The States 2/2

Seit etwa zehn Minuten sitzen wir nun schon als einzige in Pauls etwas abgekühlten Pickup. „Das kann doch eigentlich nicht sein, dass sich drei Leute gleichzeitig versehen, oder?“, Frege ich lachend in die Runde. Zumindest mir, dem wohl vergesslichsten Menschen der Welt nach den beiden berühmten Senioren im Park, wäre es zuzutrauen. Doch dann sehen wir auf einmal eine Kolonne von Autos heranrollen. Nach und nach steigen mehr und mehr junge Tennisspieler aus den Autos. Ein paar Teams haben sogar einen eigenen Mannschaftsbus. Ein eigener Mannschaftsbus für eine Tennismannschaft an der Highschool? Immerhin habe ich ein eigenes Auto für mich, wenn man so will. Leider hat sich bei den Regionals unsere Mannschaft nicht für Michigans Meisterschaft qualifiziert, dafür habe ich es als „Individual Qualifyer“, durch meinen Sieg bei den Regionals geschafft, deshalb bin ich auch der Einzige unser Mannschaft hier. Unsicher steige ich aus dem Pauls Pickup aus und schnappe meinen Tennisschläger. Das erste was ich erkenne, wenn ich den großen College Campus betrete, sind dunkle Silhouetten auf den Tennisplätzen, die sich versuchen einzuspielen. Ja, sie versuchen es, denn einen Ball zu treffen bei fast kompletter Dunkelheit ist nahezu unmöglich. Ein paar mal lache ich kurz auf, als offensichtlich daneben geschlagen wird. Einmal bekommt jemand einen Ball in die Brust, spielt jedoch unbehelligt weiter. Je heller es wird, desto besser erkenne ich die Spieler und den Campus des riesigen College. Die „Hope College“-Tennisanlage besteht aus zwölf Plätzen. Sechs auf der einen, sechs auf der anderen Seite. Dazwischen ist eine art Erhöhung mit Zuschauerplätzen, und Platz für die Trainer darunter. Es ist bitter kalt, ich rolle mich innerlich ein wenig zusammen. Hinsetzen vermeide ich erstmal, ich stehe lieber um zumindest ein bisschen in Bewegung zu bleiben. Mein Chai Tea Latter erwärmt gleichzeitig ein bisschen meine Hände. Als erstes steht das „Coaches Meeting“ auf dem Plan. Paul begibt sich also unter die Überdachung. Wieder kommt er nicht nur mit einem kleinen Packet mit Namensschild für sich als Coach, denn nur Coaches dürfen auch coachen, sondern auch mit der Neuigkeit, das es um der Uhr regnen soll. Dementsprechend kurz wird dann auch das „Players Meeting“ gehalten, das kurze Zeit später auf dem Platz stattfindet. Nichts wirklich neues wird gesagt, alle bemühen sich, so schnell wie möglich anzufangen, um möglichst viele Matches vor dem Regen zu spielen.Nach etwas Wartezeit treffe öffne ich endlich zuversichtlich die Tür zum Platz. Mein Gegner lässt auf sich warten, also wärme ich mich schon mal ein wenig auf. Besonders weh tut das Dehnen der Oberschenkel an so einem frühen morgen. Dann fangen wir an zu spielen. Erste Bemerkung: Linkshänder, also umdenken. Wo normalerweise die Vorhand ist, ist bei meinem Gegner die Rückhand.

