Reise ins Paradies 2/2

Circa drei Stunden später sind wir angekommen. Leider scheint Captain Luke zu schnell geflogen zu sein, sodass wir in Dallas angekommen noch etwa 10 Minuten auf unser Gate warten müssen. Neben Todessternen zerstört Luke also auch Zeitpläne.  

An unserem Gate angedockt bin ich wieder einer der ersten, der aufspringt. Der Frau neben mir helfe ich, ihren Koffer aus dem Fach zu ziehen. Anders als in Detroit, strömt mir keine kalte Luft entgegen als ich durch den Finger zu meinem Ankunftsgate laufe.

In Texas ist es angenehm lauwarm. Als ich die große Halle betrete, in die der Finger am Gate endet, staune ich erneut. Ein riesiger Bogen aus Glass umfasst das Gebäude, das mit seiner hohen Decke genug Raum für reichlich Restaurants und Cafés. Mit einem Blick sehe ich zwei Starbucks. Direkt daneben sind die Gates. Ich bin in Terminal D, das glücklicherweise auch mein Abflugsterminal ist. Ich muss also nur ein paar Gates laufen, und bin direkt bei meinem nächsten Flugzeug. Auf dem Weg schaue ich mich um und entscheide mich, einen Halt bei Starbucks zu machen. Auf Meeghins Empfehlung hin, entscheide ich mich für einen Pink Drink, eine Art Erdbeermilch und -eis mit Erdbeeren. Über meinem Kopf rast ein Zug, der die einzelnen Terminals miteinander verbindet, ähnlich wie der People Mover in Detroit.  

An meinem Gate angekommen setze ich mich erst einmal hin. Neben meinem Gate ist ein Flug nach Tokio dabei, zu boarden. Besorgt klingende Ansagen auf japanisch dröhnen durch die Halle. Wieder werden Passagiere dazu aufgefordert, an den Counter zu kommen, nur klingen ihre Namen weniger amerikanisch. Ein „Mr. Wing Wing Wing“ muss nach vorne kommen. Wirklich war. Bescheiden halte ich derweil Ausschau nach anderen Alleinreisenden in meinem Alter. Meinen roten Hoodie habe ich ausgezogen, um Blick auf mein lila YFU T-Shirt zu geben. In der Hoffnung, das mich jemand anspricht setze ich mich und fange an, meinen Blogartikel zu schreiben. Ich schreibe also von heute morgen, was ziemlich praktisch ist, da ich noch ziemlich klare Erinnerungen habe. Derweil steigen die letzten Fluggäste in das Flugzeug nach Tokio. Ein letztes mal wird irgendjemand aufgerufen. Niemand kommt. Ich auch nicht. Kurz denke ich darüber nach, zum Counter zu gehen, und Rey aus Star Wars zu zitieren.  

„Auf wen auch immer du auch wartest, sie werden nie kommen.“ 

Obwohl ich es einen Moment wirklich in Erwägung gezogen hatte, entschließe ich mich, es gut sein zu lassen. Lieber stehe ich noch einmal auf und spaziere einmal um das Terminal herum, bevor ich die nächsten acht Stunden im Flugzeug sitze. Die suche nach anderen Austauschschülern habe ich offiziell aufgegeben, nachdem mich niemand angesprochen hat. Ich laufe also im Kreis und blicke noch einmal auf die Skulptur in der Mitte der Halle. Was sie wohl darstellen soll? Ich weiß es nicht, weißt du es? Dummerweise habe ich es auch nicht nachgeschaut, obwohl ich es jetzt gerne gewusst hätte.  

Zurück am Gate fängt gerade Gruppe eins an zu boarden. Wieder sehe ich meinen Veteranen, der als erstes in die Maschine geschoben wird. Ich kann nicht genau erkennen, ob es der gleiche Mann ist, aber zumindest eine Ähnlichkeit besteht. Auch ich reihe mich so langsam ein. Vor mir sehe ich ein Mädchen stehen. Sie hat einen deutschen Reisepass mit Tickets in der linken Hand. Sherlock Holmes-artig analysiere ich, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass sie keine Austauschschülerin ist, was sonst will man in Dallas und fliegt nach Hawaii. „Bist du von YFU?“, frage ich mit einer Prise Neugier in der Stimme. „Ja“, antwortet sie schnell. „Ich habe dich beobachtet und deinen Pass gesehen“, fange ich an, während ich bemerke, dass das eine furchtbare Art ist, jemanden anzusprechen. Das kann ich doch besser. Hannah, so stellt sie mir sich vor, scheint es mir nicht zu verübeln und erzählt, dass sie aus Rheinland-Pfalz kommt. Viel Zeit bleibt uns jedoch nicht, sie steigt ein mit Boarding Gruppe 6, ich bin in Gruppe 9. Dementsprechend weit auseinander sitzen wir auch im Flugzeug. Also verabschieden wir uns, bis später.  

Lässig laufe ich wenig später erst durch den Finger, um dann fast schon mit Routine in die Maschine zu steigen. Ich gestehe, ich komme mir ein wenig cool dabei vor.  

In der Boeing 777 gibt es zwei Reihen mit jeweils drei Sitzen an den Fensterseiten und eine Vierergruppe von Sitzen in der Mitte. Ich habe einen Platz in der Mitte. Auf 20e, meinem Sitz, hat diesmal noch niemand Platz genommen. Neben mir sitzt ein Mitte 20-Jähriger mit einer pinken Adidas Jacke. Auf der anderen Seite sitzt noch niemand. Auf meinem Sitz liegt bereits ein Kissen und eine Decke. Ich mache es mir gemütlich. Captain Randy begrüßt uns und seine Crew herzlich auf American Airlines Flug 5 nach Honolulu, was mich zweifeln lässt, ob man, um Pilot bei American Airlines zu werden, eigentlich einen stereotypischen amerikanischen Vornamen haben muss.  

Die Maschine beginnt sich zu bewegen, was für mich gute Nachrichten sind, denn das schließt aus, das sich noch jemand neben mich setzt. Dekadent breite ich mich aus.  

Gerade haben wir die Flughöhe erreicht, da rollen zwei Stewardessen einen großen Essenswagen an mir vorbei. Passend, denn ich hatte bisher noch nichts gegessen. Heute im Angebot: Chicken BBQ oder Vegetable Wrap. Ich entscheide mich für das Chicen BBQ, in der Annahme, das man damit wenig falsch machen kann. Meine Annahme sollte sich bewahrheiten, tatsächlich war der Chickenwrap nicht schlecht. Dazu gab es echte hawaiianische Chips (?) und Schokorosinen.

Eine Stunde fliegen wir jetzt schon, und es scheint ein wenig ungemütlich zu werden. Etwa über Roswell, was meiner Meinung nach kein Zufall sein kann, haben wir Turbulenzen. Alle müssen sich anschnallen. Eine Frau in der reihe schräg vor mir fängt an zu quicken, was meine Aufmerksamkeit auf sie zieht. Wie es aussieht, teilt sie sich die Fensterreihe mit einem Afroamerikaner, und einem Europäer. Soeben hat sie sich mit Wein begossen, was das kurze Quicken erklärt. Nicht nur sie ist mit Wein gut dabei, sondern auch ihr Nachbar, der Europäer, auf dessen Tisch ich blicken kann. Er bekommt gerade ein neues Glas Weißwein. Links der Frau sitzt der Afroamerikaner. Er bekommt ein kleines Fläschchen, das von Weitem aussieht wie ein Feigling. Alle drei unterhalten sich euphorisch, die Frau lacht immer wieder laut. Mir scheint, als hätte sich einen Weg aufgetan, alle Völker und Geschlechter der Welt zusammenzuführen. Eine Möglichkeit, alle, zumindest für eine kurze Zeit, an einem Strang ziehen zu lassen. Alkohol.  

Noch sieben weitere Stunden verbringe ich damit, auf fremde Bildschirme zu schauen (sehr interessant!), zu schreiben, und die Seele baumeln zu lassen. Schlafen kann ich nicht, zu aufgeregt bin ich noch immer. Etwa eine halbe Stunde bevor wir landen beginnt Captain Randy mit dem sanften Landeanflug. Mit Kaubonbons in der Hand, bin ich auf das Schlimmste vorbereitet. Doch diesmal bleibt Ohrenschmerz aus. Sollte mein linkes Ohr sich doch daran gewöhnt haben, Druck auszugleichen? Ich schöpfe Hoffnung.  

Wenig später setzt die Boeing 777 in Honolulu auf.  

Aloha Hawaii!


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Reise ins Paradies 1/2

Ach, jetzt wo ich so darüber nachdenke, hätte ich vielleicht doch ein wenig früher ins Bett gehen sollen. Wo ich gestern noch bis neun unterwegs war, liege ich jetzt, um kurz vor drei am Morgen mit einem schrillen Wecker im Ohr in meinem irgendwie ungemütlichen Bett. Verantwortungsbewusst gebe ich mich nach ein mal umdrehen aber meinem Schicksal hin und stehe auf, zu meinem Handy, um dem nervenden Gefiepe ein Ende zu bereiten. Duschen, Zähneputzen, und noch ein paar letzte Sachen zusammen suchen. Gerade als ich, natürlich habe ich schon alles eingepackt, die Checkliste meiner Organisation durchgehe, sehe ich mich der ersten Hürde entgegen. Ich hatte gewusst, das ich irgendetwas vergessen würde, aber das es schon gleich der zweite Stichpunkt auf der Liste wäre, damit hätte ich nicht gerechnet. Also packe ich entnervt alles wieder aus und frage Heather. „Hast du meine Krankenversicherungskarte?“ „Ich habe sie zuletzt vor fünf Monaten gesehen“.  

