The States 2/2

Seit etwa zehn Minuten sitzen wir nun schon als einzige in Pauls etwas abgekühlten Pickup. „Das kann doch eigentlich nicht sein, dass sich drei Leute gleichzeitig versehen, oder?“, Frege ich lachend in die Runde. Zumindest mir, dem wohl vergesslichsten Menschen der Welt nach den beiden berühmten Senioren im Park, wäre es zuzutrauen. Doch dann sehen wir auf einmal eine Kolonne von Autos heranrollen. Nach und nach steigen mehr und mehr junge Tennisspieler aus den Autos. Ein paar Teams haben sogar einen eigenen Mannschaftsbus. Ein eigener Mannschaftsbus für eine Tennismannschaft an der Highschool? Immerhin habe ich ein eigenes Auto für mich, wenn man so will. Leider hat sich bei den Regionals unsere Mannschaft nicht für Michigans Meisterschaft qualifiziert, dafür habe ich es als „Individual Qualifyer“, durch meinen Sieg bei den Regionals geschafft, deshalb bin ich auch der Einzige unser Mannschaft hier. Unsicher steige ich aus dem Pauls Pickup aus und schnappe meinen Tennisschläger. Das erste was ich erkenne, wenn ich den großen College Campus betrete, sind dunkle Silhouetten auf den Tennisplätzen, die sich versuchen einzuspielen. Ja, sie versuchen es, denn einen Ball zu treffen bei fast kompletter Dunkelheit ist nahezu unmöglich. Ein paar mal lache ich kurz auf, als offensichtlich daneben geschlagen wird. Einmal bekommt jemand einen Ball in die Brust, spielt jedoch unbehelligt weiter. Je heller es wird, desto besser erkenne ich die Spieler und den Campus des riesigen College. Die „Hope College“-Tennisanlage besteht aus zwölf Plätzen. Sechs auf der einen, sechs auf der anderen Seite. Dazwischen ist eine art Erhöhung mit Zuschauerplätzen, und Platz für die Trainer darunter. Es ist bitter kalt, ich rolle mich innerlich ein wenig zusammen. Hinsetzen vermeide ich erstmal, ich stehe lieber um zumindest ein bisschen in Bewegung zu bleiben. Mein Chai Tea Latter erwärmt gleichzeitig ein bisschen meine Hände. Als erstes steht das „Coaches Meeting“ auf dem Plan. Paul begibt sich also unter die Überdachung. Wieder kommt er nicht nur mit einem kleinen Packet mit Namensschild für sich als Coach, denn nur Coaches dürfen auch coachen, sondern auch mit der Neuigkeit, das es um der Uhr regnen soll. Dementsprechend kurz wird dann auch das „Players Meeting“ gehalten, das kurze Zeit später auf dem Platz stattfindet. Nichts wirklich neues wird gesagt, alle bemühen sich, so schnell wie möglich anzufangen, um möglichst viele Matches vor dem Regen zu spielen.Nach etwas Wartezeit treffe öffne ich endlich zuversichtlich die Tür zum Platz. Mein Gegner lässt auf sich warten, also wärme ich mich schon mal ein wenig auf. Besonders weh tut das Dehnen der Oberschenkel an so einem frühen morgen. Dann fangen wir an zu spielen. Erste Bemerkung: Linkshänder, also umdenken. Wo normalerweise die Vorhand ist, ist bei meinem Gegner die Rückhand.

Dementsprechend fange ich also an, die Bälle anders zu verteilen. Auch wenn ich den ungewöhnlichen Spielstil nicht gewohnt bin, kann ich mich schnell darauf einstellen. Also verlasse  ich nach garnicht all zu langer Zeit mit einem breiten Siegergrinsen den Platz. Noch steht mein nächster Gegner nicht fest. Auf dem riesigen Tisch der Turnierleitung bin ich also ganz hinten in der Warteschlange. Genug Zeit, um nach eine entspannte Mittagspause zu machen. Auf dem Weg hierher, haben wir alle einen BurgerKing entdeckt, zu dem wir jetzt hinfahren. Bescheiden wie ich bin, bestelle ich allerdings nur eine Limonade, schließlich habe ich meine Wraps. Etwas schüchtern betrete ich mit meiner dicken Tupperdose in der Hand den ausladenden Verkaufsraum und setze mich, so unauffällig wie möglich an einen Tisch am Fenster. Kurze Zeit später stoßen Heather und Paul dazu. Kurz nachdem wir alle aufgegessen haben schleiche ich mich mit meiner Tupperdose wieder aus dem BurgerKing und steige in Pauls schwarzen PickUp. Etwa 10 Minuten dauert der Weg zurück zum Campus des Hope College, Zeit für mich um noch einen Wrap zu essen. Inzwischen bin ich auf Platz 12 der Warteliste gerückt. Das heißt: Noch 12 Matches finden vor meinem statt. Toll. Dafür steht inzwischen mein Gegner fest. Woher er kommt, wer er ist, Paul scheint nichts zu wissen, ich natürlich noch weniger.
Noch zwei Matches, es fängt an zu tröpfeln. Alle fliehen unter ein paar der Schirme auf der Erhöhung.

Plötzlich sind die Plätze ganz leer. Fast schon etwas geisterhaft ist es still geworden. Keine Schuhe quietschen, keine Spieler stöhnen. Nach etwa einer halben Stunde geht dann das Schauspiel weiter, ich bereite mich vor, denn der nächste an der Reihe bin ich. Gerade fange ich an den langen Gang unter der Überdachung entlang zu laufen, da fängt es wieder an zu schütten. Diesmal allerdings besteht kein Zweifel, dass der Regen anhalten wird. Ich sehe den verzweifelten Turnierdirektor hektisch zum Telefon greifen, während alle anderen mit einem traurigen Blick die Pfützen auf den Plätzen anschauen, die immer größer werden, und Tennis unmöglich machen. Eine lange Karawane von Menschen zieht sich kurze Zeit später aus dem Tennis Campus des Hope College. Mehr oder weniger geeilt traben alle in Richtung der anliegenden Halle. Der kleine Vorraum ist offensichtlich nicht für so viele Menschen ausgelegt. 

Für mich heißt es erstmal: weiter warten, denn die Halle hat nur sechs Plätze. Das heißt, die Matches, die schon angefangen haben, müssen erst einmal zu Ende gespielt werden, bevor ich den Platz betreten darf. Etwa eine Stunde muss ich noch warten, dann bekomme ich endlich mein Zeichen. Ich bin ein bisschen aufgeregter als sonst, als ich die Hartplatzhalle betrete, denn ich spiele auf Platz 1. Der Centercourt hat eine kleine Tribüne die bis zum Überlaufen mit Menschen gefüllt ist. Darunter Heather, die sich inzwischen mit ein paar anderen Tennismüttern zusammengeschlossen hat, und tratscht. Paul wartet hinter einem Netz hinter dem Platz und späht durch ein kleines Guckloch. Wieder bin ich vor meinem Gegner auf dem Platz. Gespannt warte ich also und versuche vor dem erwartungsvollen Publikum irgendwie sportlich und professionell auszusehen. Während ich irgendeine pseudo Dehnübung mache, betritt ein älterer Jugendlicher den Platz. In seinem Gesicht hängt nicht nur ein voller dunkler Bart, sondern auch eine etwas grimmige Miene. Ich schaue ungläubig zu Paul, der nicht nur. In seinen Augen hängt ein bisschen Mitleid. Das „Du bist mein Gegner?“, sollte sich eigentlich mehr wie eine Sicherheitsfrage klingen, muss sich aber sehr dumm angehört haben. Als ich seine Antwort, ein „Ja?“, mit einem Fragezeichen, indem etwa die Botschaft „Was willst du kleiner, deutscher Knilch“ mitschwingt, ins Gesicht bekomme, schlucke ich. Nach außen hin muss ich neben meinem Gegner, der etwa zwei Köpfe größer ist als ich, trotzdem nicht all zu verängstigt ausgesehen haben, denn Heather wirft mir immer noch einen mutmachenden Blick zu. Allerdings verwandelt sich auch ihre Zuversicht schnell in Zweifel als wir uns „langsam“ anfangen einzuspielen, wobei man von langsam nicht wirklich sprechen kann. Die ersten paar Bälle, die mein Gegner mir zuspielt berühre ich nur mit meinem Schlägerrahmen. 

Wie dieses Spiel ausgegangen ist, kann sich sicher jeder denken. Immerhin habe ich es im zweiten Satz noch zu einem Ehrenspiel gebracht, 6:0 6:1 also. Nach nicht all zu langer Zeit schleiche ich deprimiert zum Netz und reiche meinem Gegner die Hand. Als ich frustriert zur Tribüne stapfe spricht mich der Trainer von meinem Gegner an, sagt dass ich gut spiele und nicht deprimiert sein sollte. Toll. Heather verabschiedet sich von ihren neu kennengelernten Freundinnen, mit denen sie das Match verbracht hat. Dieser lange Tag endet für mich etwa da, wo er angefangen hat: Im Auto. Zusammen mit Paul ziehe ich Bilanz. Ein erfolgreicher Tag ist es gewesen, nicht nur für mich, sondern für die ganze Schule, die es sonst nicht zu den States Championships schafft. Viel hätte ich nicht ausrichten können gegen meinen Gegner, der bei einem Konzertkartenkauf auch als mein Vater durchgehen können könnte. Irgendwie sich auch alle glücklich, jetzt nach Hause zu dürfen. 


Dir hat mein Bericht gefallen? Hinterlasse mir doch deine E-Mail Adresse um stets als Erstes über neue Berichte informiert zu werden!

The States 1/2

Diese eine „Jonas Journey“ beginnt eigentlich schon am Tag vorher. Oftmals passiert alles spontan in meinen kleinen Abenteuern, doch diesmal ist es tatsächlich etwas anders. Geplanter. Am Tag vor dem Tag davor habe ich reichlich eingekauft. Genauer zehn Tortilla, drei Paprikaschoten, etwa zehn Tomaten, eine riesige Kugel Mozzarella, ein paar Hähnchenstreifen, Rucola und ein wenig Basilikum, getrocknet und klein zerhackt. Eigentlich hatte ich mich nach einem frischen Bündel umgesehen, aber gefunden habe ich nur diese, etwas tristere Variante. Wie der mündige Leser vielleicht schon festgestellt hat, bin ich im Begriff Wraps zu machen. Die sind gedacht für den nächsten Tag, den Tag an dem ich beim States Tournament antreten werde.

Bereits die ganze Woche wurde ich von etlichen beglückwünscht zum Einzug in das große Turnier, das den besten Spieler Michigans bestimmen soll. Eine Woche zuvor habe ich, genau wie Christian, die „Regionals“ in meiner Kategorie, #1 Singles, gewonnen. Qualifiziert habe nur ich mich für das nächste Level.

Inzwischen habe ich die noch rohen Hähnchenstreifen, die bei genauerem Hinsehen eigentlich zum größten Teil aus Fett bestehen, in die Pfanne geworfen und den Herd angemacht. Noch ein bisschen Öl, damit nichts anbrennt, und nichts sollte schiefgehen, oder? Schon oft habe ich daheim meine Mutter beim Fleisch anbraten beobachtet. Gekonnt ein Schuss Öl, und dann das Fleisch. „Ist das nicht eigentlich idiotensicher?“, denke ich leise vor mich hin, während mir ein Schwall Dampf entgegenkommt und ich die Frage innerlich mit einem Nein beantworte. Entweder ist es also nicht idiotensicher, oder ich bin überdurchschnittlich untalentiert. Am Ende einer viertelstündigen Odyssee ist zwar die Küche in einen rauchigen Vorhang gehüllt, die Hähnchenstreifen allerdings gut bis sehr gut angebraten. Vielleicht habe ich mich ein wenig selbst übertroffen: außen knusprig, innen saftig zart. Das trifft zwar nur auf einen der zehn Streifen zu, aber für das erste Mal… Zeit für mich, die noch etwas dicken Streifen in kleinere Streifen zu unterteilen. Mit einem Gefühl, als wäre ich Tim Melzer, und hätte sehr große Ahnung von meinem Handwerk, zerkleinere ich außerdem noch Tomaten, den riesigen Mozzarella, und eine der drei Paprikas. Dann ist es Zeit, die Tortillas aus der Plastikverpackung zu holen. Einem Youtubetutorial zufolge sollen sich die Tortillas besser „wrappen“ lassen, wenn man sie kurz in der Mikrowelle aufwärmt. Also wärme ich sie kurz auf. Besser falten lassen sie sich allerdings nicht.

