Prom 2019

Meine Crocks quietschen, als ich an diesem frühen Nachmittag die Treppe herunter schlendere. Das Hellblau hebt sich ab von Rest meines navyblauen Anzugs ab, den ich mir für heute übergeworfen habe. Um den Hals trage ich eine rote Krawatte, doch zu meiner Krawatte später mehr.

Unten auf der Couch sitzen Heather, Paul und Grandma, die mich etwas ehrfürchtig anschauen, als ich am Ende der Treppenstufen angekommen bin. In meinem Anzug stehe ich sehr aufrecht da, fast etwas steif. Grandma setzt an und erzählt mir, wie gut ich doch aussehe, Heather stimmt nur zu. Wenig später stößt auch Christian dazu, der von oben aus seinem Zimmer auch majestätisch die Treppe herunter spaziert. Er trägt heute einen grauen Anzug mit weinroter Weste und Fliege. Damit will er natürlich so gut wie möglich das Kleid seines Dates, Rachel matchen, schließlich sollen beide auf Fotos heute nebeneinander gut aussehen. Der Grund dafür, dass Christian und ich, die normalerweise leidenschaftlich Jogginghosen tragen, uns in einen Anzug geworfen haben, steht schon seit Anfang des Schuljahres im Kalendar: Heute ist Prom!

Prom ist sowas wie der Abschlussball zum Ende eines jeden Schuljahres in Amerika. Meistens haben die Bälle verschiedene Themen und werden von dem Schulkomitee, einer Gruppe von Schülern, die sich um solche Angelegenheiten kümmert, veranstaltet. Wo in „Zurück in die Zukunft“, meiner Amerika-Referenz Nr. 1, das Thema Unterwasser Seezauber war, ist unser Thema heute verzauberter Wald, was sich allerdings in nichts widerspiegelt, was sich später herausstellen wird.

Inzwischen ist Austin, ein Freund von Christian bei uns angekommen und wir machen ein paar Bilder. Austin trägt einen komplett weißen Anzug mit einer goldenen Weste und goldener Fliege.

Jetzt, wo wir schon einmal fein angezogen sind machen Austins Mutter, Heather und Grandma dutzende von Bildern von uns allen in jeglichen Formen und Haltungen. Da beide Baseball spielen, muss natürlich auch ein Foto mit Baseball Handschuhen gemacht werden. Ich schleiche in Christians Zimmer und klaue mir einen Baseball Schläger um in das Bild zu passen. Heather drückt den Auslöser.

Wenig später kommt endlich Christians Date, Rachel, mit ihrer Mutter in einem silbernen Jeep auf unsere Auffahrt gebraust. Aufgeregt verlassen alle wieder das Haus, inzwischen waren wir wieder reingegangen, um mit ihr noch ein paar mehr Bilder zu schießen.

Überraschend holt Heather für uns ein paar Buchstaben aus der Küche.

„Wahrscheinlich finde ich das morgen alles auf Facebook wieder“, wirft mir Austin über die Schulter zu. Er sollte sich übrigens nicht irren. „Noch begeisterter als von Fotos von ihren Kindern sind die Amerikaner eigentlich nur von Football und Chicken Waffel Sandwiches…“, kontere ich hart. Zweihundert Fotos später verabschieden wir vier uns von unseren Eltern zuhause und machen uns endlich auf den Weg zum Prom.

Der Ball findet allerdings nicht etwa in unserer Schule, wie oft in High School Filmen suggeriert, in einer alten Bank, mitten im Stadtkern von Port Huron, direkt am Wasser und in Sichtweite von Kanada, statt. „Ich hätte nicht gedacht, das mein erster High School Prom in Sichtweite von Kanada stattfinden würde“, setze ich an, als wir in Christians blauem Pick Up auf den kleinen Parkplatz vor dem Ballsaal fahren. Ein paar blaue Fähnchen in Eimern markieren, wo der Parkplatz anfängt und trennt ihn von einem Stück Land daneben ab. Schnell hole ich mein Handy raus und schieße ein paar Fotos von uns, wie wir auf den Hintereingang der Location zusteuern. Ein paar Dutzend Schüler, einer feiner angezogen als der andere, warten bereits vor der kleinen Eingangstür. Auch hier mache ich schnell ein Foto, da ich heute nicht nur für meinen Blog berichte, sondern auch für unsere Schülerzeitung „The Lighthouse“, für die ich seit ein paar Wochen fleißig Artikel schreiben darf. Hier geht es zu den letzten Ausgaben der Zeitung.

