Reise ins Paradies 1/2

Ach, jetzt wo ich so darüber nachdenke, hätte ich vielleicht doch ein wenig früher ins Bett gehen sollen. Wo ich gestern noch bis neun unterwegs war, liege ich jetzt, um kurz vor drei am Morgen mit einem schrillen Wecker im Ohr in meinem irgendwie ungemütlichen Bett. Verantwortungsbewusst gebe ich mich nach ein mal umdrehen aber meinem Schicksal hin und stehe auf, zu meinem Handy, um dem nervenden Gefiepe ein Ende zu bereiten. Duschen, Zähneputzen, und noch ein paar letzte Sachen zusammen suchen. Gerade als ich, natürlich habe ich schon alles eingepackt, die Checkliste meiner Organisation durchgehe, sehe ich mich der ersten Hürde entgegen. Ich hatte gewusst, das ich irgendetwas vergessen würde, aber das es schon gleich der zweite Stichpunkt auf der Liste wäre, damit hätte ich nicht gerechnet. Also packe ich entnervt alles wieder aus und frage Heather. „Hast du meine Krankenversicherungskarte?“ „Ich habe sie zuletzt vor fünf Monaten gesehen“.  

Die letzten Dinge…

Eine halbe Stunde später, inzwischen ist es zehn nach vier, sitze ich im Auto nach Detroit. Neben mir eine große Tasche und mein Rucksack. Darin, in meinem Portemonnaie, ein Stück Papier mit meiner Versicherungsnummer, meinem Namen und noch ein paar Infos. Naiv hoffe ich, das ich mir in der nächsten Woche kein Bein breche beim Wellenreiten und in keinen Vulkan falle. Was soll auch schief gehen…  

Eingecheckt habe ich bereits im Internet, muss nur noch meine Tasche abgeben und mein Ticket ausdrucken. Wir nähern uns inzwischen dem Flughafen. Ich erwische mich dabei, ein wenig zu zittern, allerdings nicht aus Angst, sondern aus Vorfreude. Vielleicht auch Kälte, noch immer sind es Minusgrade im verschneiten Michigan. Zuhause habe ich noch aus Gewohnheit nach meiner dicken Winterjacke gegriffen, als ich das Haus verlassen habe. Nur mit meiner dünnen Sommerjacke bin ich, zumindest gefühlt, dem Erfrieren sehr nah auf den paar Metern von Parkplatz zum Terminal. Das Terminal und das Parkhaus verbinden ein paar Rolltreppen und ein langer Gang. Kennst du diese langen Förderbänder, die es immer in langen Flughafenhallen gibt? Ich finde, dass das allein schon ein Grund genug ist, um zu fliegen. Dass nicht inzwischen jede Innenstadt mit diesen faszinierenden Beförderungsmaschinen ausgestattet ist, sehe ich als menschliches Versagen. Vielleicht ist es an der Zeit, ein innovatives Startup zu gründen.  

Beeindruckt setze ich einen Fuß in das Terminal N und bin auf der einen Seite fasziniert vom bunten Treiben unter mir, zum einen besorgt über die Menschenmassen, die mich vom Sicherheitscheck trennen. Wie eine Katze auf der Lauer schleiche ich die Treppe herunter und lasse mich einen Moment lang von der Faszination Flughafen mitreißen. Ein Schmelztiegel der Kulturen, ein Ort an dem irgendwie alle gleich sind. Es riecht nach Menschen, Druckertinte, Kaffe, und abgegriffenem Plastik. Die grelle Beleuchtung lässt hier Tag und Nacht verschwimmen. Obwohl ich gerade im Auto noch geschlafen habe, bin ich jetzt hellwach und konzentriert. Obwohl Fliegen inzwischen unumständlich und idiotensicher ist, bin ich beim CheckIn auf dem großen Touch-Display hoch fokussiert.

Ob ich ein Baby mit mir trage? Ich werfe erst Paul, dann Heather einen Blick zu, vermutlich aus Angst irgendwas falsch zu machen. Nach kurzer Überlegzeit klicke ich zuversichtlich auf „Nein“. Wir alle lachen, ich habe sichtlich zu lange gebraucht. Meine Tasche bekommt einen dieser fancy Klebestreifen umgehängt und wird von einem Mitarbeiter unsanft auf das Gepäckband geworfen. Ob es daran liegt, dass die Tasche die Aufschrift „Lufthansa“ trägt? Ich fliege mit American Airlines. „Vielleicht hätte sich eine andere Tasche in dieser Situation besser gemacht“, denke ich laut, als ich vom CheckIn-Counter zum Sicherheitscheck laufe…  