Einer Anleitung aus dem Internet zufolge ordnet man die Zutaten in einem Streifen in der Mitte an, dann werden die Seiten eingeklappt, und alles wird eingerollt. Einem anderen zufolge klappt man nur eine Seite ein und klappt dann die anderen irgendwie darauf und rollt und quetsch und macht und tut und… Nach zwei Versuchen quälenden Wrapfaltens gebe ich entnervt auf, denn meine Rettung schlendert gerade durch die Tür. Der Mann, der Wraps beruflich rollt: Christian. Schmunzelnd blickt er über meine bisherigen Versuche. Mit Hundewelpenblick in den Augen frage ich den McDonalds Wrap Meister nach Hilfe. „Gerne“, kommt die Antwort schnell. Mit einer neuen Arbeitsteilung sind Christian und ich im Handumdrehen fertig. Ich schnipple die Zutaten klein, Christian rollt die Wraps. Erstaunt schaue ich dem Meister über die Finger, der das Wrap-Rollen perfektioniert hat und die 10 Tortillas in kurzer Zeit elegant in zauberhafte Wraps verwandelt.

Kurz nachdem wir das Warp-Projekt abgeschlossen haben, machen sich Heather, Paul und ich auf die Reise. Christian und Nik bleiben zuhause, immerhin ist morgen Schule. Ich bin entschuldigt, alles wurde von ganz oben abgesegnet. Der Schuldirektor hat mir sogar noch ein mal persönlich gratuliert und viel Erfolg gewünscht. Ich wurde sogar in einer Lautsprecherdurchsage erwähnt. Mit diesem Wissen, das eigentlich ganz Port Huron (und Jonas aus Marysville) hinter mir stehen, setze ich mich also ins Auto und trete die dreistündige Autofahrt nach Holland an. Langsam wird es dunkel hinter der Fensterscheibe.

Den Sonnenuntergang, der, selbst für Michigans Verhältnisse, wirklich schön ist, will ich im Vorbeiziehen in einem dieser epischen Fotos festhalten, die man immer auf Instagram findet. Die tief orange Sonne taucht elegant hinter den Horizont. Hier das Ergebnis.

shitty Sonnenuntergang.jpeg

Ähnlich wie Frankenmuth, hat auch Holland, der Austragungsort der „States“ einen kleinen geschichtlichen Hintergrund, nur ist es bei dieser kleinen Stadt ziemlich offensichtlich aus welchem europäischen Teil die Einwanderer stammten. Etwa zur gleichen Zeit als Deutsche Frankenmuth gründeten, wurde auf der anderen Seite der Halbinsel Michigan also Holland gegründet. Leider bekomme ich bei der Ankunft drei Stunden nachdem ich voller elan Pauls riesigen PickUp betreten habe, nicht viel vom holländisch angehauchten Stadtkern zu sehen. Vielmehr suchen wir eigentlich direkt das Hotel auf. Wir sind alle müde, und da wir auch sonst nichts mehr vorhaben und morgen sehr früh aufstehen müssen, beschließen wir, einfach zu schlafen. Noch ein bisschen liege ich wach und überlege, wie der nächste Morgen und Tag wohl so ablaufen wird. Obwohl es erst neun Uhr ist, bilde ich mir beim einschlafen einen dünnen Lichtstrahl ein, der durch den schmalen Schlitz zwischen den typischen Hotelgardinen scheint. Übrigens: Amerikanische Hotelzimmer unterscheiden sich in keinster Weise von deutschen. Wirklich war, ich habe keinen Unterschied feststellen können – fast ein wenig komisch.

Am nächsten Morgen nehme ich, aus irgendeinem Grund, zum ersten Mal den kühlen Luftzug der Klimaanlage wahr, der an meinen Füßen vorbeistreicht. Das Wasser aus dem Wasserhahn, mit dem ich mir heute morgen die Zähne putze schmeckt nach Chlor. Bepackt mit allen meinen Taschen und meiner Powerbank in der rechten, und meinem Handy in der linken Hand, erfrage ich auf dem Weg nach unten in die Hotellobby die Frühstückssituation. Niemand von uns hat so wirklich Hunger, was an der, selbst für mich, absurd frühen Uhrzeit von fünf Uhr morgens liegen könnte. Wir beschließen, nur einen kleinen Stop bei Starbucks einzulegen, außerdem habe ich ja auch noch meine Wraps. Das 21. Jahrhundert genießend finde ich schnell den Platz in der Stadt mit der größten Starbucks-Dichte. Was ich finde, ist selbst für amerikanische Verhältnisse extrem: Drei Starbucks Filialen auf 500 Meter?

IMG_7001.png

Obwohl es fünf Uhr morgens ist, genieße ich den Starbucks-Aufenthalt. Starbucks Filialen unterscheiden sich kaum von deutschen, sodass ich, auf eine komische Art und Weise, mich ein wenig zuhause fühle. Naja, zugegeben fühlt es sich mehr nach Hamburg oder Bremen (ihh, Bremen) Hauptbahnhof an, obwohl ich keinen erfolgsversprechenden Jungunternehmer mit leuchtendem 13-zoll MacBook Air in der langgezogenen Schaufensterbar sitzen sehe.

Nach kurzer Bedenkzeit vor der großen Kreidetafel hinter dem Tresen entscheide ich mich für einen Klassiker: Chai Tea Latte. Ein wenig Kaffee, ein wenig Tee, in einem perfekten Verhältnis und einer vermutlich sehr großen Menge Zucker. Ein morgendlicher Genuss der mir auf dem Weg zum Austragungsort des großen Turniers etwas den Tag versüßt.

starbucks becher tumblr bild lol.jpeg

Etwa zehn Minuten dauert es, bis wir am Hope College angekommen sind. „Hier findet das ’States Tournament’ jedes Jahr statt“, fängt Paul leise an. Noch nie war jemand von uns hier, deswegen ist es für uns erst einmal rätselhaft, auf welchen der vielen Parkplätze wir vorfahren sollen. Einen Unterschied macht es nicht, denn noch sind alle leer. Wir sind weit und breit die einzigen auf dem gerundeten Streifen von Parkplätzen. Kurz bekomme ich ein bisschen Angst, dass wir uns im Termin versehen haben…


Dir gefällt mein Blog? Hinterlasse mir doch deine E-Mail Adresse unter dem Beitrag!

Teil 2 coming soon!

Bayern – In Michigan? 2/2

Das nächste Geschäft ist zwar geschmacklich nicht ganz mein Fall, trotzdem eindrucksvoll: „The Frankenmuth Cheese Haus“. Auf geschätzt 200 Quadratmetern gibt es hier nicht nur den normalen Langeweile-Gouda, sondern auch Käse mit Mango-, Erdbeer- („Vitamine sind in…“), und Chilli-Geschmack. Letzteres springt den Schärfe-Liebhabern Nik und Paul besonders ins Auge. „Ghost Chilli“ ist der offizielle Name des skurrilen Käses, den man in kleinen Würfeln Probe kosten kann. Während es für Nik der ultimative Thrill ist, wirkt Paul eher weniger mitgenommen. „Das soll scharf sein?“, fragt er Nik, der währenddessen um Atemluft kämpft. Heather und ich lachen nur, glücklich mit der Entscheidung, den Käse Käse sein zu lassen und uns langsam Richtung Ausgang zu bewegen. Das „Frankenmuth Cheese Haus“ war weniger was für mich und Nik, dessen Gesichtsfarbe immer noch eher einer Tomate, als allem anderen ähnelt.  

Wir laufen die lange Hauptstraße Frankenmuths wieder hinauf um zurück zu Zehnders, dem mutmaßlich weltberühmten Restaurant, das bekannt vor allem für Chicken ist, einem genaueren Besuch zu erstatten. Von außen sieht Zehnders etwas aus, wie eine alte Markthalle, von innen ist es altmodisch, traditionell, fast ein bisschen zu kitschig eingerichtet.

Zehnders

Als ich mich durch die gigantische Schwingtür schwinge bin ich erstmal erstaunt, denn von Essen oder einem Restaurant-ähnlichen Ambiente ist erstmal nichts zu erahnen. Stattdessen werden wir von einem Mitarbeiter hinter einem Rezeptionstresen freundlich begrüßt und nach Personenzahl gefragt. „Wir sind zu viert“, sagt jemand von uns schnell, eine Kellnerin in einem interessanten Dress führt uns durch Gänge und Hallen zu unserem Platz. Zehnders besteht aus zwei „Dining Rooms“, einem im Obergeschoss, einem im Keller. Beide sind jeweils mit einem Buffet mit dem weltberühmten Chicken ausgestattet. Vier mal das Buffet also! Ein freundlicher Kellner fragt uns nach Getränken und wir schießen los. Glücklich über den offensichtlich richtigen Zeitpunkt, die Schlange ist klein, können wir direkt unsere Teller, die eigentlich eher Platten ähneln, befüllen. Vor und auch hinter uns schieben sich etwa 10 Menschen an beiden der zwei Seiten des etwa 15 Meter langen Buffets mit uns entlang, um so viel auf die Teller zu packen, wie nur irgendwie möglich ist.  

Ich habe den Sinn von Buffets nie so ganz verstanden. Natürlich ist es eine gute Idee, für jeden etwas passendes bereitzuhalten, aber weshalb ist es immer noch üblich anzunehmen, dass man zwanghaft alles probieren muss? Ich bin immer noch eins dieser Kinder, das bei Buffets am liebsten zu dem Bekannten, Gewohntem, und bewiesenermaßen Leckerem greift. Warum muss man alles probieren, wenn man im Durchschnitt die Hälfte der tausend aufgetischten Speisen sowieso am Ende angeekelt überlässt? Und in Wirklichkeit bin ich damit auch nicht allein damit; Frage: Wie viele Schwarzbrot liebende Ostfriesen essen beim morgendlichen Frühstücksbuffet in ihrem Ibis Budget auf Mallorca denn bitte Weißtoast mir Rührei? Richtig, keine, denn alle werden weiter Schwarzbrot essen (Rebellen kombinieren Rührei mit Schwarzbrot).  

Zwar gibt es beim Zehnders Buffet kein Schwarzbrot, was wirklich bedauerlich ist, trotzdem schaffe ich es aber, mir einen Teller mit größtenteils lecker und vertraut aussehenden Delikatessen zusammenzustellen. Ich fange mit einem Salatteller an. Es gibt Kartoffelsalat, Gurkensalat, irgend so eine besondere Marmelade, die ich unbedingt mal probieren sollte, und ein paar Salatblätter, um den Eindruck, mein heutiges Mittagessen sei gesund, zu erwecken. Auf meinem eigentlichen Teller schaffe ich eine Grundlage an Beilagen mit gebutterten Bandnudeln, Kartoffelpüree mit Gravy und einer Art gekochtem Brot, das Heather schon ein paar mal zu Abend gekocht hat. Weiter in der Reihe der Hähnchenschenkel, um den man bei Zehnders, dem berühmten Chicken-Restaurant eigentlich nicht drum herum kommt. Auf das nächste sechstel meines Tellers bin ich besonders gespannt: Deutsches Sauerkraut mit gekochter Mettwurst. Gespannt probiere ich das etwas zu lange gekochte Sauerkraut mit dem Stückchen Mettwurst also als erstes. Und tatsächlich: Es schmeckt zumindest ähnlich. Zuletzt wäre da noch ein Kürbispüree, welches ich nach zwei bissen allerdings getrost überlasse. Außerdem finden wir auf dem Tisch, als wir vom Buffet wieder am Tisch ankommen noch ein paar Scheiben Brot und Nudelsuppe, natürlich mit Hähnchen, für das man allerdings etwas im kleinen Suppenteller graben muss.