Dementsprechend fange ich also an, die Bälle anders zu verteilen. Auch wenn ich den ungewöhnlichen Spielstil nicht gewohnt bin, kann ich mich schnell darauf einstellen. Also verlasse  ich nach garnicht all zu langer Zeit mit einem breiten Siegergrinsen den Platz. Noch steht mein nächster Gegner nicht fest. Auf dem riesigen Tisch der Turnierleitung bin ich also ganz hinten in der Warteschlange. Genug Zeit, um nach eine entspannte Mittagspause zu machen. Auf dem Weg hierher, haben wir alle einen BurgerKing entdeckt, zu dem wir jetzt hinfahren. Bescheiden wie ich bin, bestelle ich allerdings nur eine Limonade, schließlich habe ich meine Wraps. Etwas schüchtern betrete ich mit meiner dicken Tupperdose in der Hand den ausladenden Verkaufsraum und setze mich, so unauffällig wie möglich an einen Tisch am Fenster. Kurze Zeit später stoßen Heather und Paul dazu. Kurz nachdem wir alle aufgegessen haben schleiche ich mich mit meiner Tupperdose wieder aus dem BurgerKing und steige in Pauls schwarzen PickUp. Etwa 10 Minuten dauert der Weg zurück zum Campus des Hope College, Zeit für mich um noch einen Wrap zu essen. Inzwischen bin ich auf Platz 12 der Warteliste gerückt. Das heißt: Noch 12 Matches finden vor meinem statt. Toll. Dafür steht inzwischen mein Gegner fest. Woher er kommt, wer er ist, Paul scheint nichts zu wissen, ich natürlich noch weniger.
Noch zwei Matches, es fängt an zu tröpfeln. Alle fliehen unter ein paar der Schirme auf der Erhöhung.

Plötzlich sind die Plätze ganz leer. Fast schon etwas geisterhaft ist es still geworden. Keine Schuhe quietschen, keine Spieler stöhnen. Nach etwa einer halben Stunde geht dann das Schauspiel weiter, ich bereite mich vor, denn der nächste an der Reihe bin ich. Gerade fange ich an den langen Gang unter der Überdachung entlang zu laufen, da fängt es wieder an zu schütten. Diesmal allerdings besteht kein Zweifel, dass der Regen anhalten wird. Ich sehe den verzweifelten Turnierdirektor hektisch zum Telefon greifen, während alle anderen mit einem traurigen Blick die Pfützen auf den Plätzen anschauen, die immer größer werden, und Tennis unmöglich machen. Eine lange Karawane von Menschen zieht sich kurze Zeit später aus dem Tennis Campus des Hope College. Mehr oder weniger geeilt traben alle in Richtung der anliegenden Halle. Der kleine Vorraum ist offensichtlich nicht für so viele Menschen ausgelegt. 

Für mich heißt es erstmal: weiter warten, denn die Halle hat nur sechs Plätze. Das heißt, die Matches, die schon angefangen haben, müssen erst einmal zu Ende gespielt werden, bevor ich den Platz betreten darf. Etwa eine Stunde muss ich noch warten, dann bekomme ich endlich mein Zeichen. Ich bin ein bisschen aufgeregter als sonst, als ich die Hartplatzhalle betrete, denn ich spiele auf Platz 1. Der Centercourt hat eine kleine Tribüne die bis zum Überlaufen mit Menschen gefüllt ist. Darunter Heather, die sich inzwischen mit ein paar anderen Tennismüttern zusammengeschlossen hat, und tratscht. Paul wartet hinter einem Netz hinter dem Platz und späht durch ein kleines Guckloch. Wieder bin ich vor meinem Gegner auf dem Platz. Gespannt warte ich also und versuche vor dem erwartungsvollen Publikum irgendwie sportlich und professionell auszusehen. Während ich irgendeine pseudo Dehnübung mache, betritt ein älterer Jugendlicher den Platz. In seinem Gesicht hängt nicht nur ein voller dunkler Bart, sondern auch eine etwas grimmige Miene. Ich schaue ungläubig zu Paul, der nicht nur. In seinen Augen hängt ein bisschen Mitleid. Das „Du bist mein Gegner?“, sollte sich eigentlich mehr wie eine Sicherheitsfrage klingen, muss sich aber sehr dumm angehört haben. Als ich seine Antwort, ein „Ja?“, mit einem Fragezeichen, indem etwa die Botschaft „Was willst du kleiner, deutscher Knilch“ mitschwingt, ins Gesicht bekomme, schlucke ich. Nach außen hin muss ich neben meinem Gegner, der etwa zwei Köpfe größer ist als ich, trotzdem nicht all zu verängstigt ausgesehen haben, denn Heather wirft mir immer noch einen mutmachenden Blick zu. Allerdings verwandelt sich auch ihre Zuversicht schnell in Zweifel als wir uns „langsam“ anfangen einzuspielen, wobei man von langsam nicht wirklich sprechen kann. Die ersten paar Bälle, die mein Gegner mir zuspielt berühre ich nur mit meinem Schlägerrahmen. 