Vor der Kulisse des Ballsaales und den alten Klinkerbauten des Stadtkerns drehen Emilia und James, auch Schreiber für „The Lighthouse“ schon ein paar pre-Interviews um sie später in einem Artikel verwenden zu können.

Viele meiner neugewonnenen Freunde aus der Schule sind heute hier, die ich inzwischen fröhlich begrüße. Alle sind aufgeregt, was gleich passieren wird, wann es endlich losgeht und was es eigentlich zu Essen gibt.

Um Punkt sechs Uhr wird die kleine Hintertür geöffnet, vor der wir uns schon sehnsüchtig aufreihen. Als ich durch den Türbogen spaziere blicke ich Mrs. Moran, meiner ehemaligen Mathelehrerin ins Gesicht, die mich mit einem Lächeln im Gesicht begrüßt. Mit einem kleinen Gerät scannt sie den QR-Code, den ich in meinem Wallet in meinem Handy gespeichert habe. Kurz durchlebe ich noch einmal ein Erlebnis vorletzten Sommers, als ich von meiner Schwester Tickets für ein Freundeskreis Konzert bekommen habe, die Internetseite aber, nunja, nicht durch überragende Seriosität in Erscheinung getreten war, wie man es sich vielleicht hätte vorstellen können. Das Gerät des Manns vom Security, der mein Ticket gescannt hat, schien den QR-Code einfach nicht lesen zu wollen. Dreißig Sekunden Panik später wurde der Code allerdings akzeptiert und wir wurden reingelassen. Nachdem ich nun auch hier reingelassen wurde, betreten wir einen schmalen Gang, der zum Ballsaal führt. Ich sehe ein bekanntes Gesicht.

Mr. Raney, mein Lehrer für Chor und Gitarre, lächelt mich an. Er steht im Gang und lotst die aufgeregten Schülermassen in Richtung des Saals. „Hübsche Krawatte – so schlicht rot, einfarbig“, spricht er mich an. Ich erwidere das Kompliment und spreche auf seine Krawatte an: „Ganz gleichfalls – so schlicht schwarz, passend zum Anzug.“ Um uns sehe ich verwirrte Augenpaare, die erstaunt auf die gelben Enten auf unseren Krawatten, und dann auf uns schauen. Mr. Raney und ich bezweifeln die Existenz von Badeenten. Warum wir das tun, und warum wir eigentlich beide gelbe Enten auf unseren Krawatten haben? Nebensächlich.

Die meisten Schüler haben schon an einem der unzähligen Tische im Saal platzgenommen, als Christian, Rachel, Austin und ich durch einen großen Eingangsbogen dazu stoßen. Der Saal ist einer der ältesten der Stadt, wurde aber gerade neu renoviert. Das angenehm warme Abendlicht, das durch die großen Fenster fällt, fiel hier einst auf eine Bank, dem ursprünglichen Verwendungszweck des Gebäudes. Heute ist das nur noch durch den großen Tresor zu erkennen, dessen große Tür noch sichtbar in der Wand hängt.

Neben uns vier sitzt unter anderem Jakob an unserem Tisch, der kurz nachdem wir uns alle gesetzt haben, die erste Entdeckung an seinem Glas auffindet. Es ist fast wie in einem Loriot Sketch.

Jacob findet Lippenstift an seinem Glass. Classic.