D

Nun habe ich nicht wirklich einen kulinarisch ausgeprägten Geschmackssinn, der es mir ermöglichen könnte, eine ausführlichere Kritik zu verfassen, aber alles in allem: ein wenig trocken und lieblos, aber geschmacklich gut bis sehr gut. Zugegeben, das Buffet Essen, vor allem das Hähnchen haben sehr satt gemacht. Etwas stolz auf mich, entscheide ich für mich selbst, dass es eine gute Entscheidung war, den Teller nicht zu voll zu machen. Eine Entscheidung, die Nik nicht getroffen hat. Die Menge an Essen auf seinem Teller, die auch irgendwie nicht weniger wird, bringt ihn sichtlich zum kämpfen. Irgendwie schafft es Nik dann aber doch, seinen Teller komplett zu säubern, sodass der Kellner kommt und uns ein Dessert anbietet. Ich lehne erst dankend ab, ich bin wirklich zu einem guten Maß gefüllt, doch gebe mich letztendlich doch dem Massenzwang hin. Nik, Heather und Paul bestellen sich jeder ein Schokoladeneis mit Karamellsauce, sodass keine wirkliche Chance diesem karamellig traumhaften Genuss zu entkommen. Außerdem, „…its filling the gaps.“   

Nachdem erst Nik, dann ich gefragt hat, ob uns jemand heraustragen kann, und sich niemand freiwillig erklärt hat, steppen wir qualvoll, aber glücklich, das pompöse Treppenhaus hinauf. Als mir Paul die Tür aufhält, blendet mich die Sonne, dass ich erst einmal stehen bleiben muss und Nik auf eine sehr umkoordinierte Art und Weise in mich hinein läuft. Diesmal wenden wir uns der rechten Seite zu, um den noch übrig gebliebenen Teil, südlich von Zehnders, zu erkunden. Wir überqueren eine relativ große Brücke. Zu meiner Rechten befindet sich ein Hollywood ähnlicher Schriftzug, der sich, wie auch schon das riesige Eingangsschild „Willkommen 2018“ ließt.

Wilkommen 2018

Zur Linken sehe ich einen riesigen Wasserfall mit einem kleinen Anleger daneben. Dahinter deuten ein paar Häuserdächer schon auf die kleine Ansammlung von Gebäuden mit Geschäften hin, auf die wir zusteuern. Das erste was mir ins Auge springt, ist die „SugarHigh Bakery“. „Wenigstens ist der Titel ehrlich“, denke ich mir. Zu gerne wäre ich hinein gegangen und hätte einen der bunten Cupcakes probiert, nur sind die anderen schon weitergezogen zu einem anderen sehr außergewöhnlichem Laden. Als ich den Verkaufsraum mit der hohen Decke betrete, brauche ich ein paar Sekunden, um zu erfassen, was genau hier verkauft wird, doch dann sehe ich die riesige Tüte Popcorn an der Wand hinter dem Verkaufstresen. Hier kann man Popcorn kaufen, und zwar Kiloweise! Ausnahmsweise stimme ich dem Vorurteil, dass in Amerika alles größer ist, einmal zu. Neben den Fächern im breiten Verkaufstresen sehe ich im Hintergrund Säcke von Popcorn, dessen Format wohl am besten mit Müllsäcken zu vergleichen ist, obwohl das kein schöner vergleich ist. Glückliche Kunden tragen eben solche riesigen Säcke aus dem Laden. Als ob diese Primark ähnlichen Zustände nicht schon verrückt genug wären, macht mich Nik auf die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen aufmerksam.

Popcorn

Geschmacksrichtungen? Für mich war Popcorn bisher immer nur Popcorn, aber hier gibt es richtige Geschmacksrichtungen. Neben den Klassikern wie Schokolade, Erdnusbutter und Karamell gibt es auch etwas abgefahrenere Kreationen, wie Parmesan & Knoblauch, Kirsche oder Gewürzgurke. Zum Glück sind wir alle immer noch bis zum Rand satt, sonst hätte ich vermutlich eine der abgefahrenen Geschmacksrichtungen probieren müssen.  

Wir laufen noch ein wenig durch den etwas verwunschenen Ortskern von Frankenmuth, bis wir schließlich erneut die große Brücke überqueren, doch halt. Am Anleger hat jetzt ein riesiger Schaufelraddampfer angelegt und läd eine kleine Anzahl von Touristen ein. Das erinnert mich ein wenig an meine Kindheit. Schon damals habe ich, investigativ wie eh und je, hinterfragt, ob die großen Raddampfer wirklich von einem kleinen Schaufelrad angetrieben werden. Eine offizielle Antwort wollte mir damals ein Erwachsener nie geben, vermutlich um den mysteriösen Zauber um den Vintage-Antrieb nicht komplett aufzuheben, es muss schließlich auch ein paar Geheimnisse im Leben eines Kindes geben. Rebellisch habe ich, sobald ich irgendwann einen Zugang zum Internet und damit Wikipedia hatte, die Fragestellung jedoch eines Tages gegoogelt, um frustriert herauszufinden, dass die Raddampfer nicht wirklich vom großen, roten Schaufelrad angetrieben werden, wie schade.

Bavarian Belle

So bezaubernd anmutig die „Bavarian Belle“ auch ist, es ist Zeit zurück zum riesigen Zehnders Parkplatz zu laufen.  

Im Auto auf dem Heimweg sehe ich noch einmal das riesige Willkommensschild, das ich ganz am Anfang schon gesehen habe. Diesmal lese ich die Rückseite des Schildes vor: „Auf Wiedersehen in Frankenmuth“.  


Dir hat mein Abenteuer in „Little Bavaria“ gefallen? Hinterlasse mir doch deine E-Mail im Seitenmenü um dich in meinen Newsletter einzutragen. Erfahre immer als erstes über neue Beiträge!


Bayern – In Michigan? 1/2

Zusammen mit Happy, dem aufgedrehtesten Hund dieser Welt, meinem Computer und einem kühlen Wasser sitze ich an meinem Lieblingsplatz im Haus, einem alten Schaukelstuhl im Wohnzimmer. Ich habe noch ein paar Hausaufgaben zu erledigen. Nur mässig motiviert klicke ich durch ein paar Videos und Quizze. Fach: AP Government, ich lerne über die amerikanische Regierung. Im Moment geht es um den „Congress“, der aus dem „Senate“  und dem „House of Representatives“ besteht. Dieses Zweikammersystem ist auf den Konflikt von großen Staaten, die sich eine Anzahl von Vertretern, angepasst zu der Bevölkerungszahl wünschten, und den kleinen, die eine feste Nummer von Vertretern für jeden Staat bevorzugten, zurückzuführen. Logisch. Am Ende der Debatte hat man sich dann im großen „Connecticut-Compromise“ darauf geeinigt, dass man doch einfach beides macht, es wurde also der „Senate“, mit zwei Vertretern pro Staat, und das „House of Representatives“ mit einer Zahl von Vertretern, angepasst zur Bevölkerungszahl, gegründet. „Welch ein Einfall“, denke ich ironisch for mich hin.  

Nik hängt in seinem Zimmer rum, Heather und Paul sitzen auf der großen, beigen Couch, eine Decke über den Beinen. Vor uns flimmert der große Fernseher, es läuft Football. Der Sprecher berichtet hektisch über das Geschehen, ich habe längst den Überblick verloren. Christian hat heute morgen das Haus schon früh verlassen, um arbeiten zu gehen. Happy springt gerade von meinem Stuhl und nimmt seinen Stammplatz am Fenster ein, als Paul diesen morgendlichen Wahnsinn mit einem Vorschlag unterbricht. „Wie wärs mit einem Trip nach ‚Little Bavaria‘?“, fragt er, zuerst Heather, dann mich anschauend. Little Bavaria? Kleines Bayern? Klingt interessant.  

Wenig später befinden Nik, Heather Paul und ich uns im Auto. Auf dem Weg erzählt Paul ein bisschen über unser heutiges Ausflugsziel. „In dieser Stadt haben sich damals eine Ansammlung von Deutschen niedergelassen, genauer aus Franken, daher der Name. Heute spricht natürlich keiner mehr deutsch, aber irgendwie hat sich der bayrische Charme des kleinen Dorfes erhalten. Heute ist es eine riesen Touristenattraktion.“, erzählt er, während Nik und ich auf dem Rücksitz interessiert zuhören. „Unser erster Stop ist der größte Weihnachtsladen der Welt. Ungelogen“. Langsam kommen wir unserem Ziel näher, ein Ortsschild verrät, dass wir uns jetzt in Frankenmuth befinden. Über der breiten Straße erstreckt sich ein riesiges, gebogenes Schild. „Willkommen“, lese ich laut vor. Nik starrt mich fragend an, ich zeige nur auf das Schild. Links und rechts vom Schild sind zwei kleine Häuschen mit dem bayrischen blau-weiß Karo-muster und roten Dächern. Künstlerisch, ein bisschen an einen Freizeitpark erinnernd, erkenne ich nach und nach mehr Häuserfassaden der eigentlich relativ kleinen Stadt. Bevor wir jedoch in den Stadtkern vordringen, biegt Paul auf den riesigen Parkplatz des „Christmas Wonderland – Worldwide Selection“-Shops, der von außen eher unscheinbar aussieht. Einmal um die Ecke gebogen bemerke ich schnell, wie weit der Parkplatz noch um das Gebäude herumreicht, und wie viele Autos sich gleichmäßig darauf verteilen.

Trims & Gifts

„Heute ist ein guter Tag, es ist nicht viel los“, fängt Heather dann an. Nik und ich fragen erstaunt nach, wie voll es denn in den Ferien ist, oder kurz vor Weihnachten. „You can’t move“ kommt die Antwort schnell. Im Giebel des Gebäudes, das auch gut eine dieser riesigen DHL-Lagerhallen hätte sein können, steht Willkommen auf 30 Sprachen. Nik ist frustriert, dänisch ist nicht dabei. Deutsch natürlich schon, immerhin befinden wir uns in „Klein-Bayern“. Während Heather und Paul fast ein wenig routiniert und mit einer gesunden Portion Gelassenheit den Laden betreten, fallen Nik und mir die Kinnladen runter. Vor uns erstrecken sich Reihen über Reihen von Weihnachtsartikeln.

Weihnachtsstore Eingang

Das erste was ich erkenne ist eine kleine Ansammlung von Krippen in jeglicher Farbe, Ausführung und Größe. Daneben ein Regal mit ähnlichem Sortiment, aber in Halloween Edition. Weihnachtskrippen in Halloween? „Amerika“, wirft mir Nik zu. Ich nicke lachend. Über unseren Köpfen hängt ein Schild: „Section 5“. Weiter hinten im Raum finde ich „Section 10 & 11“. Der ganze Weihnachtsladen ist in Sektionen unterteilt. In Sektion 10 gibt es zum Beispiel Weihnachtskugeln, dorthin gehen wir als erstes. Es gibt einen Teil, der nach Ländern geordnet ist. Im „Germany“-Abteil finde ich von Lederhosen, über Liedtexte und Bierkrügen so ziemlich alles. Nik entscheidet sich dafür, eine dänische Kugel mitzunehmen, ich entscheide mich für eine deutsche. Auf der Rückseite unserer Kugeln stehen jeweils ein paar Traditionen, die in Deutschland und Dänemark an Weihnachten angeblich so üblich sind. Heather sucht noch ein paar andere für unseren internationalen Weihnachtsbaum aus. Darunter auch eine mit unserem Abschlussjahrgang, eine für Oma und eine mit einem Lehrer drauf, für Paul. 

Weiter hinten in der langen Halle finde ich noch einen Haustierteil, einen mit und für Prinzessinnen, einen „Outer Space“-Abschnitt und, wirklich war, einen mit mehreren Ananas-Variationen.

pineapple

Entlang der Halle ist eine Reihe von Kassen und Informationsständen. Weiter geht es mit Weihnachtsdörfern in etlichen Ausführungen. Völlig erschlagen von tausend Artikeln habe ich längst den Überblick verloren. Am Ende eines Ganges finden wir ein kleines Theater mit einem fast lebensgroßen Maria und Joseph Pappaufsteller und einer Art Harmonium. Danach kommt eine überdimensionale Sammlung von künstlichen Weihnachtsbäumen.  