Wie dieses Spiel ausgegangen ist, kann sich sicher jeder denken. Immerhin habe ich es im zweiten Satz noch zu einem Ehrenspiel gebracht, 6:0 6:1 also. Nach nicht all zu langer Zeit schleiche ich deprimiert zum Netz und reiche meinem Gegner die Hand. Als ich frustriert zur Tribüne stapfe spricht mich der Trainer von meinem Gegner an, sagt dass ich gut spiele und nicht deprimiert sein sollte. Toll. Heather verabschiedet sich von ihren neu kennengelernten Freundinnen, mit denen sie das Match verbracht hat. Dieser lange Tag endet für mich etwa da, wo er angefangen hat: Im Auto. Zusammen mit Paul ziehe ich Bilanz. Ein erfolgreicher Tag ist es gewesen, nicht nur für mich, sondern für die ganze Schule, die es sonst nicht zu den States Championships schafft. Viel hätte ich nicht ausrichten können gegen meinen Gegner, der bei einem Konzertkartenkauf auch als mein Vater durchgehen können könnte. Irgendwie sich auch alle glücklich, jetzt nach Hause zu dürfen. 


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The States 1/2

Diese eine „Jonas Journey“ beginnt eigentlich schon am Tag vorher. Oftmals passiert alles spontan in meinen kleinen Abenteuern, doch diesmal ist es tatsächlich etwas anders. Geplanter. Am Tag vor dem Tag davor habe ich reichlich eingekauft. Genauer zehn Tortilla, drei Paprikaschoten, etwa zehn Tomaten, eine riesige Kugel Mozzarella, ein paar Hähnchenstreifen, Rucola und ein wenig Basilikum, getrocknet und klein zerhackt. Eigentlich hatte ich mich nach einem frischen Bündel umgesehen, aber gefunden habe ich nur diese, etwas tristere Variante. Wie der mündige Leser vielleicht schon festgestellt hat, bin ich im Begriff Wraps zu machen. Die sind gedacht für den nächsten Tag, den Tag an dem ich beim States Tournament antreten werde.

Bereits die ganze Woche wurde ich von etlichen beglückwünscht zum Einzug in das große Turnier, das den besten Spieler Michigans bestimmen soll. Eine Woche zuvor habe ich, genau wie Christian, die „Regionals“ in meiner Kategorie, #1 Singles, gewonnen. Qualifiziert habe nur ich mich für das nächste Level.

