wir Kästen mit unseren Sachen platzieren sollen, steht ein Polizist, der in etwa mit der Heiserkeit von Piet Thiesen (an schlechten Tagen), und der Lautstärke eines Marktschreiers alle darauf hinweist, am besten alles auszuziehen, um es auf das Band zu legen. „Put off your shoes! Get everything out of your pockets, even paper!“, schreit er uns an. Auf mich wirkt es einschüchternd. Immerhin werden wir nach dem Sicherheitscheck mit einem Starbucks belohnt, der sich direkt dahinter befindet. „Also, ich finde wir sollten den großen Vergleich wagen,“, fange ich an, „Chai Tea Latte in den USA vs Chai Tea Latte in Deutschland.“. Wir stellen uns an, ich bestelle meinen Chai, Vincent irgendetwas anderes und einen Cookie. „You guys enjoy your time?“, plappert es mich von hinten an. Ich drehe mich um und erkenne die Dame wieder. Diesmal tiefen entspannt. Wir antworten beide mit Ja, ich erzähle ihr, dass ich gerade das erste mal mit Dollar bezahlt habe. Sie ist sichtlich begeistert. Genau so begeistert, wie ich, als ich meinen Chai Latte probiere. „Genau wie in Deutschland.“ Das war abzusehen, gebe ich zu. Im Weggehen sehe ich ein paar weitere wartende Starbucks Kunden. Mir fällt ein Mädchen mit roten Rasterzöpfen auf. Ich will ein Foto machen, doch dann…

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Wenig später treffen wir die anderen, auch das Mädchen, dass mir geschrieben hat. Ihr Name ist Allegra, sie fliegt auch nach Flint. Und Melina. Neben ihr saß ich schon in Frankfurt, aber ihren Namen erfahre ich erst jetzt. Zugegeben, wahrscheinlich hat sie mir ihren Namen schon gesagt, denn Sie erinnert sich an meinen. Noch ein paar andere sitzen bei uns, zum Beispiel Jonas. „Cooler Name“, werfe ich ihm zu. Er lacht. Nach Flint fliegen, laut einer Liste, die Allegra gesehen hat wohl fünf Leute. Bisher sind wir nur drei. Jonas, Allegra und ich. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen an einem langen Fenster. Wie der Zufall will, ist gegenüber dem Fenster ein großer McDonalds. Ich schaue Vincent an, Vincent schaut mich an. 

Wieder an meinem Platz angekommen, in der rechten Hand mein Handy, in der linken einen Hamburger, fangen wir an, uns zu unterhalten. „Wo kommt ihr hin?“, fragt irgendjemand. Ich erzähle von meiner Gastfamilie, dass ich drei Gastgeschwister bekomme, wir in einer kleinen Vorortschaft wohnen, und ich ein eigenes Zimmer bekomme, weil meine größte Gastschwester gerade ausgezogen ist. Jonas erzählt, dass er nach Marysville geht, wo immer das ist. Allegra geht nach Oxford, einem kleinen Örtchen, etwa so groß wie Kimball. Ich erzähle, dass ich Blog schreibe, und frage, ob nicht jemand korrekturlesen möchte. Also nimmt Melina meinen PC an sich. Glücklich darüber, dass jemand meine Fehlerchen ausbessert, probiere ich meine Fritten. „Wow, die sind viel besser als in Deutschland! Ich glaube in diesem Land bleibe ich ein Jahr!“, scherze ich rum. 

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So vergehen ein paar Stunden. Wir werden immer weniger. Ich verabschiede mich von Vincent, sein Flug geht schon um 16:00. Irgendwann beschließen wir, die nach Flint fliegen, schon zum Terminal zu gehen. Ich bin einfach nur noch müde und schlafe schon vor dem Flug ein wenig. Das wundert mich, denn normalerweise brauche ich ein Bett zum schlafen. Ich bin nicht jemand, der immer und überall schlafen kann. Ich muss schon sehr müde gewesen sein. Um neun Uhr beginnt dann endlich das Boarding. Als ich im Flugzeug sitze schlafe ich eigentlich direkt wieder ein. Dem Geschäftsreisenden neben mir kann ich nur wenig Aufmerksamkeit schenken. So richtig bemerke ich garnicht, dass wir starten. 