Etwa eine Stunde später stehe ich wieder vor der Tür und versuche mich an das helle Sonnenlicht zu gewöhnen. Unser Pick Up wird heftig geschüttelt, als wir über die kleine Erhöhung am Parkplatzausgang fahren, die Rasen verhindern soll. Noch immer kämpfe ich mit der grellen Sonne, die jetzt durch das Fenster beim Rücksitz direkt in meine Augen scheint. Langsam nähern wir uns „Frankenmuth Downtown“, also dem Stadtzentrum. Die Anzahl an bayrisch anmutenden Häusern nimmt proportional zu. Während ich mich frage, ob man daraus eine lineare Funktion formen könnte, rollen wir auf den nächsten Parkplatz, der nicht weniger klein ist, als der vom Weihnachtsgeschäft. Beim Aussteigen erkenne ich, im Auto war es fast nicht zu erkennen, dass der Parkplatz zu „Zehnders“, einem riesigen Restaurant, gehört. Paul erzählt, das Zehners bekannt für ihr „Chicken“ sind, aber wir natürlich die Gelegenheit haben werden, uns unser eigenes Bild machen zu können. Bevor wir uns jedoch dem Hühnchen Genuss hingeben, beschließen wir, den verwunschenen Stadtkern zu erkunden.

parkplatz

Im Prinzip ist der Stadtkern nur eine Straße mit Geschäften links und rechts, also fangen wir an, die Straße linker Hand herauf zu bummeln. Das erste Geschäft, was uns zusagt, ist, wie die meisten Geschäfte an der Straße ein Souvenirladen. Für einen kleinen oder großen Groschen kann man typisch deutsche Souvenirs erwerben. Dazu gehören Tischdecken, Ohrringe und Leuchten. Eigentlich genau das, woran man sofort denken würde, wenn von deutschen Souvenirs die Rede ist. Während ich an diesen „Souvenirs“ getrost vorbeigehen kann, hängt sich mein Blick an ein paar runden Magneten für den Kühlschrank auf. Ich entscheide, ein paar mitzunehmen.

Magnets

Ein paar Meter weiter bestehe ich darauf, den nächsten Shop zu betreten. „Frankenmuth Fudge Store“ ließt es sich prominent auf dem Eingangsschild. In Deutschland habe ich ständig von dem berühmten Fudge gehört. Ein paar fleißige Mitarbeiter stellen die süße Leckerei aus Zucker, Milch und Butter für uns frisch her im anliegenden Raum, der durch eine breite Glasscheibe schaufensterartig vom Verkaufsraum abgetrennt ist. Hier gibt es Fudge in jeglicher Geschmacksrichtung. Ich, der Fudge-Anfänger, entscheide mich für Dunkle Schokolade. Nik nimmt gesalzene Schokolade, Heather, passend zu Halloween, Kürbiskuchen, Paul Apfelkuchen. Besonders interessiert wäre ich, so im Nachhinein, für „German Schokolade“ gewesen, also Kinderschokolade mit Kokusraspeln, wie die lächelnde Verkäuferin mir stolz erklärt. Höflich bedanke ich mich und verlasse den Laden mit einer Erfahrung mehr.  

Fudge

Die nächsten Geschäfte sehen nicht wirklich vielversprechend aus, also wechseln wir die Straßenseite. Vom süßen Duft des Fudges haben wir alle schon etwas Hunger bekommen, was ein Grund dafür sein könnte, warum wir den nächsten Laden betreten, den „Frankenmuth Taffe Store“. Berge von kleinen Toffee Bonbons stapeln sich zu meiner Rechten als ich den Laden betrete. Geübt greift sich Heather einen Eimer und wir fangen wie wild an, ihn zu befüllen. Etwa so viel, wie wir auffüllen, testen wir dabei ausführlich. Wir kommen auf drei stolze Pounds Toffee-Gewicht, das sind etwa 1,3kg. Die Verkäuferin lacht nur, presst den Toffee zusammen. Etwa zehn Minuten später sind wir bei 4 Pounds, die gequetscht im kleinen Eimer sind. „Der Rekord liegt bei sechs Pounds“, entgegnet die Verkäuferin drei erstaunten Gesichtern. „Sechs Pounds Toffee, wer soll denn das alles essen?“, frage ich mich so vor mich hin, als wir auf dem Weg zum nächsten Geschäft den „Frankenmuth Taffe Store“ verlassen.  


Dir gefällt meine Reise? Hinterlasse mir doch deine E-Mail im Seitenmenü, um immer als erstes über neue Beiträge informiert zu werden!


 

Eine unerwartete Wendung…

Es war gestern Abend. Ich lag zunächst ahnungslos im Bett, meine Snapchat-Stories durchgehend, als mich einer nach dem anderen Hilferuf erreicht.

Genauer geht es um Nik aus Dänemark und Alex aus Spanien, zwei der fünf Austauschschüler an meiner Schule. Die beiden leben zusammen bei einer anderen Gastfamilie, die sie jetzt aber nicht mehr beherbergen kann. Einem der Elternteile geht es nicht gut, dem anderen fehlt einfach die Zeit. Deshalb müssen Nik und Alex ihre Familie verlassen, und nach einer neuen suchen.

Völlig entsetzt sprechen Christian, der gerade von der Arbeit nach Hause gekommen ist, und ich darüber. Vorübergehend leben die beiden nun bei ihrem Area-Representative. Entweder es finden sich eine oder zwei Familien in Port Huron oder Umgebung, die bereit sind, einen der beiden oder beide aufzunehmen, oder die beiden müssen die Schule und Port Huron verlassen, ein Szenario, das für Christian und mich nicht infrage kommt. Wir beide haben die beiden Austauschschüler von Anfang an ins Herz geschlossen. Wir schmieden einen Plan.

Am nächsten morgen stehen wir ein bisschen früher auf, setzen unser liebstes Lächeln auf. Dann, in Pauls Klassenraum, ist es soweit. Als zwei mitleidserregende Freunde, die einen Austauschschüler retten wollen, getarnt, stehen wir vor seinem breiten Schreibtisch. Christian erklärt die Situation. Hin und wieder nicke ich eifrig. Am Ende des mehrminütigen Plädoyers steht die alles entscheidende Frage: „Kann Nik bei uns einziehen?“ „I don’t care“, kommt die Antwort schnell.

Wir brechen in Jubel aus, die paar Schüler und Paul starren uns fragend an. Wir sprinten zu Nik in die Cafeteria und übermitteln die frohe Botschaft. Auch Alex hat ein neues zuhause gefunden. Wir sind überglücklich und fallen unserem neuen Bruder in die Arme.

So wird aus meinem Austauschplatz ein Double-Placement. Mein Tagesablauf wird sich vielleicht ein wenig verändern, mein Freundeskreis erweitern. Mein Austauschjahr hat eine unerwartete, und schöne Wendung genommen!


Die gefällt mein Blog? Hinterlasse mir doch deine E-Mail Adresse im Seitenmenü und ich halte dich immer als erstes auf dem Laufenden über neue Beiträge!

Das Yale Turnier

Der Tag, über den ich heute berichte, beginnt eigentlich schon am Abend vorher. Christian und ich besprechen uns. Auf dem grau-beigen Sofa sitzend besprechen wir die Taktik für den morgigen Tag. Vielleicht gut für mich, mit spontanen Planänderungen gehe ich meistens ähnlich verplant um wie Stefan Raab mit einem neuen Studiospiel. Neben uns sitzt Lucas, ein Freund der uns morgen unterstützen will, und schüttelt nur heftig den Kopf während er uns zuhört. „Wollt ihr es nicht einfach auf euch zukommen lassen?“, unterbricht er uns ziemlich plötzlich. „Also, ähm“, fängt Christian an, „Ok“, setze ich fort.

Am nächsten Morgen werde ich recht unsanft von meinem Handy geweckt. Vielleicht hätte ich etwas früher ins Bett gehen sollen. Als ich etwas torkelnd meine Zimmertür öffne kommt mir ein seltsamer Geruch entgegen. Noch leicht benommen folge ich den Treppenstufen nach unten in die Küche. Unten angekommen entdecke ich schnell die Quelle des Geruchs. Zwei lachende Gestalten braten Eier. Lucas hält einen großen Pfannenwender in der Hand, Christian eine Pfanne. Lucas ist gerade dabei, sich Ketchup in seine Pfanne zu kippen, Christian schaut misstrauisch. Den leeren Tüten neben seiner Pfanne zufolge, hat er sich für die „Fire“-Sauce von Tacco Bell entschieden. Als ich die zum letzten mal probiert habe, musste ich zwei Liter Milch trinken. Diese 50:50 Ei-Saucen Mischung erklärt den eigentümlichen Geruch, der sich wie ein schleichender Schlafwandler durch das ganze Haus verteilt. Auch wenn die beiden mir nach eigenen Aussagen, natürlich etwas abgegeben hätten, entscheide ich mich für eine andere Instanz des Morgens: PopTards. Inzwischen ist es für mich eine Gewohnheit. Genussvoll hole ich die zwei rechteckigen Scheiben Zucker aus der Verpackung. Dieser Prozess ist etwa mit dem öffnen eines KinderPinguins zu vergleichen. Sehr viel Plastik, und doch sehr befriedigend. Nach dem allmorgendlichen PopTard geht es auch schon los. Ich entscheide mich diesen Morgen dafür in meinen knallblauen Crocs das Haus zu verlassen, den ganzen Rest des Tages werde ich schon in meinen Tennisschuhen gefangen sein, die zwar perfekt zum Tennis spielen sind, sich aber außerhalb des Platzes doch sehr klobig tragen. Zu viert setzen wir uns in den großen Pickup meines Gastvaters. Christian dreht irgendwas am Radio herum, so lange bis ein mittelmäßig cooler Road Song erklingt. Mit der Sonne im Rücken, meinen Tennisschläger auf dem Schoß, einem Soundtrack, den nur komische deutsche Filme als Atmosphäre benutzen würden (auch nur weil er zufällig lizenzfrei ist) und einem halb schlafenden Lucas neben mir, nähern wir uns unserem heutigen Ziel: Das Tennisturnier in Yale. Nach etwa einer halben Stunde Fahrtzeit sind wir in Yale. Die Luft ist frisch, als ich mit meinen Crocs durch das noch feuchte Gras hin zu den Tennisplätzen schlappe.  

IMG_5900.jpg

Vier Plätze sind bereits von Yale, und einer anderen Mannschaft besetzt, Christian und ich schnappen uns schnell den fünften und sechsten. Kurz nachdem wir ein paar Bälle geschlagen haben, trudelt der Rest unser ähnlich müden Mannschaft ein.  

Amerikanische Tennisturniere funktionieren ein bisschen anders als deutsche. In Deutschland tritt man meistens als einzelne Person an. In einem großen Tableau werden alle Partien aufgelistet und nacheinander ausgespielt. Wer eine Runde weiter kommt, dann noch eine und noch eine, hat gewonnen, als einziger. Am Ende unseres Turnieres gibt es sieben Gewinner. Hier treten wir als Mannschaft gegen drei andere Mannschaften an: Goodrich, Sandusky und Yale. Jede Mannschaft bestimmt ein erstes, zweites, drittes, usw. Doppel. Dann spielen alle ersten Doppel gegeneinander, alle zweiten, usw. Christian und ich sind das erste Doppel unser Mannschaft. Für uns beide ungewohnt, denn eigentlich stehen wir allein auf dem Tennisplatz.  

Ein paar Leute schauen uns einschätzend an, als wir den blau-grünen Hartplatz betreten. „Der Coach von Dakota hat von uns erzählt“, fängt Christian an, „die wissen das wir einen Austauschschüler haben, der gut ist.“ Und tatsächlich, ein paar der Jungen unser Gegnerteams tuscheln hektisch. Ich weiß noch nicht ob ich diesen Sonderstatus genießen kann, denn als wir uns an diesem noch jungen Tag einspielen ist unsere Leistung erstmal nicht vielversprechend. Christian schlägt einen Ball ins Netz. Ich stürme ans Netz und treffe den Zaun anstatt das Feld. Erst nach ein paar Minuten fangen wir an, die Bälle auch ins Feld zu schlagen. Ich dehne meine Schulter heute extra lange, gestern hat sie ein bisschen weh getan. Dann geht es los. Schräg vor den sechs Tennisplätzen steht ein ausladendes Dach. Darunter finden ein paar Tische mit der Turnierleitung und einem kleinen Essensbuffet platz. Yale ist ein familiäres, kleines Turnier. Jeder ist angehalten, etwas zu essen mitzubringen, für alle. Jemand hat einen großen Topf Chilli gekocht, ein paar haben Hotdogs organisiert. Wieder ein anderer hat Pizzen gebracht.  

