Von Schnee, Eis und Notsituationen

Entsetzung, Bestürzung, vielleicht sogar Verzweiflung macht sich in mir breit. Doch nicht etwa wegen eines kalten Kaffees, dem Verlust von Geduld mit einem Computer oder dem amerikanischen Präsidenten. Ich fluche heute darüber, dass ich nun schon seit Tagen zuhause sitze. Gelangweilt sitze ich da. Normalerweise würde ich jetzt in der Schule sein, doch schon letze Woche hat unser Schuldistrikt beschlossen, die Tore für Schüler zu schließen. Seit die Schule dieses Jahr wieder angefangen hat, ist sie, um es verharmlosend auszudrücken, des öfteren mal ausgefallen. Einer der zwei Gründe, die Schule ausfallen zu lassen ist der Zustand der sowieso schon schlechten Straßen. Michigans Straßen sind etwa mit denen in einem 50 Mann-Dorf in tief Brandenburg zu vergleichen. Teils ist die Lage so desaströs, das „Dominos“, ein Pizza Franchise, sich dazu entschlossen hat, eine Initiative mit dem Namen „Paving for Pizza“ ins Leben zu rufen, damit die Pizzas durch Schlaglöcher in den schlechten Straßen nicht vom Beifahrersitz fallen. 

I will fix the damn roads!!

–Gretchen Whitmer, Gouverneurin Michigan

Der andere Grund für einen Schulausfall sind die Temperaturen. Mit -17 Grad (Celsius) ist es hier, zumindest heute, kälter als am Nordpol mit sommerlichen -10 Grad. Was klingt, wie ein die Fassung verlierender Wettermann in der Tagesschau, der jetzt außer Kontrolle mit Fachwörtern um sich wirft, ist garnicht so schwer zu begreifen, wie es sich anhört. Über dem Nordpol bewegen sich zwei entgegengesetzte Wirbel, der Polar Vortex und der Jet Stream Wenn der Polar Vortex stark ist, hält das den Jet Stream in Zaum, sodass die kalte Polarluft dort bleibt, wo sie hin gehört. Wenn der Polar Vortex jedoch schwach ist, ufert der Jet Stream aus und bringt den ungebetenen Gast namens Polarluft auch in die nördlichen Staaten der USA. Nun immigriert die Polarluft in einem Ausmaß, das nur mit mexikanischer Einwanderung zu vergleichen ist. Ob eine Mauer helfen würde? 

Jedenfalls sitze ich immer noch da. Inzwischen ist Jonas herübergekommen um mich in meiner Verzweiflung beizuwohnen. Wir verzweifeln zusammen. 

Gestern hat die Regierung von Michigan offiziell den Notstand ausgerufen, aufgrund von „lebensbedrohlichen Temperaturen“. Ich frage mich, ob es in etwa so eine Situation wie in Deutschland ist. Der Innenminister tritt vor die Kamera. Er beginnt über eine Bedrohung zu sprechen, und das die Menschen keine weiteren Fragen stellen dürften, damit keine Verunsicherung aufkommen würde, was natürlich erst alle Fragen aufkommen lässt. Etwa genau so beunruhigend, wie Thomas De Maizières Pressemitteilung nach einem abgesagten Spiel der Nationalmannschaft war es gestern, als ich mit Christian, Adam und Austin einen Schneekrieg angezettelt habe. Rückblick gefällig?

Eine halbe Stunde vor Kriegsbeginn haben wir angefangen, eine Basis aufzubauen. Mein Teampartner Adam und ich haben uns dazu entschlossen, uns im kleinen Spielhaus in unserem Garten zu verschanzen. Zusätzlich dazu haben wir eine hohe Schneemauer errichtet, die das Eindringen in unsere Basis ins unmögliche erschwert. Naja, fast. Mit der Präzision einer Baseball Wurf-Maschine schleudern wir nun Schneebälle, die inzwischen fast zu Eis ausgehärtet sind, auf die Gegner. Christian und Austin haben drei schützende Mauern aus Schnee errichtet. Misstrauisch blicken beide über die Mauer aus Schnee, die nicht nur bedrohlich höher, als unsere, sondern auch deutlich härter zu sein scheint. Zusammengeknäult rollen wir uns nach dem etwa zehn minütigen Distanzkampf nun aufeinander im Schnee. Durchnässt stapfen wir nach diesem schnell eskalierten Kampf wieder herein. Heute, einen Tag später sitze ich nun immer noch da. Nichtstuend, mich selbst bemitleidend lege ich die Füße hoch, auf den kleinen Doppelhocker, der vor der Couch steht, auf der ich die letzte Zeit verbracht habe. Mein Handy spring an. Ich bekomme einen „Emergency Alert“, direkt von Gouverneurin Whitmer. 