Ich wache kurz vor der Landung wieder auf. Prüfend schaue ich um mich. Die winzige Maschine schüttelt sich ein wenig und setzt schließlich zur Landung an. Bevor mein Ohr es überhaupt schafft, weh zu tun, sind wir am Boden. „Manchmal muss man den Schmerz einfach von hinten überraschen, sodass er garnicht erst anfangen kann“, sage ich später zu Jonas. Ich bin happy. Und aufgeregt. 

Ehrlich gesagt hätte ich gedacht, dass ich aufgeregter bin. Wahrscheinlich bin ich einfach nur zu müde um richtig aufgeregt zu sein. Also laufe ich durch einen Finger, zum letzten Mal heute. Das erste mal habe ich das Gefühl, irgendwo anzukommen. Trotzdem fühlt es sich noch ein wenig nach Klassenfahrt an. Flint ist ein kleiner Flughafen, und vom Terminal zum Ausgang sind es nur ein paar Meter. Ich lasse mir Zeit, forme in meinem Kopf schon ein paar Sätze zurecht. Jonas zu meiner linken, die Mädels zu meiner Rechten, laufe ich den breiten Gang entlang auf eine dicke Glastür. Sie steht offen. Erst als ich kurz davor stehe, sehe ich ein paar wenige Menschen warten. Gleich vorne rechts steht meine Familie. Das ist leicht zu erkennen, denn zwei meiner Gastgeschwister, Christian und Samantha halten ein Plakat mit der Aufschrift „Welcome Jonas“ in der Hand. Für einen Moment überlege ich, ob auch wirklich ich gemeint bin. Ich scheine mich für die richtige Familie entschieden zu haben, denn ehe ich mich versehe, schüttel’ ich allen die Hände und wir holen meinen Koffer.

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Im Auto unterhalten wir uns ein wenig, ich versuche nicht einzuschlafen. Dann endlich kommen wir an. Einfach nur müde und erschöpft falle ich wenig später in mein Bett. „Das Bett, in das ich die nächsten 10 Monate jeden Tag fallen werde“, denke ich. Gefühlt bin ich jetzt schon zuhause, doch wie lange wird es dauern, bis ich wirklich hier zuhause bin? 


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Tag X – Teil 2/3

Hier geht es zum ersten Teil!

Der Bus hält an einem Eingang unterhalb einer Überführung. Wir trotteten in eine mäßig pompöse Halle. Eine Unzahl an Schildern erschlägt mich. Ich halte mich an Vincent und zusammen finden wir schnell ein paar weitere lila T-Shirts. An unserem Gate warten weitere YFUler. Ich setze mich mit Vincent zu ihnen. „Hey, ich bin Jonas“, fange ich an. Alle stellen sich einmal vor, bisher sind wir nur ein paar wenige, die schon am Gate sitzen. Die Sitzreihen sind lang, sodass neben uns wenigen noch genug Platz bleibt für einen Mann zum Schlafen. Seine Schuhe hat er ordentlich vor sich gestellt, das Jacket ordnungsgemäß über den Sitz. Das ergibt zusammen mit dem wirklich intensiven Schnarchen ein interessantes Bild. Nun weiß ich, man macht keine Bilder von Menschen, die sich nicht wehren können, aber ich kann nicht anders.

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Vincent fängt an: „Ich habe Hunger“, ich ergänze „Das ist ja ganz was neues.“ Also fangen wir an zu diskutieren. „Wann geht unser Flug?“, „In einer guten Stunde“, „Ich habe auch Hunger.“, „Ich finde wir sollten uns vor allem kulturell auf unser Austauschjahr vorbereiten. Das wird im Vorfeld häufig unterschätzt. War da vorne nicht ein McDonalds?“, „Gute Idee!“. Wir vertrauen unser Gepäck den anderen YFUlern an, und setzen uns in Bewegung in Richtung McDonalds. Jedenfalls dachten wir das. „War hier nicht irgendwo einer?“, werfe ich Vincent vor einer Wand stehend zu. Wir scheinen uns verirrt zu haben. „Traurig, ich hatte wirklich Hunger auf einen Burger, jetzt müssen wir uns etwas anderes suchen.“. Ich entscheide mich für einen Panini von einem italienischen to-go Laden. Vincent kauft irgendein Brötchen. „Immerhin haben wir uns Mühe gegeben mit dem Kulturzeug…“, entgegnet er. 