IMG_5903.jpg

Der Turnierdirektor ist ein älterer Mann aus Yale. Er begrüßt alle, erklärt alles und liest die ersten Partien vor. In unser Kategorie, erstes Doppel, spielt als erstes Sandusky gegen Yale. Da Yale nur sechs Plätze hat, kann immer nur ein Match in einer Kategorie gleichzeitig stattfinden, für mich und Christian heißt es also warten. Aufmerksam beobachten wir unsere nächsten Gegner. Für Sandusky spielt ein großer und breiter Junge, den man vom ersten Anblick eigentlich eher in der Football Mannschaft vermutet hätte. Aus irgend einem Grund lächelt er ununterbrochen wenn ich ihn anschaue. Irgendwann höre ich auf, ihn anzuschauen, aus Angst, er macht such über mich lustig. „Habe ich irgendetwas im Gesicht oder so?“, frage ich Christian. Er lacht, sagt „Ja, einen riesigen Fleck“. Also hole ich mein Handy raus um das Ausmaß meines Gesichtsflecks zu begutachten. Natürlich ist da kein Fleck, also werfe ich Christian den vorwurfsvollsten Blick zu, den ich meinen müden Gesichtsmuskeln gerade entlocken kann. Er lacht. Dann ist es soweit. „First Doubles Port Huron Goodrich“, brüllt der Turnierdirektor ein mal über die kleine Ansammlung von Tennisplätzen hinweg. Aus den Augenwinkeln sehe ich zwei große Jungs aus der Ecke aufstehen, wo sich die Goodrich Mannschaft versammelt hat. Durch eine angerostete Tür trotten wir langsam, aber irgendwie doch entschlossen auf den Platz. Irgendwie habe ich ein gutes Gefühl bei diesem Turnier.  

Christian wirft mir einen Ball zu, und als wir uns alle an der Grundlinie versammelt haben, fangen wir an, uns einzuspielen. Nebeneinander spiele ich zuerst mit einem Jungen, der etwa meine Körperstatur hat. Sein Partner ist etwas größer. Dann geht es los. Christian fängt an aufzuschlagen. Aufgeregt blicke ich über den Platz. Zwar habe ich im Einspielen schon einen Eindruck davon bekommen, was auf uns zukommt, aber wie gut oder schlecht unsere Gegner wirklich sind, wird sich erst jetzt offenbaren. Der Aufschlag trifft die Linie des Aufschlagfelds. Misstrauisch blickt der Netzspieler auf den Ball. Obwohl Christians Aufschlag gut war und auch Tempo hatte, weiß der Returnspieler eine Antwort. Erstaunt kann ich dem Ball, der fast wieder genau zurück zu Christian fliegt, nur hinterherschauen. Unsere Gegner sind besser als erwartet. Ich blicke fragend. Christian entgegnet den Blick mit einem „Ok, let’s go!“. Irgendwie gewinnen wir das erste Spiel. Dann das zweite, dann das dritte. Fast schon ein wenig verzweifelt trotten unsere Gegner zu ihrem Trainer, der hinter dem Zaun wartet und ein paar hilfreiche Tipps zu geben versucht. Vergebens, der Satz geht an uns. Es könnte nicht besser laufen, auch im zweiten Satz können wir dominieren. Langsam hat sich eine Anzahl an Menschen staunend hinter dem Zaun versammelt. Ein paar tuscheln aufgeregt.  

DSC_0347.JPG

Ein kleinerer Junge blickt ehrfürchtig zu uns auf, als wir, fast schon majestätisch, den Platz verlassen und zum Essensbuffet laufen. Es könnte nicht besser sein, soeben hat jemand Pizza vorbeigebracht. Kaum habe ich mein Pizzastück aufgegessen, befinde ich mich schon wieder auf dem Platz. Das zweite Match verläuft reibungslos, der große, lächelnde Junge aus Sandusky hat zu Christians Aufschlägen und meinem Spin nicht viel zu sagen, sein Partner versucht es noch zu retten, vergeblich. Nachdem wir also auch unser zweites Match für uns entscheiden konnten, bleibt noch ein Gegner übrig: Yale.  

Yale ist für eins bekannt: Doppel. Die Kids aus Yale spielen meistens nicht so gut, wie die anderen, aber clever. Wir konnten bereits zwei Matches beobachten, beide hat Yale für sich entscheiden. Nie gab es jemanden, der herausstach oder durch besonders gute Schläge aufgefallen ist. Im Gegensatz zu den meisten hier, hat Yale das Spiel verstanden: Es geht nicht darum, wie hart man schlägt, sondern wohin und wie. Christian und ich spielen das erste mal zusammen heute, unsere Gegner sind ein eingespieltes Team. Einer von beiden hat eine weiße Sportbrille auf der Nase, der andere eine riesige Cap. Wieder fängt Christian an aufzuschlagen, doch diesmal fliegt der Ball, ohne das ich auch nur reagieren kann direkt an mir vorbei in meine Ecke. Im ersten Ball des gesamten Matches wurde ich passiert, das hat bisher noch niemand gemacht. Christian schaut mich erstaunt und ein bisschen vorwurfsvoll an, ich versichere: „Kein Problem, Kein Problem“. Zum Glück ist nicht jeder Ball eine Überraschung und nach etwas mehr als einer halben Stunde liegen wir in Führung. Unsere Strategie geht auf, vorher haben wir schon reichlich unsere Gegner beobachtet, Schwächen und Stärken studiert. Wir versuchen immer wieder, das Team zu separieren, Einzelkämpfe gewinnen bevorzugt wir.

Dann ist es soweit, der letzte Ball unseres Matches sollte ein Lob werden, doch landete genau in Christians Schläger – und wird getötet. Wir geben unseren Gegner feierlich die Hände, ein paar Leute klatschen hinter dem Zaun.  

Knapp eine Stunde später bekommt jeder von uns eine goldene Medaille in die Hand gedrückt. Auch wenn unser Team aus Port Huron nicht gewonnen hat, haben Christian und ich zumindest einen kleinen Erfolg verzeichnen können. Überglücklich machen wir ein Siegerfoto.

DSC_0374

Dann heißt es Abschied nehmen. Noch einmal blicken wir in die Runde und nicken unsern Gegnern zu. Wir werden mit einem anerkennenden Lächeln in die bunt untergehenden Abendsonne verabschiedet.  


Dir gefällt mein Blog? Hinterlasse mir doch deine E-Mail Adresse im Seitenmenü, und erfahre als erster über neue Beiträge!

Mein erster Schultag 2/2

Als ich meine Kurse gewählt habe, musste ich ein gesellschaftliches Fach belegen, das in Zusammenhang mit Amerika steht, eine „AP-Class“. Ich habe mich für „AP-Gov“ entschieden, ein Kurs in dem man sich mit der amerikanischen Politik beschäftigt. Also: Wie ist die Regierung aufgebaut. Wer darf wen wann wählen, und welcher gewählte wählt dann wen und wer ist eigentlich dieser komische Mann mit dem Meerschweinchen auf dem Kopf im weißen Haus? Die letzte der vielen Fragen, die ich habe, wird mir quasi beim betreten des Raumes abgenommen. Ein paar Plakate stellen den Präsidenten und seine engste Rivalin Hillary Clinton vor. Wahrscheinlich aus der Zeit des Wahlkampfes. In einer Ecke hängt ein einsames „Hillary for President“-Plakat, das still ein wenig zu protestieren scheint. Dann kommt unsere Lehrerin durch die Tür spaziert. Sie stellt sich als Mrs. Davis vor und nach ein paar Regeln und allgemeinen Infos geht es los: Wir sollen uns vorstellen. Während wir uns mit unserem Handy (!) in den Google Classroom einloggen, sollen wir uns eine Süßigkeit überlegen, die mit dem gleichen Buchstaben anfängt, wie unser Vorname. So, meint sie, kann sie sich unsere Namen besser merken. Ich sitze ganz vorne am Rand eines Gruppentisches und bin fast als letzter dran. „Ich bin Jonas, und ich mag JellyBeans“, sage ich stolz. Im zweiten Atemzug erzähle ich, dass ich Austauschschüler bin. Dann geht es los. Die nächsten fünf Minuten sind ausschließlich mir gewidmet. Zuerst: das Präsidententhema. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, meine Trump-Unsympathie nicht direkt auszusprechen, erst den Gegenüber sprechen zu lassen, immerhin hat (fast) die Hälfte den Superstar und Menschenfreund ja gewählt. Aber wenn ich hier nicht gesagt hätte, dass ich kein Trump-Freund bin, hätte ich wahrscheinlich meine erste sechs kassiert. Mein Sitznachbar flüstert mir derweil still zu: „Als Trump gewählt wurde, ist sie zwei Wochen nicht zur Schule gekommen.“ Das glaube ich beim Anblick der Hillary-Fanplakaten und der wild lamentierenden Mrs Davis gerne, die ihren täglichen Trump-Hass heute an mir auslässt. Kurz bevor Sie vermutlich angefangen hätte zu weinen, weil der Zustand unerträglich ist, beginnt sie, darüber zu reden, was wir das Schuljahr über machen werden. „In diesem Kurs geht es um die amerikanische Politik“, fängt sie an, „Ich will euch vermitteln, wie man sich eine Meinung bildet, wie man mit welchen Informationsquellen umgeht, ‚fake news‘ von echten Nachrichten zu unterscheiden, und und und…“. Klingt doch interessant.

Zum Schluss kommt dann, zumindest für die meisten, der Höhepunkt der Stunde. Wir bekommen ein Formular für unsere Eltern mit auf den Weg. Es geht um den Laptop, den jeder von uns bekommt. Ich gestehe, dass es mir schon erzählt worden war, aber für die meisten ist das eine riesen Überraschung. Da unsere Gegend als arm eingestuft ist, bekommen die Schüler mehr Dinge umsonst, darunter einen Laptop, den wir alle nach unserem belieben für schulische Zwecke nutzen dürfen. In ein paar Wochen werden die funkelnagelneuen „Chromebooks“ verteilt und wir dürfen sie mit nach Hause nehmen. „Das wäre doch mal was für Deutschland!“, denke ich mir leise.

Dann piept die Schulklingel wieder. Ich packe extra langsam meine Sachen ein, um Mrs Davis nach meinem nächsten Kurs, ELA 11, einem Englischkurs, zu fragen. Wo bei den anderen Kursen „Gym“ oder „Room 122“ stand, steht jetzt „Grn A“, eine Abkürzung für Greenroom A, wie ich von ihr aufgeklärt werde. Ich muss einmal den gesamten Gang runter, dann am Gym vorbei, dann an den Bandräumen vorbei, die Schallisoliert in einem anderen Gebäude platz finden, und dahinter ist Greenroom A.

Eine Minute zu spät komme ich an. Zum Glück ist der Lehrer noch nicht da und ich setze mich schnell irgendwo hin. Hier gibt es keine Gruppentische, nur drei lange Sitzreihen. Ich wende das Theater-Prinzip an. Jahrelange Erfahrungen haben gezeigt, dass es im Theater, bei Schulvorstellungen am besten immer genau in der Mitte ist. Warum? Die Leute ganz vorn werden von den Schauspielern angestarrt und müssen es ausbaden, wenn alle anderen laut sind und der Lehrer die Vorstellung unterbrechen muss, was jedes mal passiert weil sich niemand für das aufgeführte Stück interessiert. Ganz hinten sitzen die bösen Jungs, die die immer nur quatschen, ihrem Vordermann Müll in die Kapuze stecken und irgendwelche Süßigkeiten oder Getränke ausschütten und das Theater wie einen Saustall hinterlassen. Am Ende heißt es dann: „Wer saß in der letzten Reihe?“. An den Seiten oder in den Gängen laufen die Schauspieler und vordern irgendwelche ahnungslosen Schüler auf, in ihrem neumodischen Theater mitzumachen, das der Lehrer auch nur ausgesucht hat, weil es günstig war, und auf der Website Catchphrases wie „Für junge Menschen im Wandel“ oder „Pädagogisch sinnvoll in den Unterricht integrierbar“ standen. Kurzum: Am besten ist es einfach in der Mitte. Man muss sich während der Aufführung keine Gedanken machen, und auch danach wird man nicht angeprangert für Dinge, die man nicht gemacht hat.