Inzwischen habe ich die noch rohen Hähnchenstreifen, die bei genauerem Hinsehen eigentlich zum größten Teil aus Fett bestehen, in die Pfanne geworfen und den Herd angemacht. Noch ein bisschen Öl, damit nichts anbrennt, und nichts sollte schiefgehen, oder? Schon oft habe ich daheim meine Mutter beim Fleisch anbraten beobachtet. Gekonnt ein Schuss Öl, und dann das Fleisch. „Ist das nicht eigentlich idiotensicher?“, denke ich leise vor mich hin, während mir ein Schwall Dampf entgegenkommt und ich die Frage innerlich mit einem Nein beantworte. Entweder ist es also nicht idiotensicher, oder ich bin überdurchschnittlich untalentiert. Am Ende einer viertelstündigen Odyssee ist zwar die Küche in einen rauchigen Vorhang gehüllt, die Hähnchenstreifen allerdings gut bis sehr gut angebraten. Vielleicht habe ich mich ein wenig selbst übertroffen: außen knusprig, innen saftig zart. Das trifft zwar nur auf einen der zehn Streifen zu, aber für das erste Mal… Zeit für mich, die noch etwas dicken Streifen in kleinere Streifen zu unterteilen. Mit einem Gefühl, als wäre ich Tim Melzer, und hätte sehr große Ahnung von meinem Handwerk, zerkleinere ich außerdem noch Tomaten, den riesigen Mozzarella, und eine der drei Paprikas. Dann ist es Zeit, die Tortillas aus der Plastikverpackung zu holen. Einem Youtubetutorial zufolge sollen sich die Tortillas besser „wrappen“ lassen, wenn man sie kurz in der Mikrowelle aufwärmt. Also wärme ich sie kurz auf. Besser falten lassen sie sich allerdings nicht.

Einer Anleitung aus dem Internet zufolge ordnet man die Zutaten in einem Streifen in der Mitte an, dann werden die Seiten eingeklappt, und alles wird eingerollt. Einem anderen zufolge klappt man nur eine Seite ein und klappt dann die anderen irgendwie darauf und rollt und quetsch und macht und tut und… Nach zwei Versuchen quälenden Wrapfaltens gebe ich entnervt auf, denn meine Rettung schlendert gerade durch die Tür. Der Mann, der Wraps beruflich rollt: Christian. Schmunzelnd blickt er über meine bisherigen Versuche. Mit Hundewelpenblick in den Augen frage ich den McDonalds Wrap Meister nach Hilfe. „Gerne“, kommt die Antwort schnell. Mit einer neuen Arbeitsteilung sind Christian und ich im Handumdrehen fertig. Ich schnipple die Zutaten klein, Christian rollt die Wraps. Erstaunt schaue ich dem Meister über die Finger, der das Wrap-Rollen perfektioniert hat und die 10 Tortillas in kurzer Zeit elegant in zauberhafte Wraps verwandelt.

Kurz nachdem wir das Warp-Projekt abgeschlossen haben, machen sich Heather, Paul und ich auf die Reise. Christian und Nik bleiben zuhause, immerhin ist morgen Schule. Ich bin entschuldigt, alles wurde von ganz oben abgesegnet. Der Schuldirektor hat mir sogar noch ein mal persönlich gratuliert und viel Erfolg gewünscht. Ich wurde sogar in einer Lautsprecherdurchsage erwähnt. Mit diesem Wissen, das eigentlich ganz Port Huron (und Jonas aus Marysville) hinter mir stehen, setze ich mich also ins Auto und trete die dreistündige Autofahrt nach Holland an. Langsam wird es dunkel hinter der Fensterscheibe.

Den Sonnenuntergang, der, selbst für Michigans Verhältnisse, wirklich schön ist, will ich im Vorbeiziehen in einem dieser epischen Fotos festhalten, die man immer auf Instagram findet. Die tief orange Sonne taucht elegant hinter den Horizont. Hier das Ergebnis.

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Ähnlich wie Frankenmuth, hat auch Holland, der Austragungsort der „States“ einen kleinen geschichtlichen Hintergrund, nur ist es bei dieser kleinen Stadt ziemlich offensichtlich aus welchem europäischen Teil die Einwanderer stammten. Etwa zur gleichen Zeit als Deutsche Frankenmuth gründeten, wurde auf der anderen Seite der Halbinsel Michigan also Holland gegründet. Leider bekomme ich bei der Ankunft drei Stunden nachdem ich voller elan Pauls riesigen PickUp betreten habe, nicht viel vom holländisch angehauchten Stadtkern zu sehen. Vielmehr suchen wir eigentlich direkt das Hotel auf. Wir sind alle müde, und da wir auch sonst nichts mehr vorhaben und morgen sehr früh aufstehen müssen, beschließen wir, einfach zu schlafen. Noch ein bisschen liege ich wach und überlege, wie der nächste Morgen und Tag wohl so ablaufen wird. Obwohl es erst neun Uhr ist, bilde ich mir beim einschlafen einen dünnen Lichtstrahl ein, der durch den schmalen Schlitz zwischen den typischen Hotelgardinen scheint. Übrigens: Amerikanische Hotelzimmer unterscheiden sich in keinster Weise von deutschen. Wirklich war, ich habe keinen Unterschied feststellen können – fast ein wenig komisch.