Die letzten Dinge…

Eine halbe Stunde später, inzwischen ist es zehn nach vier, sitze ich im Auto nach Detroit. Neben mir eine große Tasche und mein Rucksack. Darin, in meinem Portemonnaie, ein Stück Papier mit meiner Versicherungsnummer, meinem Namen und noch ein paar Infos. Naiv hoffe ich, das ich mir in der nächsten Woche kein Bein breche beim Wellenreiten und in keinen Vulkan falle. Was soll auch schief gehen…  

Eingecheckt habe ich bereits im Internet, muss nur noch meine Tasche abgeben und mein Ticket ausdrucken. Wir nähern uns inzwischen dem Flughafen. Ich erwische mich dabei, ein wenig zu zittern, allerdings nicht aus Angst, sondern aus Vorfreude. Vielleicht auch Kälte, noch immer sind es Minusgrade im verschneiten Michigan. Zuhause habe ich noch aus Gewohnheit nach meiner dicken Winterjacke gegriffen, als ich das Haus verlassen habe. Nur mit meiner dünnen Sommerjacke bin ich, zumindest gefühlt, dem Erfrieren sehr nah auf den paar Metern von Parkplatz zum Terminal. Das Terminal und das Parkhaus verbinden ein paar Rolltreppen und ein langer Gang. Kennst du diese langen Förderbänder, die es immer in langen Flughafenhallen gibt? Ich finde, dass das allein schon ein Grund genug ist, um zu fliegen. Dass nicht inzwischen jede Innenstadt mit diesen faszinierenden Beförderungsmaschinen ausgestattet ist, sehe ich als menschliches Versagen. Vielleicht ist es an der Zeit, ein innovatives Startup zu gründen.  

Beeindruckt setze ich einen Fuß in das Terminal N und bin auf der einen Seite fasziniert vom bunten Treiben unter mir, zum einen besorgt über die Menschenmassen, die mich vom Sicherheitscheck trennen. Wie eine Katze auf der Lauer schleiche ich die Treppe herunter und lasse mich einen Moment lang von der Faszination Flughafen mitreißen. Ein Schmelztiegel der Kulturen, ein Ort an dem irgendwie alle gleich sind. Es riecht nach Menschen, Druckertinte, Kaffe, und abgegriffenem Plastik. Die grelle Beleuchtung lässt hier Tag und Nacht verschwimmen. Obwohl ich gerade im Auto noch geschlafen habe, bin ich jetzt hellwach und konzentriert. Obwohl Fliegen inzwischen unumständlich und idiotensicher ist, bin ich beim CheckIn auf dem großen Touch-Display hoch fokussiert.

Ob ich ein Baby mit mir trage? Ich werfe erst Paul, dann Heather einen Blick zu, vermutlich aus Angst irgendwas falsch zu machen. Nach kurzer Überlegzeit klicke ich zuversichtlich auf „Nein“. Wir alle lachen, ich habe sichtlich zu lange gebraucht. Meine Tasche bekommt einen dieser fancy Klebestreifen umgehängt und wird von einem Mitarbeiter unsanft auf das Gepäckband geworfen. Ob es daran liegt, dass die Tasche die Aufschrift „Lufthansa“ trägt? Ich fliege mit American Airlines. „Vielleicht hätte sich eine andere Tasche in dieser Situation besser gemacht“, denke ich laut, als ich vom CheckIn-Counter zum Sicherheitscheck laufe…  

So aufgeregt wie ich bin, scheine ich sehr schnell zu laufen, denn Heather und Paul habe ich schon um ein paar Meter abgehängt. Ich warte kurz. Die Schlange vor dem Sicherheitscheck hat sich seit ich das letzte Mal geschaut hat, nicht verkleinert, im Gegenteil. Also verabschiede ich mich, und reihe mich in der langen Schlange ein. Ein paar scharfe S-Kurven später, bedingt durch das Absperrband, werde ich von einer Sicherheitsfrau angeschrien, weiter aufzufüllen, was mich dazu veranlasst, mich zu fragen, worin eigentlich der Unterschied zwischen diesem Jobzweig und einem Marktschreier besteht. Gibt es überhaupt einen? Ist es im Prinzip nicht völlig gleich, oben man mit heiserner Stimme Menschen anschreit, oder das neueste Gemüse bewirbt?  

Die Schlange teilt sich in vier kleinere Schlangen vor vier kleinen Podesten mit Beamten, die Pässe kontrollieren. Unbewusst habe ich mir den coolsten aller Beamten ausgesucht. Vor mir steht ein älterer Mann mit einem langen weißen Bart. Der Beamte schaut auf das Passfoto.  

„Steve, wir haben ein Problem“, sagt er mit einem wirklich besorgten Unterton. „Du musst den Bart abrasieren.“. Steve schaut entsetzt und krault sich bescheiden den langen Bart. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Steve ist garnicht zu lachen zu Mute. Nach ein paar Sekunden muss auch der Beamte anfangen zu lachen und lässt Steve passieren. Beim Block auf mein Foto, das nun drei Jahre alt ist, bekomme ich nur gesagt, das ich ja ordentlich gewachsen sei. Das mag stimmen, zwar sind meine dicke Nase und meine blauen Augen noch wieder zu erkennen, trotzdem ähnelt der 13-Jährige Jonas mit seidenglatter Haut, und dem runden Babygesicht mir nicht mehr all zu sehr.  

Als nächstes lege ich meinen Computer und meine PowerBank in die kleinen Kästen, um sie durch den X-ray schieben zu lassen. Hier scheint es mit der Sicherheit nicht so genau genommen zu werden, wie damals in Chicago, als ich Hoodie, Schuhe und Jacke ausziehen musste. Heute kann ich einfach so durch den Metallscanner marschieren. Wie eigentlich immer, habe ich vergessen, meinen Computer aus seiner Hülle zu ziehen, also muss er noch einmal durchleuchtet werden. Keine Probleme soweit. Befreit atme ich auf, als ich aus dem Securitybereich stapfe. Ich blicke nach links, ich blicke nach rechts. Meine nächste Aufgabe ist es, Gate D28 zu finden. 

Gefunden! Zugegeben, Gate D28 lag direkt hinter dem Sicherheitscheck, trotzdem bin ich stolz, es bis hier hin ohne elterlichen Einfluss geschafft zu haben. Noch eine gute Stunde muss ich warten, bis das Boarding beginnt, also schnappe ich mir einen der Sitzplätze am Gate. Hin und wieder werden willkürliche Namen ausgerufen, nie kommt jemand. Vermutlich ist das der Grund, warum sie ausgerufen werden, denke ich so vor mich hin. Innerlich bin ich noch immer aufgeregt. Durch das gigantische Fenster habe ich freien Blick auf unsere Maschine, eine Boeing 737, die von den winzig scheinenden Flughafenarbeitern auf eine sehr wuselige Art und Weise beladen wird. Ich bin fasziniert, wie ein so komplexes Flughafensystem, das täglich tausende Menschen abfertigt, zusammenarbeitet und -hält. Ein bisschen funktioniert es, wie in einer Ameisenkolonie. Tausend Zahnräder, die perfekt ineinander fassen, können, richtig angeordnet, eine Uhr ergeben. In der Wissenschaft nennt man dieses Phänomen „Emergence“, oder subtil: Viel dummes ergibt etwas schlaues. Doch nicht nur das Prinzip „Emergence“ fällt mir auf.  

Hinter die Reihe von Stühlen, in der ich sitze, wird ein Mann mit seiner Frau geschoben. Obwohl beide offensichtlich noch laufen können, sitzen beide im Rollstuhl und werden von zwei Servicekräften geschoben, worüber ich nicht urteilen möchte. Der prominent auf seinem Kopf platzierten Kappe zu entnehmen, ist der Mann Kriegsveteran aus Vietnam. Der Mann ist nicht der erste Veteran, den ich in den USA sehe, trotzdem fällt er mir dieses mal ganz besonders auf. Immer wieder kommen Menschen aus dem Nichts und danken ihm, für seine Dienste am Land. Vor allem weiße Männer sehe ich. Fast wie ein berühmter, schüttelt er eine patriotische Hand nach der anderen. Es ist interessant, wie mit einem Krieg so unterschiedlich umgegangen wird. Vor einem guten Jahr habe ich mit meinen eigenen Augen in Vietnam noch eine ganz andere Interpretation des Vietnamkriegs gesehen.  

Falls du dich für Vietnam interessierst, hier habe ich für vivanno.de von meinem Besuch ganz unterschiedlicher Menschen in Vietnam berichtet.

Dann geht es endlich los. Als angesagt wird, dass das Boarding jetzt beginnt, springe ich enthusiastisch auf, um allerdings kurze Zeit später fest zu stellen, dass ich in Boarding Gruppe 9 bin. Von 9. Ich sitze in Reihe 8, also fast ganz vorne. Da das Flugzeug von hinten nach vorne aufgefüllt wird, bin ich einer der letzten. Bevor allen anderen wird jedoch der Kriegsveteran in die Maschine geschoben, zusammen mit seiner Frau und noch ein paar anderen Auserwählte. Dann sind erst die Business- und Economy Class, und danach alle restlichen dran.

Vom Finger zum Flugzeug…

Tatsächlich sitze ich fast direkt hinter dem kleinen Economy Teil, der durch eine Wand und einen kleinen Vorhang abgetrennt ist. Frustriert muss ich feststellen, dass sich auf meinem Platz, Nummer 8e, schon dekadent eine Frau niedergelassen hat, die natürlich keine Ahnung hat. Für einen Moment fühle ich mich, als würde ich Bahn fahren. Naja. Mit einer Loriot Szene im Flugzeug im Hinterkopf, weise ich die Frau freundlich darauf hin, dass sie auf meinem Platz säße, ich jedoch gerne ihren Platz einnehmen würde, da sie ja schon säße. „I appreciate it“, entgegnet sie, und scheint fast ein wenig gerührt zu sein. Schon immer „konnte ich gut“ mit gutmenschlich fürsorgenden Amerikanerinnen, was in Vergangenheit nicht nur zum Überkonsum von Pancakes geführt hat. Anstatt also in der Mitte von zwei Amerikanerinnen sitze ich nun zwischen einer anderen Amerikanerin und dem Gang, was mir die Möglichkeit gibt, mich auch ein wenig auf den Gang zu lehnen, da ich den Armlehnen-Kampf von Anfang an verloren hatte.  

Captain Luke stellt sich vor, und liest uns pflichtbewusst das Wetter in Dallas vor, wie es sich als Captain nunmal gehört. Jahrelang wollte ich selbst Pilot werden, habe sogar Flugstunden genommen und auch die Theorie gelernt. Nur für diese Ansage. Würde Captain Jonas (sehr amerikanisch ausgesprochen) nicht perfekt klingen? Zumindest hat es das in meinem Kopf, doch als ich „älter wurde“ habe ich schnell das Interesse am Fliegen verloren. Während wir langsam zum Runway rollen, überlege ich, ob ich es wohl immer noch schaffen würde, eine Passagiermaschine wie diese hier zu landen. Schnell beschließe ich, dieser Frage lieber nicht live auf den Grund zu gehen und mich ganz auf Captain Luke zu verlassen. Der weiß schon, was er tut. Hoffe ich.  