Genau dorthin setze ich mich. Vorne das übliche Tafel-Setup. Ein langes Whiteboard mit einem Beamer in der Mitte. Dann piept es einmal, ich erschrecke mich kurz. Eine Lautsprecherdurchsage folgt. Dann stehen auf einmal alle auf. Ein paar böse Jungs in der letzten Reihe setzen ihre Cap ab. Die „Pledge of Alliance“ wird jeden Morgen gesprochen. Alle Schüler stehen und schauen zu einer USA-Flagge, die übrigens in jedem Raum hängt. In diesem Raum hängt sie schräg über dem Whiteboard mit den Google-Classroom Codes.

IMG_5281.jpg

Wie ein Gebet flüstern schüchtern ein paar von uns mit. Unwissend, was genau jetzt gerade passiert stehe ich auch auf und schaue ehrfürchtig die Flagge an. Dann setzen sich alle und wenden sich wieder ihrem Handy zu. Ein Mädchen neben mir will sich gerade Kopfhörer ins Ohr stecken, als der Lehrer reinkommt. Mr Kreiner ist ein mittelgroßer, stämmiger Durchschnittsdeutscher, nur das er in Amerika lebt. Das Mädchen steckt die Kopfhörer genervt wieder weg.

Auch Mr Kreiner sagt zum Anfang ein paar Worte. Bitte packt die Smartphones weg, passt im Unterricht auf, wir lesen nächste Woche das erste Buch, und so weiter und so weiter. Fast ein wenig wie in Deutschland. Dann die erste Aufgabe. Er reicht kleine Post-Its herum, auf die wir Dinge schreiben sollen, die wir mit Amerika verbinden (und die nicht „Freedom“ sind). Wir sollen kreativ sein. Ich gehe auf Nummer sicher, ich will nicht direkt eine Diskussion auslösen. Ich schreibe „Individualität“ und „Burger“ auf. Ein ernsthaftes, und ein witziges Wort, Good Cop – Bad Cop Prinzip. Zusammen ergibt das immer eine gute Mischung. Mr Kreiner liest die kleinen, gelben Zettelchen an der Tafel alle einmal vor. Irgend ein Spaßvogel hat „Burger“ aufgeschrieben. Ein paar einzelne lachen kurz. Weitere Wörter, die man vielleicht eher nicht erwartet hätte: Terror, Intensiv, Angst & Schrecken, Pepsi-Cola (?). Dann bekommen wir alle ein Notizbuch. Das können wir das Jahr über nutzen, wenn immer wir etwas aufschreiben müssen, sagt Mr Kreiner zu uns. Als erstes sollen wir ein paar der Wörter von der Tafel notieren. Dann sollen wir uns jeweils zwei Wörter raussuchen, und erklären, warum wir genau diese Wörter mit Amerika verbinden. Die Wörter müssen nicht von uns kommen. Ich entscheide mich für mein eigenes Wort Individualität. Mein zweites Wort war eins der ersten an der Tafel: Trump. Das musste ja kommen. Ich setze meinen letzten Punkt gerade richtig zum Piepen der Schulklingel, alle stürmen aus dem Raum. Als nächstes habe ich Lunch.

Das „Mittagessen“ funktioniert hier wesentlich anders als man vielleicht denken würde. An meiner Schule, der Port Huron Highschool sind wir 15000 Schüler. Da ist klar, dass nicht alle gleichzeitig Mittagspause haben können. Deswegen gibt es A, B und C Lunch. Ich habe A Lunch. Das ist schon um 10:50 an einem normalen Schultag. Heute ist es um 11:25. Hektisch schreibe ich Christian eine iMessage, wo wir uns denn treffen. „Vor der Cafeteria“, kommt es schnell zurück. Zusammen mit Christan stelle ich mich willkürlich in eine der vielen Schlangen, die zu unterschiedlichen Essensausgaben führen.

IMG_5282.jpg

Er erzählt mir, dass er sich meistens hier anstellt, denn hier gibt es Chicken, Hot Chicken. Das sind panierte Hähnchen Nuggets, die einem den Mund zum brennen bringen. Dazu gibt es ein paar grüne Bohnen, eine kleine Plastiktüte mit geschälten Möhren, noch eine mit Äpfeln und ein kleinen Tetrapack Milch. Es gibt normale Milch, Erdbeermilch und Schoko. An einem kleinen Kassentisch steht ein Computer mit einem Touchpad. Wir müssen unsere „Student-ID“ eingeben, eine sehr lange Nummer, die jeder Schüler hier hat. Ich brauche gefühlt eine Ewigkeit um die Nummern einzutippen, hinter mir tippelt schon ein nächster ungeduldig auf der Stelle. Dann nehme ich mir noch ein Päckchen mit Plastikbesteck aus einem Korb und reichlich Ketchup. Ich folge Christian an unseren zukünftigen Stammplatz, ganz am Ende von einem der langen Tische. Unsere Mittagspause ist nur 25 Minuten lang, das reicht um entspannt auf zu essen, aber Gemütlichkeit kommt nicht auf, ganz im Gegensatz zu der einstündigen Mittagspause in Deutschland, in der man nach dem Mittag noch einen Spaziergang machen, ein Buch lesen, oder ein Buch schreiben kann.

Als nächstes habe Ich zwei Fächer, von dem ich mir viel erhoffe: Digital Design & Photography. Während man im Internet-Entwicklungsland Deutschland in der Schule meistens nur slither.io auf einem Windows 95 Rechner spielen kann (und das schon mit Mühe), lernen wir hier, wie man einen richtigen Computer bedient. Darüber hinaus lernen wir, wie man mit Adobe Illustrator und Photoshop umgeht, wie man richtig kunstvolle Grafiken, Bilder, Photos kreirt. Ein absolutes Traumfach, für jemanden, der das sowieso schon den ganzen Tag macht, oder zumindest versucht. Als Mrs Jones, meine Lehrerin in beiden Fächern, das alles erzählt komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus, da hat sich jemand richtig was gedacht. Mrs Jones Klassenraum ist gefüllt mit Computern, die selbstverständlich alle mit Photoshop, Illustrator, Lightroom, usw. ausgestattet sind. Ich setze mich ganz nach vorne zwischen Christian und Austin, den ich schon vom Tennistraining kenne.

IMG_5287.jpg

Als erstes lernen wir, unser Google Drive zu konfigurieren. Wir lernen ein paar Shortcuts (Tastenkombinationen) zum Kopieren und Einfügen von allerlei Dingen in und aus Google Drive. Mit Strg & C kopiert man, mit Strg & V fügt man wieder ein. Das nennt sich, übrigens auch in deutsch, Copy & Paste. Nichts Neues für mich, den selbst ernannten besten IT Spezialisten der gesamten USA (realistische Einschätzung). Souverän bearbeite ich einen Schritt nach dem anderen. Alles klappt auf den ersten Versuch. Zwischendurch schaue ich kurz zu  Austin herüber. Gemütlich sitzt er mit einer kleinen Tüte Gummibärchen da, schon längst fertig. Ich schüttel nur leicht den Kopf und verwerfe meine These, dass ich der talentierteste Computerbesitzer der Vereinigten Staaten bin, schnell wieder. Nach 50 Minuten verlassen dann alle die Klasse, nur ich und ein Mädchen in der letzten Reihe bleiben sitzen. Nach Digital Design kommt Digital Photography. Die Digital Photography Stunde unterscheidet sich nicht wirklich von der vorigen. Auch wir richten zuerst Google Drive ein, bekommen eine kleine Einleitung, was wir dieses Jahr so machen werden.

Jetzt muss ich ein kleines Geständnis machen. Wenn man darüber spricht, warum man einen Austausch macht gibt es sogenannte Push- und Pull-Faktoren. Ein Pull-Faktor, ganz dem Namen nach, zieht in ein Land. Vielleicht ist es die Sprache, vielleicht sind es die Menschen, oder einfach der Spirit. Es ist immer noch Amerika! Und dann gibt es die Push-Faktoren, also Faktoren, die aus dem Land „wegdrücken“. Ich habe eigentlich überhaupt keinen Grund, zu gehen, aber ich muss, dann nenne ich meistens zwei Gründe: Französisch und Mathe. Mit Französisch bin ich fertig, finito, nie wieder, bitte. Ich mag die Sprache wirklich, vom Land ganz zu schweigen, aber als Sprache in der Schule? Zwei mal in der Woche in einen öden Klassenraum trotten, in dem zwei von 30 wirklich Lust haben (die Lehrerin zählt nicht zu den zwei), um dann mit „Je ne sais pas“ auf jede Frage zu antworten? Ist es ein Zufall, dass Statistiken (Quelle: Jonas) zufolge in einigen Französischbüchern bis zu 80% der Figuren Quadratbärte aufgemalt bekommen haben? Ich bringe diese alarmierenden Zahlen klar mit einer gewissen Verzweiflung der Schüler in Verbindung.

Etwa das gleiche trifft für Mathe zu. Ich bin ungefähr auf dem Niveau der 6. Klasse stehengeblieben, da war in meinem Kopf einfach Schluss. Seitdem ploppt jedesmal eine kleine Fehlermeldung in meinem Kopf auf, wenn ich eine dieser Gleichungen sehe. Falls das hier jemand liest, der Ahnung hat: Kann es sein, dass sich das menschliche Gehirn einfach irgendwann zwischen Mathe oder der Realität entscheidet? In der deutschen Schule ging mathetechnisch zum Schluss gar nichts mehr. Irgendwie habe ich es geschafft, mich mit einer drei minus minus und einem freundlichen Lächeln, vielleicht ein bisschen unter dem Radar und mit einer kleinen ironischen Augenbraue, bis zu meinem letzten Zeugnis durchzumogeln, einfach glücklich darüber, dass ich keine rote fünf kassiert habe. Worauf ich hinaus will? Rate doch mal, was ich in der letzten Stunde habe? Ich hatte bei der Fächerwahl leider keine andere Wahl…

Also schlurfe ich mühselig den langen Schulflur entlang, der jetzt auch gerne etwas länger hätte sein können. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich schon innerlich ein wenig resigniere. Das will ich eigentlich nicht, also lege ich einen Zahn zu und betrete voller Zuversicht den Raum von meiner Mathelehrerin Mrs Moran. Und ich bin erstaunt.

IMG_5289.jpg

Die Wände sind in einem angenehmen blau gestrichen. Vorne das übliche Setup: Ein Whiteboard mit Beamer, daneben ein paar Announcements. Davor ein paar Gruppentische  mit jeweils 4 Stühlen und großen Tischen mit Rollen. In den Tischen sind kleine Einkerbungen für einen Schwamm und einen Whiteboard Marker. Seitlich am Tisch hängt ein kleines Whiteboard. Hinter den Gruppentischen sind ein paar längliche Stehtische, ebenfalls mit Whiteboards ausgestattet. Ganz hinten in der Ecke ist ein Sofa mit kleinen Tischchen. Zwischen all dem bewegen sich ein paar „Nods“, also Stühle mit Tischen auf Rädern. Vor dem ausladenden Schreibtisch von Mrs Moran steht ein kleines Rednerpult mit einer Dokumentenkamera. So habe ich mir schon immer einen Klassenraum erträumt. Modern, fröhlich, digital. Hier könnte sich Bildungs-Entwicklungsland Deutschland mehr als eine Scheibe abschneiden. Zu meinem Glück wird in der ersten Stunde auch noch nicht gerechnet. Mrs Moran stellt erst sich kurz vor, erzählt uns dann worum es in diesem Kurs geht. Alles begleitet von einer hübschen PowerPoint Präsentation. Wow! Ich habe tatsächlich die Hoffnung, dass mir mein Matheleben ein bisschen einfacher gemacht werden könnte.