Am nächsten Morgen nehme ich, aus irgendeinem Grund, zum ersten Mal den kühlen Luftzug der Klimaanlage wahr, der an meinen Füßen vorbeistreicht. Das Wasser aus dem Wasserhahn, mit dem ich mir heute morgen die Zähne putze schmeckt nach Chlor. Bepackt mit allen meinen Taschen und meiner Powerbank in der rechten, und meinem Handy in der linken Hand, erfrage ich auf dem Weg nach unten in die Hotellobby die Frühstückssituation. Niemand von uns hat so wirklich Hunger, was an der, selbst für mich, absurd frühen Uhrzeit von fünf Uhr morgens liegen könnte. Wir beschließen, nur einen kleinen Stop bei Starbucks einzulegen, außerdem habe ich ja auch noch meine Wraps. Das 21. Jahrhundert genießend finde ich schnell den Platz in der Stadt mit der größten Starbucks-Dichte. Was ich finde, ist selbst für amerikanische Verhältnisse extrem: Drei Starbucks Filialen auf 500 Meter?

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Obwohl es fünf Uhr morgens ist, genieße ich den Starbucks-Aufenthalt. Starbucks Filialen unterscheiden sich kaum von deutschen, sodass ich, auf eine komische Art und Weise, mich ein wenig zuhause fühle. Naja, zugegeben fühlt es sich mehr nach Hamburg oder Bremen (ihh, Bremen) Hauptbahnhof an, obwohl ich keinen erfolgsversprechenden Jungunternehmer mit leuchtendem 13-zoll MacBook Air in der langgezogenen Schaufensterbar sitzen sehe.

Nach kurzer Bedenkzeit vor der großen Kreidetafel hinter dem Tresen entscheide ich mich für einen Klassiker: Chai Tea Latte. Ein wenig Kaffee, ein wenig Tee, in einem perfekten Verhältnis und einer vermutlich sehr großen Menge Zucker. Ein morgendlicher Genuss der mir auf dem Weg zum Austragungsort des großen Turniers etwas den Tag versüßt.

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Etwa zehn Minuten dauert es, bis wir am Hope College angekommen sind. „Hier findet das ’States Tournament’ jedes Jahr statt“, fängt Paul leise an. Noch nie war jemand von uns hier, deswegen ist es für uns erst einmal rätselhaft, auf welchen der vielen Parkplätze wir vorfahren sollen. Einen Unterschied macht es nicht, denn noch sind alle leer. Wir sind weit und breit die einzigen auf dem gerundeten Streifen von Parkplätzen. Kurz bekomme ich ein bisschen Angst, dass wir uns im Termin versehen haben…


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Teil 2 coming soon!

Das Yale Turnier

Der Tag, über den ich heute berichte, beginnt eigentlich schon am Abend vorher. Christian und ich besprechen uns. Auf dem grau-beigen Sofa sitzend besprechen wir die Taktik für den morgigen Tag. Vielleicht gut für mich, mit spontanen Planänderungen gehe ich meistens ähnlich verplant um wie Stefan Raab mit einem neuen Studiospiel. Neben uns sitzt Lucas, ein Freund der uns morgen unterstützen will, und schüttelt nur heftig den Kopf während er uns zuhört. „Wollt ihr es nicht einfach auf euch zukommen lassen?“, unterbricht er uns ziemlich plötzlich. „Also, ähm“, fängt Christian an, „Ok“, setze ich fort.