Langsam rollen wir zum Runway und beschleunigen erst langsam, dann immer schneller und schneller. Ich erhasche einen Blick aus dem Fenster und sehe die Erde auf eine zauberhafte Weise schnell kleiner werden. Magisch. Schnell jedoch ist von der Erde nicht mehr viel zu sehen; wir fliegen durch eine dicke Kumuluswolke, die nach ein paar Sekunden die Sicht auf alles andere versperrt. Ein paar weitere Sekunden vergehen. Ich genieße es, in den Sitz gepresst zu werden und fühle langsam, wie sich Druck auf meinen Ohren aufbaut. Die Wolke verzieht sich und lässt auf die gerade aufgegangene Sonne blicken. Ein Kind hinter mir schreit: „Look, Mum!“. Blutrot, orange fadet das Sonnenlicht in die Wolken, die aussehen, wie Schnee. Obwohl ich in den letzten Tagen genug Schnee gesehen habe, genieße ich die Aussicht.  


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Morgen kommt Teil 2!

Von Schnee, Eis und Notsituationen

Entsetzung, Bestürzung, vielleicht sogar Verzweiflung macht sich in mir breit. Doch nicht etwa wegen eines kalten Kaffees, dem Verlust von Geduld mit einem Computer oder dem amerikanischen Präsidenten. Ich fluche heute darüber, dass ich nun schon seit Tagen zuhause sitze. Gelangweilt sitze ich da. Normalerweise würde ich jetzt in der Schule sein, doch schon letze Woche hat unser Schuldistrikt beschlossen, die Tore für Schüler zu schließen. Seit die Schule dieses Jahr wieder angefangen hat, ist sie, um es verharmlosend auszudrücken, des öfteren mal ausgefallen. Einer der zwei Gründe, die Schule ausfallen zu lassen ist der Zustand der sowieso schon schlechten Straßen. Michigans Straßen sind etwa mit denen in einem 50 Mann-Dorf in tief Brandenburg zu vergleichen. Teils ist die Lage so desaströs, das „Dominos“, ein Pizza Franchise, sich dazu entschlossen hat, eine Initiative mit dem Namen „Paving for Pizza“ ins Leben zu rufen, damit die Pizzas durch Schlaglöcher in den schlechten Straßen nicht vom Beifahrersitz fallen. 

I will fix the damn roads!!

–Gretchen Whitmer, Gouverneurin Michigan

Der andere Grund für einen Schulausfall sind die Temperaturen. Mit -17 Grad (Celsius) ist es hier, zumindest heute, kälter als am Nordpol mit sommerlichen -10 Grad. Was klingt, wie ein die Fassung verlierender Wettermann in der Tagesschau, der jetzt außer Kontrolle mit Fachwörtern um sich wirft, ist garnicht so schwer zu begreifen, wie es sich anhört. Über dem Nordpol bewegen sich zwei entgegengesetzte Wirbel, der Polar Vortex und der Jet Stream Wenn der Polar Vortex stark ist, hält das den Jet Stream in Zaum, sodass die kalte Polarluft dort bleibt, wo sie hin gehört. Wenn der Polar Vortex jedoch schwach ist, ufert der Jet Stream aus und bringt den ungebetenen Gast namens Polarluft auch in die nördlichen Staaten der USA. Nun immigriert die Polarluft in einem Ausmaß, das nur mit mexikanischer Einwanderung zu vergleichen ist. Ob eine Mauer helfen würde? 

Jedenfalls sitze ich immer noch da. Inzwischen ist Jonas herübergekommen um mich in meiner Verzweiflung beizuwohnen. Wir verzweifeln zusammen. 

Gestern hat die Regierung von Michigan offiziell den Notstand ausgerufen, aufgrund von „lebensbedrohlichen Temperaturen“. Ich frage mich, ob es in etwa so eine Situation wie in Deutschland ist. Der Innenminister tritt vor die Kamera. Er beginnt über eine Bedrohung zu sprechen, und das die Menschen keine weiteren Fragen stellen dürften, damit keine Verunsicherung aufkommen würde, was natürlich erst alle Fragen aufkommen lässt. Etwa genau so beunruhigend, wie Thomas De Maizières Pressemitteilung nach einem abgesagten Spiel der Nationalmannschaft war es gestern, als ich mit Christian, Adam und Austin einen Schneekrieg angezettelt habe. Rückblick gefällig?

Eine halbe Stunde vor Kriegsbeginn haben wir angefangen, eine Basis aufzubauen. Mein Teampartner Adam und ich haben uns dazu entschlossen, uns im kleinen Spielhaus in unserem Garten zu verschanzen. Zusätzlich dazu haben wir eine hohe Schneemauer errichtet, die das Eindringen in unsere Basis ins unmögliche erschwert. Naja, fast. Mit der Präzision einer Baseball Wurf-Maschine schleudern wir nun Schneebälle, die inzwischen fast zu Eis ausgehärtet sind, auf die Gegner. Christian und Austin haben drei schützende Mauern aus Schnee errichtet. Misstrauisch blicken beide über die Mauer aus Schnee, die nicht nur bedrohlich höher, als unsere, sondern auch deutlich härter zu sein scheint. Zusammengeknäult rollen wir uns nach dem etwa zehn minütigen Distanzkampf nun aufeinander im Schnee. Durchnässt stapfen wir nach diesem schnell eskalierten Kampf wieder herein. Heute, einen Tag später sitze ich nun immer noch da. Nichtstuend, mich selbst bemitleidend lege ich die Füße hoch, auf den kleinen Doppelhocker, der vor der Couch steht, auf der ich die letzte Zeit verbracht habe. Mein Handy spring an. Ich bekomme einen „Emergency Alert“, direkt von Gouverneurin Whitmer. 

Um Gas zu sparen, bittet sie darum, die Thermostate auf 65 Grad Fahrenheit (=18 Grad Celsius) herunter zu drehen. Es gibt bedenken, das es sonst nicht ausreichen könnte für alle. Brav gehen Christian und ich zum kleinen Kontrollkasten und drehen runter. Ob es die ersten Zeichen einer untergehenden Welt sind? Ist die Apokalypse nah, und wenn ja, ist es die Schuld von Scientology? Für mich ist das untergehende Michigan nur von einer vergleichsweise kleineren Bedeutung in der nächsten Zeit.

Warum, fragst du dich? Scrolle herunter…

Detroit & Meeghin – Photostory

Um etwa drei Uhr haben mich Meeghin und ihre Großeltern abgeholt. Unser Ziel: Detroit.

Schon einmal war ich in Detroit und habe aus dem Autofenster ein paar wundervolle Bilder schießen können. Diesmal werden wir auch zu Fuß „Motor City“ erkunden können. Erst einmal nähern wir uns jedoch im Auto. Aufgeregt schießen Meeghin und ich schon jetzt unzählige Bilder.

– Im Auto –

Zu „Lose Yourself“ von Eminem fahren wir also in die, teilweise schon von der Abendsonne beleuchteten Innenstadt Detroits ein.

Nach einiger Zeit haben wir einen Parkplatz in der hektischen Innenstadt gefunden und steigen aus. Unser erstes Ziel: der Peoplemover. Wie magisch bewegt sich die Bahnlinie völlig Autonom über den Köpfen der Menschen hier.

Mir eröffnen sich einmalige Aussichten auf die teils Jahrzehnte alten Hochhäuser. Mit einem Blick über die Blocks fühle ich nicht nur den Vibe der Großstadt, sondern auch einen Hauch der Luft.

– Zu Fuß & Peoplemover –

Im inneren Stadtkern angekommen, steigen wir aus und erkunden die weitere Innenstadt…

Es ist inzwischen spät. Die Sonne ist untergegangen und wir haben Hunger. Zum „Dinner“ suchen wir uns ein traditionelles Lokal aus, was nicht nur typisch amerikanisch ist, sondern auch zu einem vollendeten „Detroit-Erlebnis“ einfach dazu gehört:

– Five Guys –

– Zurück zum Auto –


Ich hoffe, dir hat diese, etwas andere Geschichte von meiner Reise nach Detroit gefallen. Lass mich wissen, ob ich öfter mal eine Fotogeschichte gestalten soll!

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Christmas in America

So richtig Weihnachtsstimmung habe ich eigentlich erst am Montagabend, dem 24. Dezember bekommen. Nicht nur weil mir sämtliche deutsche Freunde Fröhliche Weihnachten wünschen, sondern vor allem wegen dem „Candlelight Service“, einem kleinen Gottesdienst am Heiligabend, für den wir unser warmes Zuhause für eine knappe Stunde gegen die Kirche eintauschen. Die Kirche, zu der meine Gastfamilie und ich regelmäßig gehen trägt den Namen „Westhaven Baptist Church“, baptistisch also. Wie sich das von anderen christlichen Kirchen konkret unterscheidet? Nicht bedeutsam. Es wird an Gott, Jesus und sonst auch alles geglaubt.

In Zukunft werde ich auch über die Kirche hier, vs. die Kirche in Deutschland berichten. Versprochen.

Der Weihnachtsgottesdienst am Heiligabend ist in unser Kirche traditionell ein „Candlelight Service“. Das Kirchenschiff ist dunkler, beleuchtet nur von Kerzen auf den Fensterbänken und dem Tannenbaum, der vorne im Altarraum steht. Zusammen werden alte Weihnachtslieder gesungen und ein paar Freiwillige, darunter auch ich, lesen die Passagen der Bibel vor, in denen das Geschehen um die Weihnachtszeit beschrieben ist. Kleiner Spoiler: Jesus ist geboren. Genau darum geht es auch in der, diesmal etwas kürzeren, Predigt von Pastor Randy.

Völlig fasziniert davon, wie die Kerzen nach und nach das Kirchenschiff erhellt haben, hätte ich kein Foto machen können, deswegen hier ein Schnappschuss von der leeren Kirche, nach dem Gottesdienst.