Um Gas zu sparen, bittet sie darum, die Thermostate auf 65 Grad Fahrenheit (=18 Grad Celsius) herunter zu drehen. Es gibt bedenken, das es sonst nicht ausreichen könnte für alle. Brav gehen Christian und ich zum kleinen Kontrollkasten und drehen runter. Ob es die ersten Zeichen einer untergehenden Welt sind? Ist die Apokalypse nah, und wenn ja, ist es die Schuld von Scientology? Für mich ist das untergehende Michigan nur von einer vergleichsweise kleineren Bedeutung in der nächsten Zeit.

Warum, fragst du dich? Scrolle herunter…

4 Kommentare zu „Von Schnee, Eis und Notsituationen

  1. Hallo Jonas,
    danke für Deinen Bericht. Das klingt ja fürchterlich. Wenn auch die von Dir geschilderten Umstände ganz fürchterlich klingen (brrrr…), so rufe ich Dir zu: „Halte durch und sei Dir bewusst, dass ganz viele an Dich denken.“
    Das Wetter hier ist bestimmt nicht mit dem, welches bei Euch herrscht, zu vergleichen, aber es ist auch trostlos. Wir wünschen uns auch endlich Sonne und Wärme.
    Ich wünsche Dir, dass alle, die an Dich denken, zumindest Dein Herz erwärmen mögen.
    Mach weiter so. Wir sind stolz auf Dich!
    Dein Freund
    Wolfgang

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    1. Lieber Wolfgang,
      ich danke dir für die aufmunternden Worte! Mit euch an meiner Seite ist die Arktikluft doch gleich viel erträglicher.
      Herzliche Grüße!

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  2. Hallo Jonas, mein Lieblingsneffe,
    das is ja mal so richtig kalt bei Euch, brrrrr!
    Und dann auch noch innen nur 18 Grad…heisse Milch mit Honig, kennt man das in USA?
    Zum Glück entkommst Du der Kälte, auf Hawaii wird es wohl schön heiss werden. In welche Stadt reist Du denn eigentlich? Oder wird das eine Rundreise?
    Ich schätze, Dir wird erstmal direkt bei der Ankunft eine Blumenkette umgehängt, so ist das doch da.
    Dann bist Du auf den Spuren von Magnum, alte Krimiserie, die dort spielte. War damals immer sehr cool.
    Bitte ein schönes Foto von den gigantischen Wellen am Meer und vielleicht siehst Du auch einen Vulkan. Da kannst Du den ganzen Schnee reinschmeissen….

    Ganz liebe Grüße aus good old Germany, bin sehr stolz, Dein Onkel zu sein.
    Wolfgang

    PS: Könnte Dich für ein Musikprojekt grade gut als Gitarristen gebrauchen, schade. Aber ein paar Sachen muss man sich halt aufheben for later opportunities
    PS2: Bestimmt denken jetzt alle in USA (falls dort jemand mitliest), das die meisten Menschen Wolfgang heissen…

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Wolfgang, Lieblingsonkel!
      Mit heißer Milch und Honig habe ich es nicht so, dem ziehe ich „Hot Apple Cider“ vor, sowas wie Apfelpunsch. Gut zum Aufwärmen von innen und von außen.
      Ich lande in Honolulu, werde aber ein bisschen herumwandern. So genau weiß ich es noch garnicht, aber das ist dann wohl der abenteuerliche Teil, der Reise. Hier wird auf jeden Fall noch ausführlich berichtet über die Reise und alles.
      Liebe Grüße!

      PS: Ein paar enthusiastisch mitlesende Amis haben sich tatsächlich schon gefragt, was dieses „Wolfgang“ bedeutet. Ist das so eine Art Vorsilbe für Namen, wie bei Siths das „Darth?“

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