Fast schon beflügelt verlasse ich an diesem Tag die Schule. „Ich habe so viel zu erzählen“, denke ich laut vor mich hin. Christian schaut mich komisch von der Seite an. Für einen Moment habe ich vergessen, das hier niemand ausser mir deutsch spricht. Ich lache.


Dir gefällt mein Blog? Hinterlasse mir doch deine E-Mail Adresse im Seitenmenü um keinen Beitrag mehr zu verpassen.

Tag X – Teil 3/3

Noch anderthalb Stunden bis wir landen, ich strecke meine Beine aus. „Lohnt es sich noch, Blog zu schreiben?“, werfe ich Jana zu. „Keine Ahnung“, antwortet Sie. Also sitze ich da. Loriot hat es in einem seiner legendären Sketche einmal gesagt: „Ich möchte einfach nur hier sitzen“. Weise Worte. Mein konzentriertes Sitzen wird jedoch von einem kleinen Zucken in meinem linken Ohr gestört. Oh, das hatte ich ganz vergessen. Große Maschinen haben die Angewohnheit, nicht einfach zu landen, sondern erstmal langsam runter zu gehen. Das gefällt meinem linken Ohr nicht. Irgendwie schaffe ich es nicht, den Druck auszugleichen. Auf dem rechten Ohr ist alles supi, nur das linke zickt. Nach und nach steigt also der Druck auf meinem Ohr, während die Flughöhe und der Inhalt meiner Katjes-Tüte sinken. Trotz meines schmerzenden Ohrs finde ich kurz Zeit, aus dem Fenster zu schauen. Ein interessantes Bild von Wolken über einer Stadt zeigt sich mir. Wie abgehackt hört das Wolkenmuster über dem Ozean auf. Langsam verwandeln sich die Eiskristalle im Flugzeugfenster in Wassertropfen. Als wir weiter runter gehen, erkenne ich, das nicht nur die Wolken exakt geordnet sind.

IMG_5007.jpg

Auch die Straßen, Häuser und Gärten der Vorstadt Chicagos scheinen sich einem riesigen Muster zu fügen.

IMG_5015.jpg

Kurz bevor mein Ohr (vermutlich) geplatzt wäre, setzen wir wieder auf der Erde auf. Alle drängeln Richtung Ausgang. Durch einen schmalen Gang geht es in Richtung Security Check. Immer wenn man man in die USA fliegt, muss man am Zielflughafen noch einmal sein Gepäck aufgeben und wird durchgeprüft. Absperrbänder und dutzende Sicherheitsbeamte führend uns in eine riesige Halle, von der ein Labyrinth aus weiteren Absperrbändern mindestens 80% einnimmt. Am Ende der Halle sind Passkontrollen. Also stellen wir uns an. An der Wand hängt eine überdimensional große Flagge der USA. Vor den Häuschen, in denen die Sicherheitsbeamten zur Passkontrolle sitzen, hängen Fernseher, auf denen ein Werbefilm läuft. Er zeigt ein Pärchen, das am Strand läuft, dann einen Bäcker, der einen Teig mit den Fingern knetet. Im Hintergrund wehte eine halbtransparente USA-Flagge. Unterbrochen werden diese Idyllenbilder nur von Sicherheitshinweisen. „Do not take photos in this area“ zum Beispiel. Schade, die Halle, in die sich mehr und mehr Menschen drängeln, wäre ein Foto wert gewesen.

Nach der Passkontrolle treten wir in eine weitere Halle. Diesmal ist sie mit Gepäckbändern gefüllt. Ich folge dem Pulk von lila T-Shirts zu einem Gepäckband, das völlig überfüllt ist. Einzelne Koffer werden schon neben das Band gestellt. Darunter auch meiner. Mit meinem Koffer ausgestattet laufen wir einen Gang entlang. Am Ende des Ganges stehen ein paar Männer, die unsere Koffer wieder verladen, ich stelle meinen dazu. Und dann sehe ich ihn: Den ersten McDonalds in den USA. Schnell zücke ich mein Handy und mache im Vorbeigehen ein Foto. 

IMG_5020.jpg

Ich folge dem Pulk weiter nach draußen, wo Busse auf uns warten, die uns weiter verteilen. Ich muss zu Terminal 2, von dort aus soll mein Flug nach Flint gehen. Vincent und ein paar andere müssen auch zu Terminal 2.  Mein Flug geht erst um 21:45, jetzt ist es 14:00. Im Bus werden wir von einer älteren Dame angesprochen. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich ein lila T-Shirt an ihr. Sie hält ein Klemmbrett mit einem nicht endenden Stapel von Listen in der rechten Hand. In der linken einen lila Stift. „Whats your name?“, fragt sie uns mit einem sehr amerikanischen Slang. Alle sagen ihre Namen, sie hackt ab. Dann bin ich an der Reihe. „Jonas Evers“, „May you spell it for me?“. Natürlich, denke ich. „E-V-E-R-S“. „You’re not on the list.“, stellt sie sehr nüchtern fest. Ich muss sehr beunruhigt dahergeschaut haben, denn die Dame fängt an, beruhigend auf mich einzureden. Sie holt eine zweite Liste raus, lässt mich drauf schauen. Ich entdecke mich ganz unten. Die Dame erzählt, dass mein Flug erst um 21:45 startet. Ach was. Ich hätte mich irgendwo mit den anderen treffen sollen. Woher soll ich das den wissen, frage ich mich. Wir beschließen, einfach bei Terminal 2 auszusteigen und auf die anderen zu warten. 

IMG_5023.jpg

Terminal 2 ist eine lange Halle, die Wände sind hoch. In der Mitte ist ein schmaler Spalt, indem sich die Sicherheitskontrolle befindet. Unsere Begleitung stürmt mit den anderen dorthin, Vincent und ich warten davor. Also warten wir. Weiter hinten in der Halle laden ein paar Sitze mit Steckdosen zum Pause machen ein, doch wirklich zur Ruhe komme ich nicht. Ich nerve in der WhatsApp Gruppe, wo die anderen sind. Keine Antwort. Eine knappe Stunde vergeht, bis mich jemand anschreibt. „Wo steckt ihr, wir sind schon am Gate.“ Super, denke ich. Also ziehe ich Vincent von der Steckdose weg, hin zum Sicherheitscheck. Diesmal packe ich mein Deo als erstes aus dem Rucksack raus, doch damit nicht genug. „Die checken ja wirklich alles durch.“, werfe ich Vincent zu. Hinter dem Band, auf dem wir Kästen mit unseren Sachen platzieren sollen, steht ein Polizist, der in etwa mit der Heiserkeit von Piet Thiesen (an schlechten Tagen), und der Lautstärke eines Marktschreiers alle darauf hinweist, am besten alles auszuziehen, um es auf das Band zu legen. „Put off your shoes! Get everything out of your pockets, even paper!“, schreit er uns an. Auf mich wirkt es einschüchternd. Immerhin werden wir nach dem Sicherheitscheck mit einem Starbucks belohnt, der sich direkt dahinter befindet. „Also, ich finde wir sollten den großen Vergleich wagen,“, fange ich an, „Chai Tea Latte in den USA vs Chai Tea Latte in Deutschland.“. Wir stellen uns an, ich bestelle meinen Chai, Vincent irgendetwas anderes und einen Cookie. „You guys enjoy your time?“, plappert es mich von hinten an. Ich drehe mich um und erkenne die Dame wieder. Diesmal tiefen entspannt. Wir antworten beide mit Ja, ich erzähle ihr, dass ich gerade das erste mal mit Dollar bezahlt habe. Sie ist sichtlich begeistert. Genau so begeistert, wie ich, als ich meinen Chai Latte probiere. „Genau wie in Deutschland.“ Das war abzusehen, gebe ich zu. Im Weggehen sehe ich ein paar weitere wartende Starbucks Kunden. Mir fällt ein Mädchen mit roten Rasterzöpfen auf. Ich will ein Foto machen, doch dann…

IMG_5028.jpg

Wenig später treffen wir die anderen, auch das Mädchen, dass mir geschrieben hat. Ihr Name ist Allegra, sie fliegt auch nach Flint. Und Melina. Neben ihr saß ich schon in Frankfurt, aber ihren Namen erfahre ich erst jetzt. Zugegeben, wahrscheinlich hat sie mir ihren Namen schon gesagt, denn Sie erinnert sich an meinen. Noch ein paar andere sitzen bei uns, zum Beispiel Jonas. „Cooler Name“, werfe ich ihm zu. Er lacht. Nach Flint fliegen, laut einer Liste, die Allegra gesehen hat wohl fünf Leute. Bisher sind wir nur drei. Jonas, Allegra und ich. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen an einem langen Fenster. Wie der Zufall will, ist gegenüber dem Fenster ein großer McDonalds. Ich schaue Vincent an, Vincent schaut mich an. 

Wieder an meinem Platz angekommen, in der rechten Hand mein Handy, in der linken einen Hamburger, fangen wir an, uns zu unterhalten. „Wo kommt ihr hin?“, fragt irgendjemand. Ich erzähle von meiner Gastfamilie, dass ich drei Gastgeschwister bekomme, wir in einer kleinen Vorortschaft wohnen, und ich ein eigenes Zimmer bekomme, weil meine größte Gastschwester gerade ausgezogen ist. Jonas erzählt, dass er nach Marysville geht, wo immer das ist. Allegra geht nach Oxford, einem kleinen Örtchen, etwa so groß wie Kimball. Ich erzähle, dass ich Blog schreibe, und frage, ob nicht jemand korrekturlesen möchte. Also nimmt Melina meinen PC an sich. Glücklich darüber, dass jemand meine Fehlerchen ausbessert, probiere ich meine Fritten. „Wow, die sind viel besser als in Deutschland! Ich glaube in diesem Land bleibe ich ein Jahr!“, scherze ich rum. 

IMG_5029.jpg

So vergehen ein paar Stunden. Wir werden immer weniger. Ich verabschiede mich von Vincent, sein Flug geht schon um 16:00. Irgendwann beschließen wir, die nach Flint fliegen, schon zum Terminal zu gehen. Ich bin einfach nur noch müde und schlafe schon vor dem Flug ein wenig. Das wundert mich, denn normalerweise brauche ich ein Bett zum schlafen. Ich bin nicht jemand, der immer und überall schlafen kann. Ich muss schon sehr müde gewesen sein. Um neun Uhr beginnt dann endlich das Boarding. Als ich im Flugzeug sitze schlafe ich eigentlich direkt wieder ein. Dem Geschäftsreisenden neben mir kann ich nur wenig Aufmerksamkeit schenken. So richtig bemerke ich garnicht, dass wir starten. 

Ich wache kurz vor der Landung wieder auf. Prüfend schaue ich um mich. Die winzige Maschine schüttelt sich ein wenig und setzt schließlich zur Landung an. Bevor mein Ohr es überhaupt schafft, weh zu tun, sind wir am Boden. „Manchmal muss man den Schmerz einfach von hinten überraschen, sodass er garnicht erst anfangen kann“, sage ich später zu Jonas. Ich bin happy. Und aufgeregt. 

Ehrlich gesagt hätte ich gedacht, dass ich aufgeregter bin. Wahrscheinlich bin ich einfach nur zu müde um richtig aufgeregt zu sein. Also laufe ich durch einen Finger, zum letzten Mal heute. Das erste mal habe ich das Gefühl, irgendwo anzukommen. Trotzdem fühlt es sich noch ein wenig nach Klassenfahrt an. Flint ist ein kleiner Flughafen, und vom Terminal zum Ausgang sind es nur ein paar Meter. Ich lasse mir Zeit, forme in meinem Kopf schon ein paar Sätze zurecht. Jonas zu meiner linken, die Mädels zu meiner Rechten, laufe ich den breiten Gang entlang auf eine dicke Glastür. Sie steht offen. Erst als ich kurz davor stehe, sehe ich ein paar wenige Menschen warten. Gleich vorne rechts steht meine Familie. Das ist leicht zu erkennen, denn zwei meiner Gastgeschwister, Christian und Samantha halten ein Plakat mit der Aufschrift „Welcome Jonas“ in der Hand. Für einen Moment überlege ich, ob auch wirklich ich gemeint bin. Ich scheine mich für die richtige Familie entschieden zu haben, denn ehe ich mich versehe, schüttel’ ich allen die Hände und wir holen meinen Koffer.