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Zurück am Gate sind unsere Plätze besetzt. Das Gate wimmelt jetzt von lila T-Shirts. Sehr viele lila, und ein Pinkes. Unsere Flugbegleitung ist eingetroffen. Eine junge Dame, die auf dem Weg in ihren Urlaub einen kleinen Nebenjob angenommen hat. Wir werden abgeharkt auf einer Liste, die scheinbar kein Ende hat. Ich dachte wir wären höchstens 15 Leute, aber weit gefehlt. Scheinbar sind ein paar mehr Menschen auf die Idee gekommen, ein Jahr in den USA zu verbringen. Ich gehe in Richtung meines alten Sitzplatzes. Meine Sachen stehen noch davor. Ich werfe der Person darauf einen strafenden Blick zu. Die Person steht auf. Ich habe nicht einmal etwas gesagt. Die Person muss geahnt haben, das früher oder später jemand aufkreuzt, der den Platz einfordert. Also setze ich mich wieder, mit einem wirklich deliziösen Tomate-Mozzarella Panini in der Hand. 

„Mr. Mouhamad Al Irgendwas, Mr. Müller and Mr Irgendwas to the counter please!“, erklingt eine Durchsage. „Da scheint es Leute erwischt zu haben, die überbucht wurden…“, werfe ich in die Runde. Und tatsächlich, die nächste Durchsage kommt direkt: „wegen eines spontanes Flugzeugwechsels auf ein Flugzeug, das weniger Plätze hat, ist unser Flug überbucht. Lufthasa zahlt eine Entschädigung von 600€ für zwei Freiwillige, die einen Flug später nehmen.“ Aus den Augenwinkeln sehe ich einzelne YFUler aufstehen. „Dieses Angebot gilt nicht für Schülergruppen.“, ergänzt die Dame am Schalter. Ein lautes „Ohh“ zieht sich durch unser Gate. Immer wieder gehen einzelne zum Schalter oder werden aufgerufen. Unser Boarding hätte schon längst anfangen sollen. Es scheint Probleme zu geben. 

Dann, eine halbe Stunde später als geplant, fängt das Boarding endlich an. Aufgeregt stehe ich sofort auf und will das Flugzeug betreten, doch ich werde direkt zurückgepfiffen. „Erst Kinder und Behinderte, danach alle anderen.“, bekomme ich von hinten gesagt. Kennt ihr das, wenn man so richtig Hunger hat, und dann erst eine Vorspeise kommt, die alle außer man selbst bekommt? Man nörgelt und nörgelt, ob man nicht was abbekommt, bis man entweder tatsächlich etwas bekommt, oder der Hauptgang kommt. In diesem Fall musste ich warten, bis der Hauptgang kommt, ich war zusammen mit meiner Gruppe nämlich einer der letzten, der das Flugzeug betreten durfte. Also laufe ich wieder durch einen Finger, schon das zweite Mal heute. Neben mir Vincent und ein paar neue Bekanntschaften. Ich quetsche mich durch den schmalen Flugzeuggang bis ich schließlich an meinem Platz angekommen bin. Auf meinem Platz liegen bereits ein schmales Kissen und eine Decke, eingepackt in eine Plastiktüte bereit. Ich setze mich auf das Kissen und packe die Decke beiseite. Meinen Rucksack stelle ich zwischen meine Beine unter den Sitz. Bereits jetzt ist der Platz vollkommen ausgenutzt. Vor mir ist gerade so genug Platz, um den kleinen Tisch im Sitz vor mir auszuklappen. Dann weiß ich allerdings nicht, ob noch genug Luft zum Atmen bleibt. Dieses Risiko muss ich wohl in Kauf nehmen. Ich hole gerade meine Katjes Bonbons heraus, als sich neben mich ein Mädchen setzt. Als ich aufschaue, sehe ich ihr lila T-Shirt und ein freundliches Lächeln: „Hey, ich bin Jana.“ Ich stelle mich vor, wir unterhalten uns ein wenig. Schnell entdecken wir das Bordsystem, das mit reichlich Filmen, ein paar Spielen, einer App, die zeigt, wo wir gerade sind, und reichlich Rucklern ausgestattet ist. 