Durch den Umstand, dass der 23. Dezember ein Sonntag ist, waren wir auch gestern schon in der Kirche, allerdings am morgen. Auch dort habe ich mitgewirkt. „Die Jugend“ unser Kirche, bestehend aus Christian, mir und zwei anderen Jungs: Jesse und Tylor, haben ein paar Dinge vorgetragen. Wochenlang haben wir einen kleinen Skit vorbereitet, in dem es, Überraschung, um die Weihnachtsgeschichte geht. Die Geschichte wird in unserem Stück allerdings ein wenig anders erzählt – Aus der Sicht eines Gastwirtes. Genauer, der Gastwirt, der am Heiligabend so ein merkwürdiges Paar abweisen muss, weil seine Gaststätte einfach voll ist. Irgendwie hat der Gastwirt jedoch Mitleid…

„So I made them an offer that would made my mother roll over in her grave. I said: ‘You can have the barn, that’s all I have.‘“

– Stuart

Später stellt sich heraus, dass die Frau Schwanger ist, mit einem Kind, das wenig später als Messias die Welt verändern würde.

Jedenfalls kommt dann als erstes ein verwirrter Passant auf die Bühne, der den Gastwirten auf den Stern über seinem Stall aufmerksam macht.


Danach kommt, wie von der Tarantel gestochen, ein Hirte auf die Bühne gerannt. Schreiend und außer Atem erzählt er, dass ihm ein Alien, der sich später als Engel herausstellt, eine frohe Botschaft ins Gehirn gebrannt hat, die er jetzt jedem erzählen muss. Nach dem Hirten betritt Reuben King, “Wisemen, my pleasure.“, im Anzug gekleidet und mit Aktenkoffer ausgestattet, die Bühne um die Situation aufzuklären. Es gibt keine Aliens, das waren nur Engel. Das Kind, das gerade in einer Krippe geboren wurde heißt Jesus und ist der Sohn Gottes.

“I gonna be straight with you, I gonna be cerk, I gonna be Captain Kirk.“

– Reuben King, Wisemen

Nach dem “Candlelight Service“ gehen wir alle nach Hause. Auch Samantha und Zachary, meine beiden Gastgeschwister, die nicht mehr zuhause wohnen, kommen nach Hause und schlafen an Heiligabend zuhause, schließlich haben wir mehr als genug Platz (augenzwinker). Den Rest des Abends machen wir uns es alle zusammen gemütlich. Im großen Wohnzimmer hat es sich jeder gemütlich gemacht, es läuft Football. Hier und da unterhalten wir uns.

In meiner Austauschorganisation YFU wird häufig vom Weihnachtsblues geredet. Damit ist gemeint, das es Austauschschüler an Weihnachten häufig am schwersten haben. In dieser Mitte des Austauschjahres ist das Heimweh meistens am größten, schließlich würde man sonst mit der deutschen Familie Weihnachten feiern. All das fällt weg und wird durch ein Weihnachtsfest eingetauscht, das völlig anders ist.

Auch wenn ich während der Weihnachtszeit besonders viel Kontakt mit meinem deutschen Familien- und Freundeskreis hatte, hat mich der Weihnachtsblues nicht gepackt. Wo ich mit meiner ganzen Familie so auf dem Sofa saß und Football geschaut habe, habe ich viel mehr das Gegenteil verspürt. Jetzt, vier Monate nachdem ich, so naiv und unvorbereitet in ein fremdes Land gestartet bin, habe ich tatsächlich das Gefühl, angekommen zu sein. Ich habe Freunde gefunden, verstehe mich mit meinem gesamten Umfeld hervorragend. Ich bin außerdem glücklich von meiner Familie so herzlich aufgenommen worden zu sein. Ich fühle mich zuhause. Mit diesem Gefühl des Angekommenseins und der Zufriedenheit, ein Zuhause gefunden zu haben bewege ich mich an diesem Abend nicht all zu spät in Richtung Bett.


Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich ein komisches Gefühl. Ich bin aufgeregt. Jeder kennt es, dieses Gefühl eines kleinen Kindes am Geburtstagsmorgen. So richtig weiß man nicht, ob man durch das Haus rennen, und jeden aufwecken, oder ob man lieber noch ein wenig liegen bleiben, und sich „wecken lassen“ soll. Ich entscheide mich dafür, einen Blick vor meine Zimmertür zu wagen. Gegenüber meiner Tür: Niks und Christians Zimmer. Durch den Türspalt sehe ich Christians Füße reglos liegen, auch aus Niks Zimmer ist nichts zu hören. Beide schlafen also noch. Ein Blick um die Ecke gibt die Sicht auf eine schlafende Samantha frei. Sie hat es sich auf dem Sofa, das bei uns im Loft steht, gemütlich gemacht. Familie Harris sind eine Langschläfer.

Bis 9 Uhr dauert es noch, bis ich, alarmiert durch eine Person, die die Treppe herunterläuft, erneut einen Fuß vor meine Zimmertür setze. Es entpuppt sich, dass Christian aufgewacht ist. Ich folge ihm, die Treppe herunter.

Dabei kann ich zum ersten Mal heute einen Blick auf unseren Weihnachtsbaum erhaschen. Der kleine Berg von Geschenken unter dem Baum ist über Nacht noch ein wenig mehr gewachsen. Schon die Tage zuvor konnte man beobachten, wie jeder seine Geschenke unter den Baum stellt. Heimlich natürlich. Auch ich habe in den letzten Tagen meinen Teil dazu beigetragen. Nik und ich haben in völlig europäischer Tradition beschlossen, uns nichts zu schenken. Dafür haben wir beide ein neues Headset für Christian besorgt. Heather und Paul bekommen zwei Filme von mir.

Unten angekommen sehe ich nicht nur Zach, der noch schlafend auf dem Sofa liegt, sondern auch, das unsere „Stockings“ gefüllt wurden. Die Stockings sind die typisch Amerikanischen Socken, die man am Vorweihnachtsabend, also in Deutschland Heiligabend, an den Kamin hängt (alternativ auch an Hacken, wenn kein Kamin zur Verfügung steht). Über Nacht kommt Santa und füllt nicht nur die Stockings der Kinder, sondern legt auch Geschenke unter den Baum.

Meine Socke ist die zweite von rechts, in weiß mit einer grünen Spitze.

…und Santa meint es nicht zu schlecht mit uns, denn unsere Socken sind prall gefüllt. Ich bin aufgeregt. Da wir keinen Kamin haben, hängen die Stockings auf einem hübschen Ständer, auf dem Heather ein paar Schneemänner platziert hat.

Hinter mir, in der Küche hat Heather gerade schon angefangen, Tom den Truthahn mit „Stuffing“ zu befüllen. Stuffing ist eine Füllung, bestehend aus Brot, die traditionell im Truthahn zubereitet wird, um dann wieder herausgeholt, und separat gegessen zu werden.

Derweil machen Christian und ich mich daran, die Zimtschnecken, die es zu Weihnachten meistens gibt, zu kosten. Mit einer Menge Topping und (Geheimtipp) 20 Sekunden in der Mikrowelle ist die zimtige Schnecke von innen warm und weich und köstlich.

Kurze Zeit später sind auch alle anderen aufgewacht und wir versammeln uns im Wohnzimmer. Endlich, das warten hat ein Ende und wir dürfen endlich Geschenke auspacken. Christian springt auf und verteilt die Geschenke, die alle mit Namen versehen sind. Auch ich bekomme ein paar Geschenke. Einen Weihnachtlichen Beutel, eine kleine, eine mittlere, eine große, und eine riesige Box.

Zum Glück gibt es noch eine weitere Tradition, was das Geschenke auspacken angeht: Der Jüngste fängt an, was ich natürlich sehr zu schätze weiß, schließlich sind Christian und Nik schon 17, wo ich noch 16 bin. Also fange ich an mit dem mittleren Geschenk an. Eine Trinkflasche!

Der imaginäre Ball wird weitergereicht. Der Altersreihenfolge nach ist nun Christian, dann Nik, dann Zach, und dann Sam dran. Meine große Box stellt sich als eine Carcassonne Erweiterung heraus, genauer die dritte von drei. Sherlock Holmes artig stellen wir fest, das Christian und Nik vermutlich auch eine Spielerweiterung haben. Carcassonne ist ein Spiel, das ich aus Deutschland als Gastgeschenk mitgebracht habe. Es geht darum, Städte, Straßen und Klöster zu bauen. Dabei gibt es viele Karten, die dann zusammengelegt zu gigantischen Landschaften anwachsen (können).

In der Tüte finde ich eine Tasse mit Oakland University Patch, Christians College, das er, nachdem er mit der Highschool fertig ist, besuchen wird. Alle von uns haben Oakland „Merchendise“ bekommen, also Tassen, T-Shirts oder Mützen. Das ganz große Packet hebe ich mir bis zum Schluss auf. Ich kann es kaum erwarten, das große Packet endlich auszupacken, eine Idee, was drin sein könnte, habe ich nicht. Wie ein Kind, das Geburtstag hat, stürze ich mich, als ich endlich an der Reihe bin, auf das Geschenk und packe es aus. Unter dem Geschenkpapier enthüllt sich eine große Pappschachtel. In der Pappschachtel findet sich mein Geschenk: Eine Kuscheldecke. Eine Seite ist mit Amerika Flaggen bedeckt, die andere mit Tennisbällen.

Verrückt, Santa kennt mich nur zu gut. Seitdem ist die Kuscheldecke bei mir in ständiger Benutzung und darf auf der Heimreise nicht fehlen, oder wie Paul es sagen würde:

„We figure something out.“

Nachdem alle Geschenke ausgepackt wurden, bleiben noch unsere Stockings.

Unter meiner neuen Decke hervorragend, sieht mein Stocking erschreckend Echt aus…

In meinem Stocking finde ich jede Menge Schokolade und Gummibärchen. Überrascht bin ich vor allem von einer Tüte Lindt, ist das nicht eine deutsche Marke? Wir fragen Google, denn Heather hat von Paul einen Google Home bekommen. Wie sich herausstellt, kommt Lindt aus der Schweiz.

