Die Bezwingung des Diamond Head

Ich bin der erste unserer Gruppe, der in den Bus einsteigt. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen, greifen wir heute auf den öffentlichen Bus zurück, der uns von unserem Hotel am Waikiki Beach zu unserem heutigen Abenteuer bringt. Unser Ziel heute liegt ganz oben, über den Dächern Honolulus. Wir wollen den Diamond Head bezwingen, den ikonischen Krater, der von weitem aussieht wie ein Wahl. Das finden zumindest wir. Mit mir an der Spitze, füllen wir etwa den halben Bus aus. Ich sitze fast ganz vorne. Außer uns sind vor allem Studenten und junge Leute im Bus. Neben mir sitzt ein Pärchen, das vermutlich gerade joggen geht, am Buseingang hat sich junger Mann hingestellt. 

Nach etwa einer halben Stunde Fahrt hält der Linienbus an einem mittelgroßen Busparkplatz. Bereits jetzt befinden wir uns über den meisten Häusern der Hauptstadt. Trotzdem liegt noch ein langer Weg vor uns. Vom Parkplatz aus laufen wir an einer mittelmäßig befahrenen Straße lang, die uns den Berg hoch führt. Nach einer Weile mündet die Straße in einen Tunnel. Obwohl das Ende schon in Sicht ist, der Tunnel hat keine Kurven, ist es in der Mitte etwa so Dunkel wie im Raum, indem sich Donald Trump mit wissenschaftlichen Beratern trifft.

Johannes marschiert mutig voran in den geheimnisvollen Tunnel. Die Wände haben eine interessante Textur, sichtbar aus Lavagestein geformt. Wie fast alles auf den Inseln Hawaiis ist der Diamond Head Ergebnis eines oder mehrerer Vulkanausbrüche. Deshalb ist der riesige Krater auch geformt, wie ein riesiger Donut.

Eng drängen wir uns durch den schmalen Gehstreifen zwischen gelben Pfosten und Straße. Viel Platz bleibt uns nicht, um uns umzudrehen, und alle schauen ausschließlich nach vorne. „Sind wir schon bald oben?“, jammert eine Stimme hinter mir. „Wir laufen grade mal zehn Minuten“, antwortet eine andere Stimme. Beide Stimmen sind in der hallenden Tunnelumgebung nicht wieder zu erkennen. Vorsichtig streife ich mit meiner Hand am porösen Gestein.

Auf der anderen Seite angekommen laufen wir noch ein paar weitere hundert Meter. Immer wieder kommen uns Busse der „Green Line“ entgegen, die für Hawaii typischen, offenen Holzbusse. Während einige völlig überfüllt sind, bringen manche nur ein paar wenige Passagiere mit sich.

Schon jetzt ist neben uns ein steiler Abhang, doch wir können fast über die ganze Stadt, bis zum Strand, blicken.

Nach etwa zehn weiteren Minuten Laufen sind wir an einem weiteren Parkplatz angekommen. Während wir uns fragen, warum wir nicht einfach hierher gefahren wurden, entdecken Leonie und Liv den Souvenirladen. Hinter uns entdeckt Johannes einen roten Wagen, aus dem ein paar Einheimische frische Kokosnüsse verkaufen. Wie aus einem Becher, kann man mit einem Strohalm die Nuss austrinken. Nach dem selben Schema kann man auch eine Ananas erwerben, dessen Fruchtfleisch ausgehöhlt und zu einem Smoothie verarbeitet wurde. Außerdem gibt es das typisch hawaiianische „Shave Ice“. Dazu wird erst geschmackloses Eis zu einer Kugel geformt, und dann, je nach Wunsch, mit einem Sirup ein Geschmack gegeben.

Ich entscheide mich, mit einer Erfrischung bis nach dem Anstieg zu warten, frei nach dem Motto „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Während alle entweder ein Eis essen, oder aus einer frischen Kokosnuss trinken, beginne ich meine deutschheit zu bereuen. „Immerhin brauche ich nichts zu tragen“, rede ich mir ein.