Kurze Zeit später hebt die Airbus A340 mit einem lauten Brausen in die Luft ab. Fasziniert schaue ich durch das kleine Fenster und sehe die Häuser Frankfurts langsam kleiner werden.

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Ich wende mich meinem Monitor zu. Immer wieder fange ich an, auf dem Handy Sachen zu tippen, oder ein Spiel zu spielen. Nach Studieren der Filmbibliothek entscheide ich mich dafür, „Maze Runner“ zu schauen. Ein Film über eine Gruppe von Menschen, die in einem Labyrinth gefangen sind, nicht wissen wie sie dahin gekommen sind, wer sie sind, oder wie sie da raus kommen. Sie können sich an nichts mehr erinnern. Das Labyrinth ist voller Gefahren, voller Monster die aus irgendeinem Grund zur Hälfte aus Fleisch, und zur Hälfte aus Metall bestehen. Trotzdem wagt es ein einzelner, ins Labyrinth zu gehen und es zu entschlüsseln. Überraschung: Sie finden einen Ausgang. Nun, das war vorauszuahnen, immerhin ist es Hollywood, aber ich habe mich sowieso mehr für den Weg aus dem Labyrinth interessiert. 

Nach dem Film fange ich an nachzudenken. Wie sind die USA so? Ist meine Gastfamilie nett? Wie viele Burger esse ich an einem durchschnittlichen Tag? Ich denke weiter, dass diese Fragen vermutlich mehr Leute als mich interessieren, also fange ich an über den heutigen Tag zu schreiben. Material hab ich schon jetzt genug. Mein relativ schmaler PC findet gerade so auf dem kleinen Flugzeugtisch platz. Ich bin ungefähr an dem Punkt angekommen, wo ich Vincent (wieder) treffe, als mich Jana von der Seite anspricht: „Wir müssten jetzt ungefähr über der Küste von Grönland sein.“ Also schiebe ich das kleine Verdeck vor dem schmalen Flugzeugfenster hoch. „Da ist nichts, nur Wasser“, berichte ich, „Obwohl warte, ich sehe einen Eisberg im Wasser!“. Ein einsamer Eisberg treibt unter uns im Ozean. Mir fällt auf, wie viel Eis auch unter der Wasseroberfläche ist. Das Wasser ist klar und ich sehe, was die Titanic wohl nicht gesehen hat. Bei längerem Nachdenken ist es völlig klar, es ist wie ein Eiswürfel in einer Cola. Der schwimmt auch mehr unter, als über der Wasseroberfläche. Wusstet ihr, dass eben diese Eigenschaft von Wasser, dass es gefroren „leichter“ ist, als flüssig, ist, die Leben teilweise erst möglich macht? 

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Langsam aber sicher wächst die Zahl der Eisberge im Wasser und dann taucht am Horizont eine lange Reihe Wolken auf, die sich kurzerhand als die Küstenlinie Grönlands entpuppt. Ich erkenne langsam einzelne Berge und Gletscher. Mit der Zeit erkenne ich mehr Details der immer feiner werdenden Küste. Ich meine sogar einzelne Eisklumpen von den steilen, verschneiten Eisküsten abbrechen zu sehen. Auffallend viele Eisberge sind vor der Küste und vor den einzelnen Gletschern. Nun will ich in diesem Blog nicht politisch werden, aber zumindest ich bin jetzt vom Klimawandel überzeugt. Weiter im Landesinneren sind riesige Gletscher und Berge, von denen man denken könnte, ihre Spitzen kratzen am Flugzeug. Die Berge werden immer eisiger, die Gletscher immer größer, bis schließlich nichts mehr als Eis und Schnee zu sehen sind. 

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Für mehr Bilder besuche doch meine Galerie „Flugzeugfenster“. Dort sammle ich alle Bilder, die ich aus dem Fenster geschossen habe.