Nachdem wir Geschenke ausgepackt haben ist es etwa halb elf. Bis Tom fertig zubereitet ist, dauert es noch ein wenig und es bleibt Zeit für eine weitere Weihnachtstradition im Hause Harris. Wie klein doch die Welt ist, denke ich mir, denn in meinem deutschen Zuhause haben wir die gleiche Weihnachtstradition. Weihnachten ist einfach nicht Weihnachten ohne „Christmas Vacation“, den berühmten Film mit Chevy Chase. Während bei Familie Griswold so ziemlich alles schief geht, was schief gehen kann, wird bei Familie Harris erst einmal aufgeräumt (Komm, wir schmeißen einfach alles ins Treppenhaus). Mich interessiert, wer noch alles „Christmas Vacation“ an Weihnachten schaut, schreibt mir doch mal einen Kommentar.

Nachdem sich am Ende des Films alle in den Armen liegen und Weihnachtslieder singen, bleibt noch ein wenig Zeit für ein professionelles Football Game im Garten.

…im Pyjama.

Team Europa spielt gegen Team Amerika im großen „Backyard Cup“. Wer gewonnen hat? Ich denke mal, die Antwort ist klar, ich kann nicht einmal einen Football gerade werfen. Immer noch frage ich mich, warum Bälle nicht einfach rund sein können, würde das nicht alles unheimlich vereinfachen?

Pünktlich zum Essen kommen wir rein. Tom, das Stuffing, Mashed Potatoes, Gravy und Mais sind genau so lecker wir auch schon an Thanksgiving.

Nach dem Essen haben wir endlich Zeit, die neuen Carcassonne Erweiterungen auszuprobieren. Was folgt ist ein Carcassonne Battle, das es in sich hat.

Nik, Sam, Christian, Zach und ich kämpfen hart, und im Gegensatz zum Football, habe ich hier eine tatsächliche Chance, zu gewinnen. Und ich nutze sie. Der stolze Gewinner dieser Carcassonne Runde kommt aus Deutschland.

Mit diesem kleinen Erfolgserlebnis enden meine „Christmas Celebrations“. Das erste mal in meinem Leben habe ich Weihnachten nicht zuhause verbracht, obwohl…?


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Thanksgiving

Thanksgiving ist eine besondere Zeit. Hier möchte ich, JonasJourneys-untypisch einmal zusammenfassen, wie ich das amerikanische Erntedankfest so verbracht habe.  

Auf die Frage, wann meine „Thanksgiving Celebrations“ eigentlich angefangen sind, ist keine Antwort zu geben. Was jedoch außer Frage steht, ist, dass sich das Gemüt der Amerikaner in der Thanksgiving Zeit ändert, und mit ihrem auch meins. Als Christian Nik, mich und sich selbst am Montag zur Schule fährt, ist die Stimmung demütiger als sonst, wir unterhalten uns über die kommenden Tage, im Hintergrund läuft Jingle Bells Rock (natürlich im Trap-Remix). Heute und morgen gehen wir noch zur Schule, den Rest der Woche haben wir frei. Wo für Mittwoch noch keine konkreten Pläne vorliegen, steht am Donnerstag das eigentliche Thanksgiving Fest an. Am hinter uns liegenden Wochenende haben wir bereits ein großes Thanksgiving Dinner mit der Kirchengemeinde veranstaltet. Dem fielen fünf große Truthähne zu Opfer. Unser Köchin in der Kirche Andrea macht in Sachen Truthahn so leicht keiner was vor, so viel steht fest. Noch immer bin ich satt.  

In der Schule läuft im Schnitt auch alles ein wenig langsamer ab, am Dienstag hat sich mein Denkfluss dann so sehr verlangsamt, dass ich es schaffe, in einem Mathe Test durchzufallen. 11 von 28 Punkten, reife Leistung, sagt auch meine Lehrerin, die mir nach dem Test noch einmal kurz erklärt, was ich eigentlich hätte machen müssen. Immerhin weiß ich es jetzt. Thema des Tests waren binomische Formeln, in Deutschland ungefähr der Punkt, an dem ich irgendwie aufgehört habe, gedanklich mitzuziehen.  

Den ganzen Mittwoch reden wir schon darüber, wie der morgige Tag wohl so ablaufen würde, und dann ist es endlich soweit. Schon früh am Donnerstagmorgen hatte Heather angefangen, einen Truthahn zuzubereiten.  

Sein Name ist Tom. 

Ganz typisch wird Tom lange gekocht und am Mittag, zum großen Thanksgiving Dinner, serviert. Gegen Mittag trudeln Tylor und seine Großmutter, im Hau meiner Gastfamilie Thanksgiving Stammgäste, ein. Zachary und Samantha, Christians größere Geschwister kommen an Thanksgiving auch nach Hause. Vor dem Dinner, das eigentlich mehr ein Lunch ist, bleibt Zeit um sich draußen ein paar Footbälle, und Schneebälle, zuzuwerfen. Nach einiger Zeit muss ich, unter Beschuss stehend, nach drinnen fliehen. Einige Momente kommen auch die anderen herein, gerade richtig zum Essen. Christian wird die äußerst wichtige Aufgabe des Schinken Schneidens zugewiesen, hochkonzentriert macht er sich an die Arbeit. Alle wuseln in der kleinen Küche herum und tragen das Essen auf den Tisch.  

Auf dem fein gedeckten Tisch ist inzwischen fast kein Platz mehr, weshalb Christian die „Cheesy Potatoes“ wohl oder übel direkt neben seinen Platz stellen muss, was für ein tragischer Zufall. Außerdem sind auf unserem Tisch „Mashed Potatoes“, also Stampfkartoffeln, Käse und Cracker, Tom (ein mal mit, ein mal ohne Haut) und ein paar Veggies. Später bringt Heather noch Breading, was etwa das selbe ist, wie Stampfkartoffeln, nur mit Brot. Das muss traurigerweise neben meinem Platz stehen.  

– Rezension des Thanksgiving Festmahl – 

Mashed Potatoes: gut
Tom: sehr gut
Cracker: gut
Cheesy Potatoes: Käse? Rückbauen!
Breading: ausgezeichnet
Mit dieser vorzüglichen Thanksgiving Mahlzeit im Magen verbringen wir den restlichen Abend, ganz traditionell, bei Grandma, ein paar Häuser weiter. Endlich lernen Nik und Ich den Rest meiner Gastfamilie in der großen Runde kennen.

Außerdem gibt es Geschenke (!). Grandma hat vor Jahrzehnten angefangen, für alle Familienmitglieder große Socken, sogenannte stockings, zu stricken. Wie es sich gehört, werden die Socken mit unseren Namen drauf an den Kamin zuhause gehängt und werden an Weihnachten, das übrigens am 25. Dezember ist, befüllt. Alle anderen bekommen von Grandma Weihnachtsschmuck für den Tannenbaum geschenkt. Hier ist es üblich, dass der Baum einer jeden Familie individuell auf seine Mitglieder zugeschnitten ist. Christian bekommt also eine Christbaumkugel, die aussieht wie ein Tennisball. In diesem Moment wird mir auch klar, warum in Frankenmuth Unmengen an Kugeln zu kaufen waren. Mit den „ornaments“ in der Hand fahren wir nach einem langen Thanksgiving Festtag gegen zehn Uhr Abends nach Hause und gehen schlafen, denn die Thanksgiving Celebrations gehen morgen weiter.  

Wer um diese Zeit im Jahr im Internet, oder sogar in einigen deutschen Geschäften herumtreibt, der hat es sicher schon einmal gehört: „Black Friday“, oder „schwarzer Freitag“, wobei das englische Original doch deutlich besser klingt, wie ich finde. Der schwarze Freitag hat seinen Namen daher, dass an diesem Freitag die Geschäfte schwarze Zahlen schreiben, was eine angebrachte Darstellung ist. In jedem Schaufenster der Stadt sieht man Angebote, auch im Internet ist alles günstiger. Regelrechte Menschenströme finden sich in allen Geschäften wieder, wild um Angebote streitend, Grünflächen werden zu Parkplätzen, Server sind überlastet. Ganz Amerika verfällt für einen Tag in den Shopping-Wahnsinn. Meistens gibt es jeden Black Friday Tote. Dieses Spektakel dürfen sich die Amerika-Neulinge Nik und ich natürlich nicht entgehen lassen, wobei wir hoffen, niemanden am Ende des Tages tot zu sehen. Schnell haben wir Paul überredet, uns zu „Kohls“, einem Geschäft für Klamotten, zu fahren. Nik ist auf der Suche nach einer neuen Winterjacke, ich brauche bloß Handschuhe und Mütze. Vor unseren Augen erstrecken sich geschätzte fünf Hektar Klamotten aller Art, aber vor allem Menschen. Unendlich viele Menschen.

Als sich eine halbe Stunde später Nik für eine Jacke, Mützen und Handschuhe entscheiden hat und ich mir Mütze und Handschuhe ausgesucht habe, müssen wir etwa eine Stunde an der Kasse warten.  Was wir in den nächsten zwei Geschäften kaufen, darf ich aus weihnachtlichen Gründen noch nicht verraten, was aber feststeht ist, dass die Schlangen um die Mittagszeit herum nicht deutlich abnehmen, einfach verrückt.  

Als es etwa ein Uhr ist, beschließt Paul, uns seinen Lieblings Thailänder in der Region zu zeigen. „Bangkok“ Star ist auf der Frequentierungsskala von 1 bis Geheimtipp eindeutig auf dem Ende der Skala einzusiegeln, das nicht in einer Zahl angegeben ist. Zusammen mit einer asiatischen Großfamilie sind wir die einzigen, die heute vorbeischauen. Natürlich kennt Paul den Betreiber, der beweist, das ein Patron nicht aus Italien kommen muss. Ich bestelle Nudeln, die ein bisschen in Öl ertrinken, Nik Frühlingsrollen, Paul irgendwas mit Reis. Ich schaffe meinen Teller voller Öl und Nudeln nicht ganz.  