So aufgeregt wie ich bin, scheine ich sehr schnell zu laufen, denn Heather und Paul habe ich schon um ein paar Meter abgehängt. Ich warte kurz. Die Schlange vor dem Sicherheitscheck hat sich seit ich das letzte Mal geschaut hat, nicht verkleinert, im Gegenteil. Also verabschiede ich mich, und reihe mich in der langen Schlange ein. Ein paar scharfe S-Kurven später, bedingt durch das Absperrband, werde ich von einer Sicherheitsfrau angeschrien, weiter aufzufüllen, was mich dazu veranlasst, mich zu fragen, worin eigentlich der Unterschied zwischen diesem Jobzweig und einem Marktschreier besteht. Gibt es überhaupt einen? Ist es im Prinzip nicht völlig gleich, oben man mit heiserner Stimme Menschen anschreit, oder das neueste Gemüse bewirbt?  

Die Schlange teilt sich in vier kleinere Schlangen vor vier kleinen Podesten mit Beamten, die Pässe kontrollieren. Unbewusst habe ich mir den coolsten aller Beamten ausgesucht. Vor mir steht ein älterer Mann mit einem langen weißen Bart. Der Beamte schaut auf das Passfoto.  

„Steve, wir haben ein Problem“, sagt er mit einem wirklich besorgten Unterton. „Du musst den Bart abrasieren.“. Steve schaut entsetzt und krault sich bescheiden den langen Bart. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Steve ist garnicht zu lachen zu Mute. Nach ein paar Sekunden muss auch der Beamte anfangen zu lachen und lässt Steve passieren. Beim Block auf mein Foto, das nun drei Jahre alt ist, bekomme ich nur gesagt, das ich ja ordentlich gewachsen sei. Das mag stimmen, zwar sind meine dicke Nase und meine blauen Augen noch wieder zu erkennen, trotzdem ähnelt der 13-Jährige Jonas mit seidenglatter Haut, und dem runden Babygesicht mir nicht mehr all zu sehr.  

Als nächstes lege ich meinen Computer und meine PowerBank in die kleinen Kästen, um sie durch den X-ray schieben zu lassen. Hier scheint es mit der Sicherheit nicht so genau genommen zu werden, wie damals in Chicago, als ich Hoodie, Schuhe und Jacke ausziehen musste. Heute kann ich einfach so durch den Metallscanner marschieren. Wie eigentlich immer, habe ich vergessen, meinen Computer aus seiner Hülle zu ziehen, also muss er noch einmal durchleuchtet werden. Keine Probleme soweit. Befreit atme ich auf, als ich aus dem Securitybereich stapfe. Ich blicke nach links, ich blicke nach rechts. Meine nächste Aufgabe ist es, Gate D28 zu finden. 

Gefunden! Zugegeben, Gate D28 lag direkt hinter dem Sicherheitscheck, trotzdem bin ich stolz, es bis hier hin ohne elterlichen Einfluss geschafft zu haben. Noch eine gute Stunde muss ich warten, bis das Boarding beginnt, also schnappe ich mir einen der Sitzplätze am Gate. Hin und wieder werden willkürliche Namen ausgerufen, nie kommt jemand. Vermutlich ist das der Grund, warum sie ausgerufen werden, denke ich so vor mich hin. Innerlich bin ich noch immer aufgeregt. Durch das gigantische Fenster habe ich freien Blick auf unsere Maschine, eine Boeing 737, die von den winzig scheinenden Flughafenarbeitern auf eine sehr wuselige Art und Weise beladen wird. Ich bin fasziniert, wie ein so komplexes Flughafensystem, das täglich tausende Menschen abfertigt, zusammenarbeitet und -hält. Ein bisschen funktioniert es, wie in einer Ameisenkolonie. Tausend Zahnräder, die perfekt ineinander fassen, können, richtig angeordnet, eine Uhr ergeben. In der Wissenschaft nennt man dieses Phänomen „Emergence“, oder subtil: Viel dummes ergibt etwas schlaues. Doch nicht nur das Prinzip „Emergence“ fällt mir auf.  