IMG_2071.JPG

Im Auto unterhalten wir uns ein wenig, ich versuche nicht einzuschlafen. Dann endlich kommen wir an. Einfach nur müde und erschöpft falle ich wenig später in mein Bett. „Das Bett, in das ich die nächsten 10 Monate jeden Tag fallen werde“, denke ich. Gefühlt bin ich jetzt schon zuhause, doch wie lange wird es dauern, bis ich wirklich hier zuhause bin? 


Dir hat meine Reise gefallen? Dann lass mir doch deine E-Mail Adresse im Seitenmenü da, und ich halte dich immer auf dem Laufenden über neue Beiträge von mir! Für mehr Fotos und interessante Stories folge mir doch auf Instagram!

Tag X – Teil 2/3

Hier geht es zum ersten Teil!

Der Bus hält an einem Eingang unterhalb einer Überführung. Wir trotteten in eine mäßig pompöse Halle. Eine Unzahl an Schildern erschlägt mich. Ich halte mich an Vincent und zusammen finden wir schnell ein paar weitere lila T-Shirts. An unserem Gate warten weitere YFUler. Ich setze mich mit Vincent zu ihnen. „Hey, ich bin Jonas“, fange ich an. Alle stellen sich einmal vor, bisher sind wir nur ein paar wenige, die schon am Gate sitzen. Die Sitzreihen sind lang, sodass neben uns wenigen noch genug Platz bleibt für einen Mann zum Schlafen. Seine Schuhe hat er ordentlich vor sich gestellt, das Jacket ordnungsgemäß über den Sitz. Das ergibt zusammen mit dem wirklich intensiven Schnarchen ein interessantes Bild. Nun weiß ich, man macht keine Bilder von Menschen, die sich nicht wehren können, aber ich kann nicht anders.

IMG_4949.jpg

Vincent fängt an: „Ich habe Hunger“, ich ergänze „Das ist ja ganz was neues.“ Also fangen wir an zu diskutieren. „Wann geht unser Flug?“, „In einer guten Stunde“, „Ich habe auch Hunger.“, „Ich finde wir sollten uns vor allem kulturell auf unser Austauschjahr vorbereiten. Das wird im Vorfeld häufig unterschätzt. War da vorne nicht ein McDonalds?“, „Gute Idee!“. Wir vertrauen unser Gepäck den anderen YFUlern an, und setzen uns in Bewegung in Richtung McDonalds. Jedenfalls dachten wir das. „War hier nicht irgendwo einer?“, werfe ich Vincent vor einer Wand stehend zu. Wir scheinen uns verirrt zu haben. „Traurig, ich hatte wirklich Hunger auf einen Burger, jetzt müssen wir uns etwas anderes suchen.“. Ich entscheide mich für einen Panini von einem italienischen to-go Laden. Vincent kauft irgendein Brötchen. „Immerhin haben wir uns Mühe gegeben mit dem Kulturzeug…“, entgegnet er. 

IMG_4944.jpg

Zurück am Gate sind unsere Plätze besetzt. Das Gate wimmelt jetzt von lila T-Shirts. Sehr viele lila, und ein Pinkes. Unsere Flugbegleitung ist eingetroffen. Eine junge Dame, die auf dem Weg in ihren Urlaub einen kleinen Nebenjob angenommen hat. Wir werden abgeharkt auf einer Liste, die scheinbar kein Ende hat. Ich dachte wir wären höchstens 15 Leute, aber weit gefehlt. Scheinbar sind ein paar mehr Menschen auf die Idee gekommen, ein Jahr in den USA zu verbringen. Ich gehe in Richtung meines alten Sitzplatzes. Meine Sachen stehen noch davor. Ich werfe der Person darauf einen strafenden Blick zu. Die Person steht auf. Ich habe nicht einmal etwas gesagt. Die Person muss geahnt haben, das früher oder später jemand aufkreuzt, der den Platz einfordert. Also setze ich mich wieder, mit einem wirklich deliziösen Tomate-Mozzarella Panini in der Hand. 

„Mr. Mouhamad Al Irgendwas, Mr. Müller and Mr Irgendwas to the counter please!“, erklingt eine Durchsage. „Da scheint es Leute erwischt zu haben, die überbucht wurden…“, werfe ich in die Runde. Und tatsächlich, die nächste Durchsage kommt direkt: „wegen eines spontanes Flugzeugwechsels auf ein Flugzeug, das weniger Plätze hat, ist unser Flug überbucht. Lufthasa zahlt eine Entschädigung von 600€ für zwei Freiwillige, die einen Flug später nehmen.“ Aus den Augenwinkeln sehe ich einzelne YFUler aufstehen. „Dieses Angebot gilt nicht für Schülergruppen.“, ergänzt die Dame am Schalter. Ein lautes „Ohh“ zieht sich durch unser Gate. Immer wieder gehen einzelne zum Schalter oder werden aufgerufen. Unser Boarding hätte schon längst anfangen sollen. Es scheint Probleme zu geben. 

Dann, eine halbe Stunde später als geplant, fängt das Boarding endlich an. Aufgeregt stehe ich sofort auf und will das Flugzeug betreten, doch ich werde direkt zurückgepfiffen. „Erst Kinder und Behinderte, danach alle anderen.“, bekomme ich von hinten gesagt. Kennt ihr das, wenn man so richtig Hunger hat, und dann erst eine Vorspeise kommt, die alle außer man selbst bekommt? Man nörgelt und nörgelt, ob man nicht was abbekommt, bis man entweder tatsächlich etwas bekommt, oder der Hauptgang kommt. In diesem Fall musste ich warten, bis der Hauptgang kommt, ich war zusammen mit meiner Gruppe nämlich einer der letzten, der das Flugzeug betreten durfte. Also laufe ich wieder durch einen Finger, schon das zweite Mal heute. Neben mir Vincent und ein paar neue Bekanntschaften. Ich quetsche mich durch den schmalen Flugzeuggang bis ich schließlich an meinem Platz angekommen bin. Auf meinem Platz liegen bereits ein schmales Kissen und eine Decke, eingepackt in eine Plastiktüte bereit. Ich setze mich auf das Kissen und packe die Decke beiseite. Meinen Rucksack stelle ich zwischen meine Beine unter den Sitz. Bereits jetzt ist der Platz vollkommen ausgenutzt. Vor mir ist gerade so genug Platz, um den kleinen Tisch im Sitz vor mir auszuklappen. Dann weiß ich allerdings nicht, ob noch genug Luft zum Atmen bleibt. Dieses Risiko muss ich wohl in Kauf nehmen. Ich hole gerade meine Katjes Bonbons heraus, als sich neben mich ein Mädchen setzt. Als ich aufschaue, sehe ich ihr lila T-Shirt und ein freundliches Lächeln: „Hey, ich bin Jana.“ Ich stelle mich vor, wir unterhalten uns ein wenig. Schnell entdecken wir das Bordsystem, das mit reichlich Filmen, ein paar Spielen, einer App, die zeigt, wo wir gerade sind, und reichlich Rucklern ausgestattet ist. 

Kurze Zeit später hebt die Airbus A340 mit einem lauten Brausen in die Luft ab. Fasziniert schaue ich durch das kleine Fenster und sehe die Häuser Frankfurts langsam kleiner werden.

IMG_4963.jpg

Ich wende mich meinem Monitor zu. Immer wieder fange ich an, auf dem Handy Sachen zu tippen, oder ein Spiel zu spielen. Nach Studieren der Filmbibliothek entscheide ich mich dafür, „Maze Runner“ zu schauen. Ein Film über eine Gruppe von Menschen, die in einem Labyrinth gefangen sind, nicht wissen wie sie dahin gekommen sind, wer sie sind, oder wie sie da raus kommen. Sie können sich an nichts mehr erinnern. Das Labyrinth ist voller Gefahren, voller Monster die aus irgendeinem Grund zur Hälfte aus Fleisch, und zur Hälfte aus Metall bestehen. Trotzdem wagt es ein einzelner, ins Labyrinth zu gehen und es zu entschlüsseln. Überraschung: Sie finden einen Ausgang. Nun, das war vorauszuahnen, immerhin ist es Hollywood, aber ich habe mich sowieso mehr für den Weg aus dem Labyrinth interessiert. 

Nach dem Film fange ich an nachzudenken. Wie sind die USA so? Ist meine Gastfamilie nett? Wie viele Burger esse ich an einem durchschnittlichen Tag? Ich denke weiter, dass diese Fragen vermutlich mehr Leute als mich interessieren, also fange ich an über den heutigen Tag zu schreiben. Material hab ich schon jetzt genug. Mein relativ schmaler PC findet gerade so auf dem kleinen Flugzeugtisch platz. Ich bin ungefähr an dem Punkt angekommen, wo ich Vincent (wieder) treffe, als mich Jana von der Seite anspricht: „Wir müssten jetzt ungefähr über der Küste von Grönland sein.“ Also schiebe ich das kleine Verdeck vor dem schmalen Flugzeugfenster hoch. „Da ist nichts, nur Wasser“, berichte ich, „Obwohl warte, ich sehe einen Eisberg im Wasser!“. Ein einsamer Eisberg treibt unter uns im Ozean. Mir fällt auf, wie viel Eis auch unter der Wasseroberfläche ist. Das Wasser ist klar und ich sehe, was die Titanic wohl nicht gesehen hat. Bei längerem Nachdenken ist es völlig klar, es ist wie ein Eiswürfel in einer Cola. Der schwimmt auch mehr unter, als über der Wasseroberfläche. Wusstet ihr, dass eben diese Eigenschaft von Wasser, dass es gefroren „leichter“ ist, als flüssig, ist, die Leben teilweise erst möglich macht? 

IMG_5079.JPG

Langsam aber sicher wächst die Zahl der Eisberge im Wasser und dann taucht am Horizont eine lange Reihe Wolken auf, die sich kurzerhand als die Küstenlinie Grönlands entpuppt. Ich erkenne langsam einzelne Berge und Gletscher. Mit der Zeit erkenne ich mehr Details der immer feiner werdenden Küste. Ich meine sogar einzelne Eisklumpen von den steilen, verschneiten Eisküsten abbrechen zu sehen. Auffallend viele Eisberge sind vor der Küste und vor den einzelnen Gletschern. Nun will ich in diesem Blog nicht politisch werden, aber zumindest ich bin jetzt vom Klimawandel überzeugt. Weiter im Landesinneren sind riesige Gletscher und Berge, von denen man denken könnte, ihre Spitzen kratzen am Flugzeug. Die Berge werden immer eisiger, die Gletscher immer größer, bis schließlich nichts mehr als Eis und Schnee zu sehen sind. 

IMG_4999.jpg

Für mehr Bilder besuche doch meine Galerie „Flugzeugfenster“. Dort sammle ich alle Bilder, die ich aus dem Fenster geschossen habe.

Ich beschließe, das Fenster wieder zuzumachen und „Maze Runner 2“ anzufangen. Leider ist es ähnlich, wie mit „Zurück in die Zukunft 2“, der zweite Teil kommt einfach nicht an den erfolgreichen ersten Teil heran. Die Gruppe, die vorher im Labyrinth war, sieht sich jetzt einer bösen Organisation entgegengesetzt, die sie irgendwie aussaugen will und werden von Zombies angegriffen und müssen in einer wüste um ihr Überleben kämpfen und die Welt geht unter und…. Irgendwie ein bisschen zu viel für einen Film, da komm ich nicht mehr mit. Also schalte ich aus, gebe Jana ihre Kopfhörer zurück, die sie mir geliehen hat (an dieser Stelle tausend Dank!), und öffne die Flug-App. Schnell öffne ich wieder das Fenster, als ich sehe, das wir die andere Küstenseite erreicht haben müssten. Doch wieder: Nichts, auch keine Eisberge, nur dass diesmal auch keine mehr kommen. Ich ärgere mich. Anstatt des blöden Films hätte ich doch lieber die andere Küste anschauen sollen. 


Dir gefällt meine Reise? Hinterlasse mir doch deine E-Mail-Adresse im Seitenmenü und ich halte dich auf dem Laufenden über neue Geschichten aus und über meinem Austauschjahr!