Mit gefülltem Magen machen wir alle zuhause erst einmal eine Pause, bis es am Abend zum Höhepunkt des Black Friday kommt: Die große Thanksgiving Parade. Christian, Nik und ich fahren gegen halb sechs zusammen in die Innenstadt, zum Austragungsort der diesjährigen Thanksgiving Parade. Dort angekommen suchen wir uns, nachdem wir für etwa eine halbe Stunde einen freien Parkplatz Gesucht haben, einen Platz entlang der Route, den die Parade gehen wird. Wir entscheiden uns, uns neben die Brücke, die über das Black River führt, das Port Huron in Nord und Süd teilt, zu stellen, wo Grandma und ein paar andere Mutige der Familie auf uns warten, die es auf sich genommen haben, mit uns in der Kälte zu stehen. Alle Kinder, die nördlich des Black River wohnen, gehören zum Einzugsgebiet von Port Huron Northern, südlich davon gehen alle Schüler zu Port Huron. In der Vergangenheit hat es immer Stress zwischen „PH“ und „PHN“ gegeben (die Auseinandersetzung ist etwa mit Hamburg vs Werder Bremen vergleichbar), weshalb die Veranstalter der Parade sich die dazu entschieden haben, dass sich jedes Jahr abgewechselt wird mit der Eröffnung der Parade durch die jeweiligen Marching Bands. Dieses Jahr ist Port Huron Northern an der Reihe. Von Seiten unserer Schule hört man Bu-Rufe. Seit vielen Jahren, so erzählt man, stellt die PHN Marching Band unsere in den Schatten. Mit skeptischem Blick verfolgen wir also den imposanten Auftritt der blauen Instrumentalisten. Als nächstes sind einige weitere Attraktionen an der Reihe. Überall wird sich Fröhliche Weihnachten gewünscht (Ja, es ist November), Kinder schmeißen Süßigkeiten. Am Ende der Parade kommt dann unsere Marching Band. Die „Port Huron Big Red Marching Maschine“ liefert ab, und verlässt lächelnde Gesichter.

Inzwischen ist es halb neun und wir machen uns auf den Weg nach Hause und läuten das Ende der diesjährigen Thanksgiving Celebrations ein.  


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The States 2/2

Seit etwa zehn Minuten sitzen wir nun schon als einzige in Pauls etwas abgekühlten Pickup. „Das kann doch eigentlich nicht sein, dass sich drei Leute gleichzeitig versehen, oder?“, Frege ich lachend in die Runde. Zumindest mir, dem wohl vergesslichsten Menschen der Welt nach den beiden berühmten Senioren im Park, wäre es zuzutrauen. Doch dann sehen wir auf einmal eine Kolonne von Autos heranrollen. Nach und nach steigen mehr und mehr junge Tennisspieler aus den Autos. Ein paar Teams haben sogar einen eigenen Mannschaftsbus. Ein eigener Mannschaftsbus für eine Tennismannschaft an der Highschool? Immerhin habe ich ein eigenes Auto für mich, wenn man so will. Leider hat sich bei den Regionals unsere Mannschaft nicht für Michigans Meisterschaft qualifiziert, dafür habe ich es als „Individual Qualifyer“, durch meinen Sieg bei den Regionals geschafft, deshalb bin ich auch der Einzige unser Mannschaft hier. Unsicher steige ich aus dem Pauls Pickup aus und schnappe meinen Tennisschläger. Das erste was ich erkenne, wenn ich den großen College Campus betrete, sind dunkle Silhouetten auf den Tennisplätzen, die sich versuchen einzuspielen. Ja, sie versuchen es, denn einen Ball zu treffen bei fast kompletter Dunkelheit ist nahezu unmöglich. Ein paar mal lache ich kurz auf, als offensichtlich daneben geschlagen wird. Einmal bekommt jemand einen Ball in die Brust, spielt jedoch unbehelligt weiter. Je heller es wird, desto besser erkenne ich die Spieler und den Campus des riesigen College. Die „Hope College“-Tennisanlage besteht aus zwölf Plätzen. Sechs auf der einen, sechs auf der anderen Seite. Dazwischen ist eine art Erhöhung mit Zuschauerplätzen, und Platz für die Trainer darunter. Es ist bitter kalt, ich rolle mich innerlich ein wenig zusammen. Hinsetzen vermeide ich erstmal, ich stehe lieber um zumindest ein bisschen in Bewegung zu bleiben. Mein Chai Tea Latter erwärmt gleichzeitig ein bisschen meine Hände. Als erstes steht das „Coaches Meeting“ auf dem Plan. Paul begibt sich also unter die Überdachung. Wieder kommt er nicht nur mit einem kleinen Packet mit Namensschild für sich als Coach, denn nur Coaches dürfen auch coachen, sondern auch mit der Neuigkeit, das es um der Uhr regnen soll. Dementsprechend kurz wird dann auch das „Players Meeting“ gehalten, das kurze Zeit später auf dem Platz stattfindet. Nichts wirklich neues wird gesagt, alle bemühen sich, so schnell wie möglich anzufangen, um möglichst viele Matches vor dem Regen zu spielen.Nach etwas Wartezeit treffe öffne ich endlich zuversichtlich die Tür zum Platz. Mein Gegner lässt auf sich warten, also wärme ich mich schon mal ein wenig auf. Besonders weh tut das Dehnen der Oberschenkel an so einem frühen morgen. Dann fangen wir an zu spielen. Erste Bemerkung: Linkshänder, also umdenken. Wo normalerweise die Vorhand ist, ist bei meinem Gegner die Rückhand.

Dementsprechend fange ich also an, die Bälle anders zu verteilen. Auch wenn ich den ungewöhnlichen Spielstil nicht gewohnt bin, kann ich mich schnell darauf einstellen. Also verlasse  ich nach garnicht all zu langer Zeit mit einem breiten Siegergrinsen den Platz. Noch steht mein nächster Gegner nicht fest. Auf dem riesigen Tisch der Turnierleitung bin ich also ganz hinten in der Warteschlange. Genug Zeit, um nach eine entspannte Mittagspause zu machen. Auf dem Weg hierher, haben wir alle einen BurgerKing entdeckt, zu dem wir jetzt hinfahren. Bescheiden wie ich bin, bestelle ich allerdings nur eine Limonade, schließlich habe ich meine Wraps. Etwas schüchtern betrete ich mit meiner dicken Tupperdose in der Hand den ausladenden Verkaufsraum und setze mich, so unauffällig wie möglich an einen Tisch am Fenster. Kurze Zeit später stoßen Heather und Paul dazu. Kurz nachdem wir alle aufgegessen haben schleiche ich mich mit meiner Tupperdose wieder aus dem BurgerKing und steige in Pauls schwarzen PickUp. Etwa 10 Minuten dauert der Weg zurück zum Campus des Hope College, Zeit für mich um noch einen Wrap zu essen. Inzwischen bin ich auf Platz 12 der Warteliste gerückt. Das heißt: Noch 12 Matches finden vor meinem statt. Toll. Dafür steht inzwischen mein Gegner fest. Woher er kommt, wer er ist, Paul scheint nichts zu wissen, ich natürlich noch weniger.
Noch zwei Matches, es fängt an zu tröpfeln. Alle fliehen unter ein paar der Schirme auf der Erhöhung.

Plötzlich sind die Plätze ganz leer. Fast schon etwas geisterhaft ist es still geworden. Keine Schuhe quietschen, keine Spieler stöhnen. Nach etwa einer halben Stunde geht dann das Schauspiel weiter, ich bereite mich vor, denn der nächste an der Reihe bin ich. Gerade fange ich an den langen Gang unter der Überdachung entlang zu laufen, da fängt es wieder an zu schütten. Diesmal allerdings besteht kein Zweifel, dass der Regen anhalten wird. Ich sehe den verzweifelten Turnierdirektor hektisch zum Telefon greifen, während alle anderen mit einem traurigen Blick die Pfützen auf den Plätzen anschauen, die immer größer werden, und Tennis unmöglich machen. Eine lange Karawane von Menschen zieht sich kurze Zeit später aus dem Tennis Campus des Hope College. Mehr oder weniger geeilt traben alle in Richtung der anliegenden Halle. Der kleine Vorraum ist offensichtlich nicht für so viele Menschen ausgelegt. 

Für mich heißt es erstmal: weiter warten, denn die Halle hat nur sechs Plätze. Das heißt, die Matches, die schon angefangen haben, müssen erst einmal zu Ende gespielt werden, bevor ich den Platz betreten darf. Etwa eine Stunde muss ich noch warten, dann bekomme ich endlich mein Zeichen. Ich bin ein bisschen aufgeregter als sonst, als ich die Hartplatzhalle betrete, denn ich spiele auf Platz 1. Der Centercourt hat eine kleine Tribüne die bis zum Überlaufen mit Menschen gefüllt ist. Darunter Heather, die sich inzwischen mit ein paar anderen Tennismüttern zusammengeschlossen hat, und tratscht. Paul wartet hinter einem Netz hinter dem Platz und späht durch ein kleines Guckloch. Wieder bin ich vor meinem Gegner auf dem Platz. Gespannt warte ich also und versuche vor dem erwartungsvollen Publikum irgendwie sportlich und professionell auszusehen. Während ich irgendeine pseudo Dehnübung mache, betritt ein älterer Jugendlicher den Platz. In seinem Gesicht hängt nicht nur ein voller dunkler Bart, sondern auch eine etwas grimmige Miene. Ich schaue ungläubig zu Paul, der nicht nur. In seinen Augen hängt ein bisschen Mitleid. Das „Du bist mein Gegner?“, sollte sich eigentlich mehr wie eine Sicherheitsfrage klingen, muss sich aber sehr dumm angehört haben. Als ich seine Antwort, ein „Ja?“, mit einem Fragezeichen, indem etwa die Botschaft „Was willst du kleiner, deutscher Knilch“ mitschwingt, ins Gesicht bekomme, schlucke ich. Nach außen hin muss ich neben meinem Gegner, der etwa zwei Köpfe größer ist als ich, trotzdem nicht all zu verängstigt ausgesehen haben, denn Heather wirft mir immer noch einen mutmachenden Blick zu. Allerdings verwandelt sich auch ihre Zuversicht schnell in Zweifel als wir uns „langsam“ anfangen einzuspielen, wobei man von langsam nicht wirklich sprechen kann. Die ersten paar Bälle, die mein Gegner mir zuspielt berühre ich nur mit meinem Schlägerrahmen. 