Am nächsten Morgen werde ich recht unsanft von meinem Handy geweckt. Vielleicht hätte ich etwas früher ins Bett gehen sollen. Als ich etwas torkelnd meine Zimmertür öffne kommt mir ein seltsamer Geruch entgegen. Noch leicht benommen folge ich den Treppenstufen nach unten in die Küche. Unten angekommen entdecke ich schnell die Quelle des Geruchs. Zwei lachende Gestalten braten Eier. Lucas hält einen großen Pfannenwender in der Hand, Christian eine Pfanne. Lucas ist gerade dabei, sich Ketchup in seine Pfanne zu kippen, Christian schaut misstrauisch. Den leeren Tüten neben seiner Pfanne zufolge, hat er sich für die „Fire“-Sauce von Tacco Bell entschieden. Als ich die zum letzten mal probiert habe, musste ich zwei Liter Milch trinken. Diese 50:50 Ei-Saucen Mischung erklärt den eigentümlichen Geruch, der sich wie ein schleichender Schlafwandler durch das ganze Haus verteilt. Auch wenn die beiden mir nach eigenen Aussagen, natürlich etwas abgegeben hätten, entscheide ich mich für eine andere Instanz des Morgens: PopTards. Inzwischen ist es für mich eine Gewohnheit. Genussvoll hole ich die zwei rechteckigen Scheiben Zucker aus der Verpackung. Dieser Prozess ist etwa mit dem öffnen eines KinderPinguins zu vergleichen. Sehr viel Plastik, und doch sehr befriedigend. Nach dem allmorgendlichen PopTard geht es auch schon los. Ich entscheide mich diesen Morgen dafür in meinen knallblauen Crocs das Haus zu verlassen, den ganzen Rest des Tages werde ich schon in meinen Tennisschuhen gefangen sein, die zwar perfekt zum Tennis spielen sind, sich aber außerhalb des Platzes doch sehr klobig tragen. Zu viert setzen wir uns in den großen Pickup meines Gastvaters. Christian dreht irgendwas am Radio herum, so lange bis ein mittelmäßig cooler Road Song erklingt. Mit der Sonne im Rücken, meinen Tennisschläger auf dem Schoß, einem Soundtrack, den nur komische deutsche Filme als Atmosphäre benutzen würden (auch nur weil er zufällig lizenzfrei ist) und einem halb schlafenden Lucas neben mir, nähern wir uns unserem heutigen Ziel: Das Tennisturnier in Yale. Nach etwa einer halben Stunde Fahrtzeit sind wir in Yale. Die Luft ist frisch, als ich mit meinen Crocs durch das noch feuchte Gras hin zu den Tennisplätzen schlappe.  

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Vier Plätze sind bereits von Yale, und einer anderen Mannschaft besetzt, Christian und ich schnappen uns schnell den fünften und sechsten. Kurz nachdem wir ein paar Bälle geschlagen haben, trudelt der Rest unser ähnlich müden Mannschaft ein.  

Amerikanische Tennisturniere funktionieren ein bisschen anders als deutsche. In Deutschland tritt man meistens als einzelne Person an. In einem großen Tableau werden alle Partien aufgelistet und nacheinander ausgespielt. Wer eine Runde weiter kommt, dann noch eine und noch eine, hat gewonnen, als einziger. Am Ende unseres Turnieres gibt es sieben Gewinner. Hier treten wir als Mannschaft gegen drei andere Mannschaften an: Goodrich, Sandusky und Yale. Jede Mannschaft bestimmt ein erstes, zweites, drittes, usw. Doppel. Dann spielen alle ersten Doppel gegeneinander, alle zweiten, usw. Christian und ich sind das erste Doppel unser Mannschaft. Für uns beide ungewohnt, denn eigentlich stehen wir allein auf dem Tennisplatz.  