Während Jacob noch fassungslos auf sein Glas schaut, haben die meisten der Seniors schon platzgenommen im Saal. Eine Angestellte mit einem Klemmbrett fängt erst in der hintersten Ecke an, tischeweise die Schüler zum Buffet zu schicken. Wir schnaufen. Zwar sitzen wir etwa in der Mitte des Blockes von Tischen, trotzdem dauert es gefühlt eine Ewigkeit, bis wir aufgerufen werden, zum Buffet zu gehen. „Ich hoffe nur, es gibt Kartoffelpüree“, merkt Austin neben mir an.

Die Kellnerin mit Klemmbrett ruft noch einen weiteren Tisch zum Buffet, bevor sie sich endlich uns aushungernden Jugendlichen zuwendet und uns den Weg zum Essen freigibt. Austin sollte nicht enttäuscht werden, es gibt Kartoffelpüree! Er zieht ein breites grinsen auf, während er sich mit dem großen Löffel, der in der Schüssel hängt, reichlich von dem eigentlich so deutschen Essen auf den Teller schaufelt.

In den metallenen Schalen befindet sich neben dem Kartoffelpüree, in dem übrigens auch ein Hauch Knoblauch ist, unter anderem Nudeln mit mediterranem Gemüse, Pesto-Bruschetta Chicken und irgendetwas vom Rind. Dazu wurden kleine Brötchen und Salat mit Ranch Dressing gereicht. Nun mag ich sicherlich nicht der qualifizierteste Food Tester auf WordPress sein, sicherlich möchte ich mir allerdings eine Scheibe des Quotenkuchens abschneiden, weshalb nun eine Rezension der eben genannten Speisen folgt.

Brot – gut, Salat – gut, Nudeln – gut, Gemüse – gut, Chicken – gut,… okay, der Rest ist vielleicht selbsterschließend. Im Übrigen habe ich es immerhin geschafft, ein gut aussehendes Close Up Bild von meinem Essen zu schießen – In feinster Food Blogger Manier.

Nun fehlt nur noch ein Getränk, für das wir vier zur Bar gehen, die an der Rückwand des Saales platziert ist. Wir alle entscheiden für uns eine Strawberry Sprite, also Sprite mit einem Schuss Erdbeersyrup, das der Barkeeper aus einem langen Schlauch direkt in unser Glas leitet. Irgendwie cool.

Austin scharbt gerade das letzte Bisschen seines Kartoffelpürees von seinem Teller, als die ersten Tische zum Dessert übergehen. Neben dem großen Buffet stehen noch zwei weitere Tische, auf denen Brownies mit Vanilleschaum, etlichen Streuseln und Soßen Platz finden. Ich kann es mir nicht nehmen lassen auch ein Close Up von meinen Brownies mit reichlich Schokolade und Karamell zu erstellen.

Verführerisch schmilzt die Schokolade und das Karamell läuft den Brownie herunter, als ich mich wieder auf meinen Platz gesetzt habe. Traumhaft.

Jetzt wird es allerdings höchste Zeit, zu dem Punkt des Abends zu kommen, der sinnbildlich für Prom stehen sollte – Der Tanz!

Den Rest des Abends sollte noch ordentlich getanzt, gefeiert und Spaß gehabt werden, der DJ spielt also einen Kracher nach dem anderen und wir tanzen, tanzen und tanzen. Bis vor den großen Fenstern des Ballsaales die Sonne untergeht vergehen noch ein paar schöne Stunden mit meinen neugewonnenen Freunden!


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6 Kommentare zu „Prom 2019

  1. Hallo Jonas, wie bisher verfolge ich sehr interessiert Deine Blogs. Dieser Prom-Blog beeindruckt mich schon sehr. Fein, fein! Besonders die Köstlichkeiten reizen mich ungemein…ob nun mit oder ohne Lippenstift am Glas…..einfach klasse, was Du dort so erlebst. Mach weiter so. By the Way…wir vermissen Dich schon sehr hier…so schön alles für Dich ist – komm bald gesund wieder – wir freuen uns schon jetzt sehr auf Dich! Liebe Grüße, your Boy-Friend Wolfgang

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