Ich beschließe, das Fenster wieder zuzumachen und „Maze Runner 2“ anzufangen. Leider ist es ähnlich, wie mit „Zurück in die Zukunft 2“, der zweite Teil kommt einfach nicht an den erfolgreichen ersten Teil heran. Die Gruppe, die vorher im Labyrinth war, sieht sich jetzt einer bösen Organisation entgegengesetzt, die sie irgendwie aussaugen will und werden von Zombies angegriffen und müssen in einer wüste um ihr Überleben kämpfen und die Welt geht unter und…. Irgendwie ein bisschen zu viel für einen Film, da komm ich nicht mehr mit. Also schalte ich aus, gebe Jana ihre Kopfhörer zurück, die sie mir geliehen hat (an dieser Stelle tausend Dank!), und öffne die Flug-App. Schnell öffne ich wieder das Fenster, als ich sehe, das wir die andere Küstenseite erreicht haben müssten. Doch wieder: Nichts, auch keine Eisberge, nur dass diesmal auch keine mehr kommen. Ich ärgere mich. Anstatt des blöden Films hätte ich doch lieber die andere Küste anschauen sollen. 


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Tag X – Teil 1/3

Eigentlich war alles wie immer, als ich an diesem Tag aufgestanden bin, nur war das Bett ein wenig härter, ich ein wenig unausgeschlafener, und es war viel früher. Sehr viel früher. Normalerweise stehe ich so gegen halb 7 auf, um dann sehr gemütlich zur Schule zu gehen. An diesem Morgen stehe ich um vier auf. 

IMG_4934.jpgZugegeben: Das Bett war nichtmal ein Bett, vielmehr ein Ausziehsofa.

Nur schwer kann ich mich in das kleine Hotelbad schleppen. Zähne putzen, Duschen und Anziehen, man könnte denken, dies sei ein Tag wie jeder andere. Ist es aber nicht, nicht ohne Grund schlafe ich im Hotel und stehe um vier Uhr morgens auf. Heute geht es los, mein Austauschjahr beginnt. Ich fliege in die USA. 

Doch erstmal gehts zum Flughafen in Bremen, von da an weiter nach Frankfurt am Main, von da aus weiter nach Chicago, und von dort weiter nach Flint Bishop. Ich trotte langsam und quälend den Bordstein entlang, meine Eltern hinter mir. Das orangene Licht der Straßenlaterne leuchtet mir den Weg vorbei an einem geschlossenen (!) McDonalds. Die erste Überraschung des Tages. Bei weiterem Nachdenken ist es völlig klar, dass selbst McDonalds einmal schließen muss, trotzdem ist es ein ungewohntes Bild, so ein McDonalds ganz leer und dunkel. Vor mir stechen die langen Hallen des Bremer Terminals 2 in die Höhe, dahinter Terminal 1. Ich entscheide mich für Terminal 1. Am Abend vorher hatte ich bereits eingecheckt und meinen Koffer abgegeben, sodass ich mir heute zwei Schlangen gespart habe. „Zum Glück waren wir gestern so clever“, entgegnet meine Mutter von hinten. Recht hat sie, denke ich mir. Uns bleibt noch genug Zeit für ein Brötchen bei dem Flughafenbäcker unseres Vertrauens. Lecker war es nicht, aber es kam seinem Zweck nach: Ein wenig in den Bauch zu bekommen, obwohl ich es hasse morgens viel zu essen. Eigentlich kommt der Hunger erst gegen 9 oder 10 Uhr, davor geht höchstens ein Croissant oder etwaige andere süße Köstlichkeit. Geht es euch auch so, oder stehe ich mit dieser Eigenheit allein auf weitem Flur? 

Nun könnte man denken, ich habe das Brötchen sehr langsam gegessen, das stimmt aber nicht. Während ich nämlich kauend auf meinem Barhocker saß, mich völlig auf mein Brötchen konzentrierend, erkennen meine Eltern aus den Augenwinkeln eine Anzahl von Menschen, die sich in Richtung Abflug bewegen. Ich schaue hin und sehe ein lila-farbendes T-Shirt aufblitzen. Schnell esse ich also auf und ehe ich mich versehe ist er da: Der Moment des Abschieds. Ich bin nicht wirklich ein emotionaler Mensch. Meine Eltern zum Glück auch nicht, und so verläuft der große Abschied nicht groß und tränenfrei. Meine Vorfreude überwiegt und so verliere ich keine weitere Zeit und stelle mich in die, zum Glück inzwischen kleiner gewordene Schlange vom Sicherheitscheck. „Haben Sie Laptop, Powerbank, Sprühflaschen oder Getränke dabei?“ Na toll, daraus besteht mein Rucksack im Wesentlichen. Also alles ausräumen, in Kästen legen, und durchleuchten lassen. Danach mich selbst einmal. Aus dem Scanner für das Handgepäck  führen zwei Laufbänder, eins geht direkt raus und zurück zu den Besitzern, das andere muss noch einmal kontrolliert werden. Da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter: Ich hab ein kleines Reisedeospray im Rucksack vergessen. Mein Rucksack wird also rausgewunken und ich muss mich vor einer streng guckenden Dame erklären… „Deo… vergessen…“ bringe ich im Eifer des Gefechts nur heraus. Die Frau wirkt sichtlich genervt und lässt meinen Rucksack ein zweites Mal, diesmal mit dem Deo daneben durchleuchten. Alles scheint ok. Die Schweißperlen auf meiner Stirn verlaufen sich. Ich bin von mir selbst überrascht. Warum ein so großes Drama um ein Deo? Ich weiß es nicht. Also laufe ich die überschaubaren Gates des Bremer Flughafen entlang. Mein Ziel: Gate A01. Das erste in der Reihe. 