Ein paar Leute schauen uns einschätzend an, als wir den blau-grünen Hartplatz betreten. „Der Coach von Dakota hat von uns erzählt“, fängt Christian an, „die wissen das wir einen Austauschschüler haben, der gut ist.“ Und tatsächlich, ein paar der Jungen unser Gegnerteams tuscheln hektisch. Ich weiß noch nicht ob ich diesen Sonderstatus genießen kann, denn als wir uns an diesem noch jungen Tag einspielen ist unsere Leistung erstmal nicht vielversprechend. Christian schlägt einen Ball ins Netz. Ich stürme ans Netz und treffe den Zaun anstatt das Feld. Erst nach ein paar Minuten fangen wir an, die Bälle auch ins Feld zu schlagen. Ich dehne meine Schulter heute extra lange, gestern hat sie ein bisschen weh getan. Dann geht es los. Schräg vor den sechs Tennisplätzen steht ein ausladendes Dach. Darunter finden ein paar Tische mit der Turnierleitung und einem kleinen Essensbuffet platz. Yale ist ein familiäres, kleines Turnier. Jeder ist angehalten, etwas zu essen mitzubringen, für alle. Jemand hat einen großen Topf Chilli gekocht, ein paar haben Hotdogs organisiert. Wieder ein anderer hat Pizzen gebracht.  

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Der Turnierdirektor ist ein älterer Mann aus Yale. Er begrüßt alle, erklärt alles und liest die ersten Partien vor. In unser Kategorie, erstes Doppel, spielt als erstes Sandusky gegen Yale. Da Yale nur sechs Plätze hat, kann immer nur ein Match in einer Kategorie gleichzeitig stattfinden, für mich und Christian heißt es also warten. Aufmerksam beobachten wir unsere nächsten Gegner. Für Sandusky spielt ein großer und breiter Junge, den man vom ersten Anblick eigentlich eher in der Football Mannschaft vermutet hätte. Aus irgend einem Grund lächelt er ununterbrochen wenn ich ihn anschaue. Irgendwann höre ich auf, ihn anzuschauen, aus Angst, er macht such über mich lustig. „Habe ich irgendetwas im Gesicht oder so?“, frage ich Christian. Er lacht, sagt „Ja, einen riesigen Fleck“. Also hole ich mein Handy raus um das Ausmaß meines Gesichtsflecks zu begutachten. Natürlich ist da kein Fleck, also werfe ich Christian den vorwurfsvollsten Blick zu, den ich meinen müden Gesichtsmuskeln gerade entlocken kann. Er lacht. Dann ist es soweit. „First Doubles Port Huron Goodrich“, brüllt der Turnierdirektor ein mal über die kleine Ansammlung von Tennisplätzen hinweg. Aus den Augenwinkeln sehe ich zwei große Jungs aus der Ecke aufstehen, wo sich die Goodrich Mannschaft versammelt hat. Durch eine angerostete Tür trotten wir langsam, aber irgendwie doch entschlossen auf den Platz. Irgendwie habe ich ein gutes Gefühl bei diesem Turnier.  