Wie dieses Spiel ausgegangen ist, kann sich sicher jeder denken. Immerhin habe ich es im zweiten Satz noch zu einem Ehrenspiel gebracht, 6:0 6:1 also. Nach nicht all zu langer Zeit schleiche ich deprimiert zum Netz und reiche meinem Gegner die Hand. Als ich frustriert zur Tribüne stapfe spricht mich der Trainer von meinem Gegner an, sagt dass ich gut spiele und nicht deprimiert sein sollte. Toll. Heather verabschiedet sich von ihren neu kennengelernten Freundinnen, mit denen sie das Match verbracht hat. Dieser lange Tag endet für mich etwa da, wo er angefangen hat: Im Auto. Zusammen mit Paul ziehe ich Bilanz. Ein erfolgreicher Tag ist es gewesen, nicht nur für mich, sondern für die ganze Schule, die es sonst nicht zu den States Championships schafft. Viel hätte ich nicht ausrichten können gegen meinen Gegner, der bei einem Konzertkartenkauf auch als mein Vater durchgehen können könnte. Irgendwie sich auch alle glücklich, jetzt nach Hause zu dürfen. 


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The States 1/2

Diese eine „Jonas Journey“ beginnt eigentlich schon am Tag vorher. Oftmals passiert alles spontan in meinen kleinen Abenteuern, doch diesmal ist es tatsächlich etwas anders. Geplanter. Am Tag vor dem Tag davor habe ich reichlich eingekauft. Genauer zehn Tortilla, drei Paprikaschoten, etwa zehn Tomaten, eine riesige Kugel Mozzarella, ein paar Hähnchenstreifen, Rucola und ein wenig Basilikum, getrocknet und klein zerhackt. Eigentlich hatte ich mich nach einem frischen Bündel umgesehen, aber gefunden habe ich nur diese, etwas tristere Variante. Wie der mündige Leser vielleicht schon festgestellt hat, bin ich im Begriff Wraps zu machen. Die sind gedacht für den nächsten Tag, den Tag an dem ich beim States Tournament antreten werde.

Bereits die ganze Woche wurde ich von etlichen beglückwünscht zum Einzug in das große Turnier, das den besten Spieler Michigans bestimmen soll. Eine Woche zuvor habe ich, genau wie Christian, die „Regionals“ in meiner Kategorie, #1 Singles, gewonnen. Qualifiziert habe nur ich mich für das nächste Level.

Inzwischen habe ich die noch rohen Hähnchenstreifen, die bei genauerem Hinsehen eigentlich zum größten Teil aus Fett bestehen, in die Pfanne geworfen und den Herd angemacht. Noch ein bisschen Öl, damit nichts anbrennt, und nichts sollte schiefgehen, oder? Schon oft habe ich daheim meine Mutter beim Fleisch anbraten beobachtet. Gekonnt ein Schuss Öl, und dann das Fleisch. „Ist das nicht eigentlich idiotensicher?“, denke ich leise vor mich hin, während mir ein Schwall Dampf entgegenkommt und ich die Frage innerlich mit einem Nein beantworte. Entweder ist es also nicht idiotensicher, oder ich bin überdurchschnittlich untalentiert. Am Ende einer viertelstündigen Odyssee ist zwar die Küche in einen rauchigen Vorhang gehüllt, die Hähnchenstreifen allerdings gut bis sehr gut angebraten. Vielleicht habe ich mich ein wenig selbst übertroffen: außen knusprig, innen saftig zart. Das trifft zwar nur auf einen der zehn Streifen zu, aber für das erste Mal… Zeit für mich, die noch etwas dicken Streifen in kleinere Streifen zu unterteilen. Mit einem Gefühl, als wäre ich Tim Melzer, und hätte sehr große Ahnung von meinem Handwerk, zerkleinere ich außerdem noch Tomaten, den riesigen Mozzarella, und eine der drei Paprikas. Dann ist es Zeit, die Tortillas aus der Plastikverpackung zu holen. Einem Youtubetutorial zufolge sollen sich die Tortillas besser „wrappen“ lassen, wenn man sie kurz in der Mikrowelle aufwärmt. Also wärme ich sie kurz auf. Besser falten lassen sie sich allerdings nicht.

Einer Anleitung aus dem Internet zufolge ordnet man die Zutaten in einem Streifen in der Mitte an, dann werden die Seiten eingeklappt, und alles wird eingerollt. Einem anderen zufolge klappt man nur eine Seite ein und klappt dann die anderen irgendwie darauf und rollt und quetsch und macht und tut und… Nach zwei Versuchen quälenden Wrapfaltens gebe ich entnervt auf, denn meine Rettung schlendert gerade durch die Tür. Der Mann, der Wraps beruflich rollt: Christian. Schmunzelnd blickt er über meine bisherigen Versuche. Mit Hundewelpenblick in den Augen frage ich den McDonalds Wrap Meister nach Hilfe. „Gerne“, kommt die Antwort schnell. Mit einer neuen Arbeitsteilung sind Christian und ich im Handumdrehen fertig. Ich schnipple die Zutaten klein, Christian rollt die Wraps. Erstaunt schaue ich dem Meister über die Finger, der das Wrap-Rollen perfektioniert hat und die 10 Tortillas in kurzer Zeit elegant in zauberhafte Wraps verwandelt.

Kurz nachdem wir das Warp-Projekt abgeschlossen haben, machen sich Heather, Paul und ich auf die Reise. Christian und Nik bleiben zuhause, immerhin ist morgen Schule. Ich bin entschuldigt, alles wurde von ganz oben abgesegnet. Der Schuldirektor hat mir sogar noch ein mal persönlich gratuliert und viel Erfolg gewünscht. Ich wurde sogar in einer Lautsprecherdurchsage erwähnt. Mit diesem Wissen, das eigentlich ganz Port Huron (und Jonas aus Marysville) hinter mir stehen, setze ich mich also ins Auto und trete die dreistündige Autofahrt nach Holland an. Langsam wird es dunkel hinter der Fensterscheibe.

Den Sonnenuntergang, der, selbst für Michigans Verhältnisse, wirklich schön ist, will ich im Vorbeiziehen in einem dieser epischen Fotos festhalten, die man immer auf Instagram findet. Die tief orange Sonne taucht elegant hinter den Horizont. Hier das Ergebnis.

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Ähnlich wie Frankenmuth, hat auch Holland, der Austragungsort der „States“ einen kleinen geschichtlichen Hintergrund, nur ist es bei dieser kleinen Stadt ziemlich offensichtlich aus welchem europäischen Teil die Einwanderer stammten. Etwa zur gleichen Zeit als Deutsche Frankenmuth gründeten, wurde auf der anderen Seite der Halbinsel Michigan also Holland gegründet. Leider bekomme ich bei der Ankunft drei Stunden nachdem ich voller elan Pauls riesigen PickUp betreten habe, nicht viel vom holländisch angehauchten Stadtkern zu sehen. Vielmehr suchen wir eigentlich direkt das Hotel auf. Wir sind alle müde, und da wir auch sonst nichts mehr vorhaben und morgen sehr früh aufstehen müssen, beschließen wir, einfach zu schlafen. Noch ein bisschen liege ich wach und überlege, wie der nächste Morgen und Tag wohl so ablaufen wird. Obwohl es erst neun Uhr ist, bilde ich mir beim einschlafen einen dünnen Lichtstrahl ein, der durch den schmalen Schlitz zwischen den typischen Hotelgardinen scheint. Übrigens: Amerikanische Hotelzimmer unterscheiden sich in keinster Weise von deutschen. Wirklich war, ich habe keinen Unterschied feststellen können – fast ein wenig komisch.

Am nächsten Morgen nehme ich, aus irgendeinem Grund, zum ersten Mal den kühlen Luftzug der Klimaanlage wahr, der an meinen Füßen vorbeistreicht. Das Wasser aus dem Wasserhahn, mit dem ich mir heute morgen die Zähne putze schmeckt nach Chlor. Bepackt mit allen meinen Taschen und meiner Powerbank in der rechten, und meinem Handy in der linken Hand, erfrage ich auf dem Weg nach unten in die Hotellobby die Frühstückssituation. Niemand von uns hat so wirklich Hunger, was an der, selbst für mich, absurd frühen Uhrzeit von fünf Uhr morgens liegen könnte. Wir beschließen, nur einen kleinen Stop bei Starbucks einzulegen, außerdem habe ich ja auch noch meine Wraps. Das 21. Jahrhundert genießend finde ich schnell den Platz in der Stadt mit der größten Starbucks-Dichte. Was ich finde, ist selbst für amerikanische Verhältnisse extrem: Drei Starbucks Filialen auf 500 Meter?

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Obwohl es fünf Uhr morgens ist, genieße ich den Starbucks-Aufenthalt. Starbucks Filialen unterscheiden sich kaum von deutschen, sodass ich, auf eine komische Art und Weise, mich ein wenig zuhause fühle. Naja, zugegeben fühlt es sich mehr nach Hamburg oder Bremen (ihh, Bremen) Hauptbahnhof an, obwohl ich keinen erfolgsversprechenden Jungunternehmer mit leuchtendem 13-zoll MacBook Air in der langgezogenen Schaufensterbar sitzen sehe.

Nach kurzer Bedenkzeit vor der großen Kreidetafel hinter dem Tresen entscheide ich mich für einen Klassiker: Chai Tea Latte. Ein wenig Kaffee, ein wenig Tee, in einem perfekten Verhältnis und einer vermutlich sehr großen Menge Zucker. Ein morgendlicher Genuss der mir auf dem Weg zum Austragungsort des großen Turniers etwas den Tag versüßt.

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Etwa zehn Minuten dauert es, bis wir am Hope College angekommen sind. „Hier findet das ’States Tournament’ jedes Jahr statt“, fängt Paul leise an. Noch nie war jemand von uns hier, deswegen ist es für uns erst einmal rätselhaft, auf welchen der vielen Parkplätze wir vorfahren sollen. Einen Unterschied macht es nicht, denn noch sind alle leer. Wir sind weit und breit die einzigen auf dem gerundeten Streifen von Parkplätzen. Kurz bekomme ich ein bisschen Angst, dass wir uns im Termin versehen haben…


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Teil 2 coming soon!

Bayern – In Michigan? 2/2

Das nächste Geschäft ist zwar geschmacklich nicht ganz mein Fall, trotzdem eindrucksvoll: „The Frankenmuth Cheese Haus“. Auf geschätzt 200 Quadratmetern gibt es hier nicht nur den normalen Langeweile-Gouda, sondern auch Käse mit Mango-, Erdbeer- („Vitamine sind in…“), und Chilli-Geschmack. Letzteres springt den Schärfe-Liebhabern Nik und Paul besonders ins Auge. „Ghost Chilli“ ist der offizielle Name des skurrilen Käses, den man in kleinen Würfeln Probe kosten kann. Während es für Nik der ultimative Thrill ist, wirkt Paul eher weniger mitgenommen. „Das soll scharf sein?“, fragt er Nik, der währenddessen um Atemluft kämpft. Heather und ich lachen nur, glücklich mit der Entscheidung, den Käse Käse sein zu lassen und uns langsam Richtung Ausgang zu bewegen. Das „Frankenmuth Cheese Haus“ war weniger was für mich und Nik, dessen Gesichtsfarbe immer noch eher einer Tomate, als allem anderen ähnelt.  