Der Weg zur Bergspitze beginnt erst vergleichsweise flach. Idyllisch führt der Pfad aus Beton durch die von nur wenig Bäumen und hohem Gras gezeichnete Steppe Hawaiis. Die Sonne brennt vom Himmel wie ein Todesstern Laser, nach jedem dritten Schritt wische ich mir Schweiß von der Stirn.

Mit der Zeit wird der Weg nicht nur schmaler, sondern auch steiler. Erst jetzt merke ich, wie außer Form ich eigentlich bin. Wo ich früher fünfstündige Tennis Matches gespielt habe, kämpfe ich nun bei der Erklimmung dieses Berges

Trotzdem ist es die Anstrengung jetzt schon wert. Die Aussicht von hier oben ist gigantisch. Verzaubert von den grünen Gipfeln der Insel bleibe ich kurz stehen, um tief ein- und auszuatmen. Weiter setze ich einen Fuß vor den anderen, mich langsam aber sicher dem Gipfel entgegenarbeitend.

Der Weg schlägt eine scharfe Kurve vor uns. Dazwischen ist ein felsiger Hang, den ein Kleinkind zu bezwingen versucht. Sichtlich verzweifelt und überfordert, versucht die Mutter, das Kind wieder auf den Boden zu bringen. Sie scheitert.

Das Baby kommt vor uns auf der zweiten Etage an. „Mann, wir sind langsamer als ein Baby!“, scherzelt Felix. Wir lachen laut. Die Mutter nimmt glücklich ihr Kind in den Arm, das durch ein kleines Loch im Zaun geklettert ist.

Geschätzte fünfzig Höhenmeter trennen uns noch vom Gipfel. So langsam werden wir langsamer. Das ist nicht einmal durch unsere Müdigkeit verursacht, sondern durch die Menschenmassen, die sich inzwischen über den schmalen Weg zum Gipfel, und wieder herunter schieben. „Der Diamond Head entpuppt sich ja als richtiger Geheimtipp“, sind die Mädchen am lachen. „Ich mag es immer, wenn schöne Regionen noch nicht so touristisch erschlossen sind…“ füge ich noch hinzu, völlig außer Atem.

Der Weg unter uns verwandelt sich in Stufen, dann wieder in einen staubigen Weg, dann wieder zurück zu Treppen. Die weißen T-Shirts der unzähligen Menschen auf der Treppe vor uns scheinen hell in den Tag und geben uns den Weg vor, wie Brotkrümel Hänsel und Gretel.

Die lange Treppe auf dem Bild führt in einen letzten kleinen Tunnel, in dessen Schatten wir noch einmal Kraft tanken.

Die kleine Plattform auf dem Gipfel ist bereits in Sicht, von ihr trennt uns nur noch eine metallerne Treppe. Ein wenig unheimlich ist es, und nicht für schwache nerven, durch das Gitter der Treppe kann man ein paar Meter auf steilen Abhang blicken. Ich halte mich um so besser am Geländer fest. Oben gekommen sind wir zwar außer Atem, aber überglücklich, es geschafft zu haben.

Wieder sind wir von der Aussicht mitgerissen. Mit einem Blick kann ich über die ganze Insel schauen. Von den Wolkenkratzern Honolulus, bis zum Waikiki Beach und unserem Hotel. Auch den Flughafen kann ich erahnen.

Hier oben stelle ich mich an das Geländer und kann nicht genug Fotos schießen. Ein paar Leute neben mir breiten ihre Arme aus und schließen ihre Augen. Warum, frage ich mich. Schließlich kann man so die Aussicht garnicht genießen.

Etwa 19826 Fotos, oder einer Dreiviertelstunde später, ist unsere Zeit zu Ende, und wir müssen uns auf den Weg nach unten zu machen, um den Bus zurück nicht zu verpassen. Obwohl der Weg nach unten der gleiche ist, kommt mir der Weg irgendwie anders vor. Vielleicht ist das dadurch bedingt, dass wir nach unten nur etwa die Hälfte der Zeit benötigen.

Unten angekommen löse ich endlich mein Versprechen ein, das ich mir selbst gegeben hatte…


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