Hinter die Reihe von Stühlen, in der ich sitze, wird ein Mann mit seiner Frau geschoben. Obwohl beide offensichtlich noch laufen können, sitzen beide im Rollstuhl und werden von zwei Servicekräften geschoben, worüber ich nicht urteilen möchte. Der prominent auf seinem Kopf platzierten Kappe zu entnehmen, ist der Mann Kriegsveteran aus Vietnam. Der Mann ist nicht der erste Veteran, den ich in den USA sehe, trotzdem fällt er mir dieses mal ganz besonders auf. Immer wieder kommen Menschen aus dem Nichts und danken ihm, für seine Dienste am Land. Vor allem weiße Männer sehe ich. Fast wie ein berühmter, schüttelt er eine patriotische Hand nach der anderen. Es ist interessant, wie mit einem Krieg so unterschiedlich umgegangen wird. Vor einem guten Jahr habe ich mit meinen eigenen Augen in Vietnam noch eine ganz andere Interpretation des Vietnamkriegs gesehen.  

Falls du dich für Vietnam interessierst, hier habe ich für vivanno.de von meinem Besuch ganz unterschiedlicher Menschen in Vietnam berichtet.

Dann geht es endlich los. Als angesagt wird, dass das Boarding jetzt beginnt, springe ich enthusiastisch auf, um allerdings kurze Zeit später fest zu stellen, dass ich in Boarding Gruppe 9 bin. Von 9. Ich sitze in Reihe 8, also fast ganz vorne. Da das Flugzeug von hinten nach vorne aufgefüllt wird, bin ich einer der letzten. Bevor allen anderen wird jedoch der Kriegsveteran in die Maschine geschoben, zusammen mit seiner Frau und noch ein paar anderen Auserwählte. Dann sind erst die Business- und Economy Class, und danach alle restlichen dran.

Vom Finger zum Flugzeug…

Tatsächlich sitze ich fast direkt hinter dem kleinen Economy Teil, der durch eine Wand und einen kleinen Vorhang abgetrennt ist. Frustriert muss ich feststellen, dass sich auf meinem Platz, Nummer 8e, schon dekadent eine Frau niedergelassen hat, die natürlich keine Ahnung hat. Für einen Moment fühle ich mich, als würde ich Bahn fahren. Naja. Mit einer Loriot Szene im Flugzeug im Hinterkopf, weise ich die Frau freundlich darauf hin, dass sie auf meinem Platz säße, ich jedoch gerne ihren Platz einnehmen würde, da sie ja schon säße. „I appreciate it“, entgegnet sie, und scheint fast ein wenig gerührt zu sein. Schon immer „konnte ich gut“ mit gutmenschlich fürsorgenden Amerikanerinnen, was in Vergangenheit nicht nur zum Überkonsum von Pancakes geführt hat. Anstatt also in der Mitte von zwei Amerikanerinnen sitze ich nun zwischen einer anderen Amerikanerin und dem Gang, was mir die Möglichkeit gibt, mich auch ein wenig auf den Gang zu lehnen, da ich den Armlehnen-Kampf von Anfang an verloren hatte.  

Captain Luke stellt sich vor, und liest uns pflichtbewusst das Wetter in Dallas vor, wie es sich als Captain nunmal gehört. Jahrelang wollte ich selbst Pilot werden, habe sogar Flugstunden genommen und auch die Theorie gelernt. Nur für diese Ansage. Würde Captain Jonas (sehr amerikanisch ausgesprochen) nicht perfekt klingen? Zumindest hat es das in meinem Kopf, doch als ich „älter wurde“ habe ich schnell das Interesse am Fliegen verloren. Während wir langsam zum Runway rollen, überlege ich, ob ich es wohl immer noch schaffen würde, eine Passagiermaschine wie diese hier zu landen. Schnell beschließe ich, dieser Frage lieber nicht live auf den Grund zu gehen und mich ganz auf Captain Luke zu verlassen. Der weiß schon, was er tut. Hoffe ich.  

Langsam rollen wir zum Runway und beschleunigen erst langsam, dann immer schneller und schneller. Ich erhasche einen Blick aus dem Fenster und sehe die Erde auf eine zauberhafte Weise schnell kleiner werden. Magisch. Schnell jedoch ist von der Erde nicht mehr viel zu sehen; wir fliegen durch eine dicke Kumuluswolke, die nach ein paar Sekunden die Sicht auf alles andere versperrt. Ein paar weitere Sekunden vergehen. Ich genieße es, in den Sitz gepresst zu werden und fühle langsam, wie sich Druck auf meinen Ohren aufbaut. Die Wolke verzieht sich und lässt auf die gerade aufgegangene Sonne blicken. Ein Kind hinter mir schreit: „Look, Mum!“. Blutrot, orange fadet das Sonnenlicht in die Wolken, die aussehen, wie Schnee. Obwohl ich in den letzten Tagen genug Schnee gesehen habe, genieße ich die Aussicht.  


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Morgen kommt Teil 2!

2 Kommentare zu „Reise ins Paradies 1/2

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