Wir laufen die lange Hauptstraße Frankenmuths wieder hinauf um zurück zu Zehnders, dem mutmaßlich weltberühmten Restaurant, das bekannt vor allem für Chicken ist, einem genaueren Besuch zu erstatten. Von außen sieht Zehnders etwas aus, wie eine alte Markthalle, von innen ist es altmodisch, traditionell, fast ein bisschen zu kitschig eingerichtet.

Zehnders

Als ich mich durch die gigantische Schwingtür schwinge bin ich erstmal erstaunt, denn von Essen oder einem Restaurant-ähnlichen Ambiente ist erstmal nichts zu erahnen. Stattdessen werden wir von einem Mitarbeiter hinter einem Rezeptionstresen freundlich begrüßt und nach Personenzahl gefragt. „Wir sind zu viert“, sagt jemand von uns schnell, eine Kellnerin in einem interessanten Dress führt uns durch Gänge und Hallen zu unserem Platz. Zehnders besteht aus zwei „Dining Rooms“, einem im Obergeschoss, einem im Keller. Beide sind jeweils mit einem Buffet mit dem weltberühmten Chicken ausgestattet. Vier mal das Buffet also! Ein freundlicher Kellner fragt uns nach Getränken und wir schießen los. Glücklich über den offensichtlich richtigen Zeitpunkt, die Schlange ist klein, können wir direkt unsere Teller, die eigentlich eher Platten ähneln, befüllen. Vor und auch hinter uns schieben sich etwa 10 Menschen an beiden der zwei Seiten des etwa 15 Meter langen Buffets mit uns entlang, um so viel auf die Teller zu packen, wie nur irgendwie möglich ist.  

Ich habe den Sinn von Buffets nie so ganz verstanden. Natürlich ist es eine gute Idee, für jeden etwas passendes bereitzuhalten, aber weshalb ist es immer noch üblich anzunehmen, dass man zwanghaft alles probieren muss? Ich bin immer noch eins dieser Kinder, das bei Buffets am liebsten zu dem Bekannten, Gewohntem, und bewiesenermaßen Leckerem greift. Warum muss man alles probieren, wenn man im Durchschnitt die Hälfte der tausend aufgetischten Speisen sowieso am Ende angeekelt überlässt? Und in Wirklichkeit bin ich damit auch nicht allein damit; Frage: Wie viele Schwarzbrot liebende Ostfriesen essen beim morgendlichen Frühstücksbuffet in ihrem Ibis Budget auf Mallorca denn bitte Weißtoast mir Rührei? Richtig, keine, denn alle werden weiter Schwarzbrot essen (Rebellen kombinieren Rührei mit Schwarzbrot).  

Zwar gibt es beim Zehnders Buffet kein Schwarzbrot, was wirklich bedauerlich ist, trotzdem schaffe ich es aber, mir einen Teller mit größtenteils lecker und vertraut aussehenden Delikatessen zusammenzustellen. Ich fange mit einem Salatteller an. Es gibt Kartoffelsalat, Gurkensalat, irgend so eine besondere Marmelade, die ich unbedingt mal probieren sollte, und ein paar Salatblätter, um den Eindruck, mein heutiges Mittagessen sei gesund, zu erwecken. Auf meinem eigentlichen Teller schaffe ich eine Grundlage an Beilagen mit gebutterten Bandnudeln, Kartoffelpüree mit Gravy und einer Art gekochtem Brot, das Heather schon ein paar mal zu Abend gekocht hat. Weiter in der Reihe der Hähnchenschenkel, um den man bei Zehnders, dem berühmten Chicken-Restaurant eigentlich nicht drum herum kommt. Auf das nächste sechstel meines Tellers bin ich besonders gespannt: Deutsches Sauerkraut mit gekochter Mettwurst. Gespannt probiere ich das etwas zu lange gekochte Sauerkraut mit dem Stückchen Mettwurst also als erstes. Und tatsächlich: Es schmeckt zumindest ähnlich. Zuletzt wäre da noch ein Kürbispüree, welches ich nach zwei bissen allerdings getrost überlasse. Außerdem finden wir auf dem Tisch, als wir vom Buffet wieder am Tisch ankommen noch ein paar Scheiben Brot und Nudelsuppe, natürlich mit Hähnchen, für das man allerdings etwas im kleinen Suppenteller graben muss.

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Nun habe ich nicht wirklich einen kulinarisch ausgeprägten Geschmackssinn, der es mir ermöglichen könnte, eine ausführlichere Kritik zu verfassen, aber alles in allem: ein wenig trocken und lieblos, aber geschmacklich gut bis sehr gut. Zugegeben, das Buffet Essen, vor allem das Hähnchen haben sehr satt gemacht. Etwas stolz auf mich, entscheide ich für mich selbst, dass es eine gute Entscheidung war, den Teller nicht zu voll zu machen. Eine Entscheidung, die Nik nicht getroffen hat. Die Menge an Essen auf seinem Teller, die auch irgendwie nicht weniger wird, bringt ihn sichtlich zum kämpfen. Irgendwie schafft es Nik dann aber doch, seinen Teller komplett zu säubern, sodass der Kellner kommt und uns ein Dessert anbietet. Ich lehne erst dankend ab, ich bin wirklich zu einem guten Maß gefüllt, doch gebe mich letztendlich doch dem Massenzwang hin. Nik, Heather und Paul bestellen sich jeder ein Schokoladeneis mit Karamellsauce, sodass keine wirkliche Chance diesem karamellig traumhaften Genuss zu entkommen. Außerdem, „…its filling the gaps.“   

Nachdem erst Nik, dann ich gefragt hat, ob uns jemand heraustragen kann, und sich niemand freiwillig erklärt hat, steppen wir qualvoll, aber glücklich, das pompöse Treppenhaus hinauf. Als mir Paul die Tür aufhält, blendet mich die Sonne, dass ich erst einmal stehen bleiben muss und Nik auf eine sehr umkoordinierte Art und Weise in mich hinein läuft. Diesmal wenden wir uns der rechten Seite zu, um den noch übrig gebliebenen Teil, südlich von Zehnders, zu erkunden. Wir überqueren eine relativ große Brücke. Zu meiner Rechten befindet sich ein Hollywood ähnlicher Schriftzug, der sich, wie auch schon das riesige Eingangsschild „Willkommen 2018“ ließt.

Wilkommen 2018

Zur Linken sehe ich einen riesigen Wasserfall mit einem kleinen Anleger daneben. Dahinter deuten ein paar Häuserdächer schon auf die kleine Ansammlung von Gebäuden mit Geschäften hin, auf die wir zusteuern. Das erste was mir ins Auge springt, ist die „SugarHigh Bakery“. „Wenigstens ist der Titel ehrlich“, denke ich mir. Zu gerne wäre ich hinein gegangen und hätte einen der bunten Cupcakes probiert, nur sind die anderen schon weitergezogen zu einem anderen sehr außergewöhnlichem Laden. Als ich den Verkaufsraum mit der hohen Decke betrete, brauche ich ein paar Sekunden, um zu erfassen, was genau hier verkauft wird, doch dann sehe ich die riesige Tüte Popcorn an der Wand hinter dem Verkaufstresen. Hier kann man Popcorn kaufen, und zwar Kiloweise! Ausnahmsweise stimme ich dem Vorurteil, dass in Amerika alles größer ist, einmal zu. Neben den Fächern im breiten Verkaufstresen sehe ich im Hintergrund Säcke von Popcorn, dessen Format wohl am besten mit Müllsäcken zu vergleichen ist, obwohl das kein schöner vergleich ist. Glückliche Kunden tragen eben solche riesigen Säcke aus dem Laden. Als ob diese Primark ähnlichen Zustände nicht schon verrückt genug wären, macht mich Nik auf die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen aufmerksam.

Popcorn

Geschmacksrichtungen? Für mich war Popcorn bisher immer nur Popcorn, aber hier gibt es richtige Geschmacksrichtungen. Neben den Klassikern wie Schokolade, Erdnusbutter und Karamell gibt es auch etwas abgefahrenere Kreationen, wie Parmesan & Knoblauch, Kirsche oder Gewürzgurke. Zum Glück sind wir alle immer noch bis zum Rand satt, sonst hätte ich vermutlich eine der abgefahrenen Geschmacksrichtungen probieren müssen.  

Wir laufen noch ein wenig durch den etwas verwunschenen Ortskern von Frankenmuth, bis wir schließlich erneut die große Brücke überqueren, doch halt. Am Anleger hat jetzt ein riesiger Schaufelraddampfer angelegt und läd eine kleine Anzahl von Touristen ein. Das erinnert mich ein wenig an meine Kindheit. Schon damals habe ich, investigativ wie eh und je, hinterfragt, ob die großen Raddampfer wirklich von einem kleinen Schaufelrad angetrieben werden. Eine offizielle Antwort wollte mir damals ein Erwachsener nie geben, vermutlich um den mysteriösen Zauber um den Vintage-Antrieb nicht komplett aufzuheben, es muss schließlich auch ein paar Geheimnisse im Leben eines Kindes geben. Rebellisch habe ich, sobald ich irgendwann einen Zugang zum Internet und damit Wikipedia hatte, die Fragestellung jedoch eines Tages gegoogelt, um frustriert herauszufinden, dass die Raddampfer nicht wirklich vom großen, roten Schaufelrad angetrieben werden, wie schade.

Bavarian Belle

So bezaubernd anmutig die „Bavarian Belle“ auch ist, es ist Zeit zurück zum riesigen Zehnders Parkplatz zu laufen.  

Im Auto auf dem Heimweg sehe ich noch einmal das riesige Willkommensschild, das ich ganz am Anfang schon gesehen habe. Diesmal lese ich die Rückseite des Schildes vor: „Auf Wiedersehen in Frankenmuth“.  


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