Christian wirft mir einen Ball zu, und als wir uns alle an der Grundlinie versammelt haben, fangen wir an, uns einzuspielen. Nebeneinander spiele ich zuerst mit einem Jungen, der etwa meine Körperstatur hat. Sein Partner ist etwas größer. Dann geht es los. Christian fängt an aufzuschlagen. Aufgeregt blicke ich über den Platz. Zwar habe ich im Einspielen schon einen Eindruck davon bekommen, was auf uns zukommt, aber wie gut oder schlecht unsere Gegner wirklich sind, wird sich erst jetzt offenbaren. Der Aufschlag trifft die Linie des Aufschlagfelds. Misstrauisch blickt der Netzspieler auf den Ball. Obwohl Christians Aufschlag gut war und auch Tempo hatte, weiß der Returnspieler eine Antwort. Erstaunt kann ich dem Ball, der fast wieder genau zurück zu Christian fliegt, nur hinterherschauen. Unsere Gegner sind besser als erwartet. Ich blicke fragend. Christian entgegnet den Blick mit einem „Ok, let’s go!“. Irgendwie gewinnen wir das erste Spiel. Dann das zweite, dann das dritte. Fast schon ein wenig verzweifelt trotten unsere Gegner zu ihrem Trainer, der hinter dem Zaun wartet und ein paar hilfreiche Tipps zu geben versucht. Vergebens, der Satz geht an uns. Es könnte nicht besser laufen, auch im zweiten Satz können wir dominieren. Langsam hat sich eine Anzahl an Menschen staunend hinter dem Zaun versammelt. Ein paar tuscheln aufgeregt.  

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Ein kleinerer Junge blickt ehrfürchtig zu uns auf, als wir, fast schon majestätisch, den Platz verlassen und zum Essensbuffet laufen. Es könnte nicht besser sein, soeben hat jemand Pizza vorbeigebracht. Kaum habe ich mein Pizzastück aufgegessen, befinde ich mich schon wieder auf dem Platz. Das zweite Match verläuft reibungslos, der große, lächelnde Junge aus Sandusky hat zu Christians Aufschlägen und meinem Spin nicht viel zu sagen, sein Partner versucht es noch zu retten, vergeblich. Nachdem wir also auch unser zweites Match für uns entscheiden konnten, bleibt noch ein Gegner übrig: Yale.  

Yale ist für eins bekannt: Doppel. Die Kids aus Yale spielen meistens nicht so gut, wie die anderen, aber clever. Wir konnten bereits zwei Matches beobachten, beide hat Yale für sich entscheiden. Nie gab es jemanden, der herausstach oder durch besonders gute Schläge aufgefallen ist. Im Gegensatz zu den meisten hier, hat Yale das Spiel verstanden: Es geht nicht darum, wie hart man schlägt, sondern wohin und wie. Christian und ich spielen das erste mal zusammen heute, unsere Gegner sind ein eingespieltes Team. Einer von beiden hat eine weiße Sportbrille auf der Nase, der andere eine riesige Cap. Wieder fängt Christian an aufzuschlagen, doch diesmal fliegt der Ball, ohne das ich auch nur reagieren kann direkt an mir vorbei in meine Ecke. Im ersten Ball des gesamten Matches wurde ich passiert, das hat bisher noch niemand gemacht. Christian schaut mich erstaunt und ein bisschen vorwurfsvoll an, ich versichere: „Kein Problem, Kein Problem“. Zum Glück ist nicht jeder Ball eine Überraschung und nach etwas mehr als einer halben Stunde liegen wir in Führung. Unsere Strategie geht auf, vorher haben wir schon reichlich unsere Gegner beobachtet, Schwächen und Stärken studiert. Wir versuchen immer wieder, das Team zu separieren, Einzelkämpfe gewinnen bevorzugt wir.

Dann ist es soweit, der letzte Ball unseres Matches sollte ein Lob werden, doch landete genau in Christians Schläger – und wird getötet. Wir geben unseren Gegner feierlich die Hände, ein paar Leute klatschen hinter dem Zaun.  

Knapp eine Stunde später bekommt jeder von uns eine goldene Medaille in die Hand gedrückt. Auch wenn unser Team aus Port Huron nicht gewonnen hat, haben Christian und ich zumindest einen kleinen Erfolg verzeichnen können. Überglücklich machen wir ein Siegerfoto.

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Dann heißt es Abschied nehmen. Noch einmal blicken wir in die Runde und nicken unsern Gegnern zu. Wir werden mit einem anerkennenden Lächeln in die bunt untergehenden Abendsonne verabschiedet.  


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