„Na, du auch hier?“, schmettert es mich von hinten an. Ich drehe mich um und schaue auf einen bekannten Pullover. Dann blicke ich höher, sehr hoch, noch höher, und sehe schließlich das Gesicht von Vincent. Vincent habe ich auf meiner Vorbereitungstagung kennengelernt. Wir waren Zimmergenossen. Dass er auch heute fliegt wusste ich garnicht, und schon garnicht von Bremen. Schnell ist klar, er fliegt auch nach Frankfurt, und dann nach Chicago. Am Gate sehe ich das lila T-Shirt wieder. Und daneben noch eins. Eine ganze Gruppe von YFUlern sitzt schon am Gate und wartet darauf, dass es endlich losgeht. Wir waren zu sechst. Zwei, ein Mädchen und ein Junge, fliegen nach Dublin, Irland, zwei weitere nach Detroit, in den USA und Vincent und ich fliegen nach Chicago. Zuerst fliegen allerdings alle nach Frankfurt, von da an trennen sich unsere Wege. 

Kurze Zeit später geht es los. „An der großen Anzeige vor dem langen Gang zum Flugzeug steht „Now Boarding“. Ein weiteres mal hole ich Tickets und Pass heraus. Am Schalter angekommen, muss ich das Ticket nur noch auf einen Scanner halten und einsteigen. Im fingerartigen Tunnel zum Flugzeug winke ich ein letztes Mal meinen Eltern zu, die auf der Besucherterasse stehen. Hinter Vincent fühle ich mich schnell abgehängt, also lege ich einen Zahn zu und betrete den Flieger. 

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Nach Frankfurt fliegen wir mit einer kleinen City-Maschine. Einer Embraer 195. Ich kenne sie. Schon oft habe ich ihr mein Vertrauen geschenkt auf Intercityflügen aller Art. Trotz der etwas vertrauten Umgebung bin ich aufgeregt. Aufgeregter als bei einem normalen Flug allerdings nicht. Ich liebe Reisen, und bin immer aufgeregt, auch bei einer einfachen Bahnfahrt. Das Boarding verläuft seltsam geordnet. Ist es nicht immer so, dass man bis man an seinem Platz angekommen ist, mindestens drei Menschen anrempeln muss oder angerempelt wird? In Bremen herrscht noch Ordnung, scheinbar. An meinem Fensterplatz angekommen setzt sich neben mich eine ältere Dame, die nach Frankfurt noch weiter fliegt, irgendwo in die Schweiz. Wohin genau habe ich nach sehr kurzer Zeit wieder vergessen. Es spielte keine große Rolle. Ich erzähle ihr, was ich vorhabe, sie ist begeistert, erzählt mir von ihrer Kindheit, und dass sie so etwas auch gerne gemacht hätte. Als ich aus dem kleinen Flugzeugfenster blicke, sehe ich die orangene Sonne aufgehen. Ein Anblick, den ich so schnell nicht vergessen werde.

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Viel Zeit zum Träumen bleibt nicht, nach 40 Minuten landen wir wieder. Der CityJet hält auf dem Rollfeld vor den Gates, an das Flugzeug werden Treppen herangeschoben. Ich schaue nach hinten zu Vincent, Vincent schaut zu mir. Wir nehmen den Hinterausgang aus dem Flieger und steigen in einen Bus.

Willkommen in Frankfurt! 


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