Christmas in America

So richtig Weihnachtsstimmung habe ich eigentlich erst am Montagabend, dem 24. Dezember bekommen. Nicht nur weil mir sämtliche deutsche Freunde Fröhliche Weihnachten wünschen, sondern vor allem wegen dem „Candlelight Service“, einem kleinen Gottesdienst am Heiligabend, für den wir unser warmes Zuhause für eine knappe Stunde gegen die Kirche eintauschen. Die Kirche, zu der meine Gastfamilie und ich regelmäßig gehen trägt den Namen „Westhaven Baptist Church“, baptistisch also. Wie sich das von anderen christlichen Kirchen konkret unterscheidet? Nicht bedeutsam. Es wird an Gott, Jesus und sonst auch alles geglaubt.

In Zukunft werde ich auch über die Kirche hier, vs. die Kirche in Deutschland berichten. Versprochen.

Der Weihnachtsgottesdienst am Heiligabend ist in unser Kirche traditionell ein „Candlelight Service“. Das Kirchenschiff ist dunkler, beleuchtet nur von Kerzen auf den Fensterbänken und dem Tannenbaum, der vorne im Altarraum steht. Zusammen werden alte Weihnachtslieder gesungen und ein paar Freiwillige, darunter auch ich, lesen die Passagen der Bibel vor, in denen das Geschehen um die Weihnachtszeit beschrieben ist. Kleiner Spoiler: Jesus ist geboren. Genau darum geht es auch in der, diesmal etwas kürzeren, Predigt von Pastor Randy.

Völlig fasziniert davon, wie die Kerzen nach und nach das Kirchenschiff erhellt haben, hätte ich kein Foto machen können, deswegen hier ein Schnappschuss von der leeren Kirche, nach dem Gottesdienst.

Durch den Umstand, dass der 23. Dezember ein Sonntag ist, waren wir auch gestern schon in der Kirche, allerdings am morgen. Auch dort habe ich mitgewirkt. „Die Jugend“ unser Kirche, bestehend aus Christian, mir und zwei anderen Jungs: Jesse und Tylor, haben ein paar Dinge vorgetragen. Wochenlang haben wir einen kleinen Skit vorbereitet, in dem es, Überraschung, um die Weihnachtsgeschichte geht. Die Geschichte wird in unserem Stück allerdings ein wenig anders erzählt – Aus der Sicht eines Gastwirtes. Genauer, der Gastwirt, der am Heiligabend so ein merkwürdiges Paar abweisen muss, weil seine Gaststätte einfach voll ist. Irgendwie hat der Gastwirt jedoch Mitleid…

„So I made them an offer that would made my mother roll over in her grave. I said: ‘You can have the barn, that’s all I have.‘“

– Stuart

Später stellt sich heraus, dass die Frau Schwanger ist, mit einem Kind, das wenig später als Messias die Welt verändern würde.

Jedenfalls kommt dann als erstes ein verwirrter Passant auf die Bühne, der den Gastwirten auf den Stern über seinem Stall aufmerksam macht.


Danach kommt, wie von der Tarantel gestochen, ein Hirte auf die Bühne gerannt. Schreiend und außer Atem erzählt er, dass ihm ein Alien, der sich später als Engel herausstellt, eine frohe Botschaft ins Gehirn gebrannt hat, die er jetzt jedem erzählen muss. Nach dem Hirten betritt Reuben King, “Wisemen, my pleasure.“, im Anzug gekleidet und mit Aktenkoffer ausgestattet, die Bühne um die Situation aufzuklären. Es gibt keine Aliens, das waren nur Engel. Das Kind, das gerade in einer Krippe geboren wurde heißt Jesus und ist der Sohn Gottes.

“I gonna be straight with you, I gonna be cerk, I gonna be Captain Kirk.“

– Reuben King, Wisemen

Nach dem “Candlelight Service“ gehen wir alle nach Hause. Auch Samantha und Zachary, meine beiden Gastgeschwister, die nicht mehr zuhause wohnen, kommen nach Hause und schlafen an Heiligabend zuhause, schließlich haben wir mehr als genug Platz (augenzwinker). Den Rest des Abends machen wir uns es alle zusammen gemütlich. Im großen Wohnzimmer hat es sich jeder gemütlich gemacht, es läuft Football. Hier und da unterhalten wir uns.

In meiner Austauschorganisation YFU wird häufig vom Weihnachtsblues geredet. Damit ist gemeint, das es Austauschschüler an Weihnachten häufig am schwersten haben. In dieser Mitte des Austauschjahres ist das Heimweh meistens am größten, schließlich würde man sonst mit der deutschen Familie Weihnachten feiern. All das fällt weg und wird durch ein Weihnachtsfest eingetauscht, das völlig anders ist.

Auch wenn ich während der Weihnachtszeit besonders viel Kontakt mit meinem deutschen Familien- und Freundeskreis hatte, hat mich der Weihnachtsblues nicht gepackt. Wo ich mit meiner ganzen Familie so auf dem Sofa saß und Football geschaut habe, habe ich viel mehr das Gegenteil verspürt. Jetzt, vier Monate nachdem ich, so naiv und unvorbereitet in ein fremdes Land gestartet bin, habe ich tatsächlich das Gefühl, angekommen zu sein. Ich habe Freunde gefunden, verstehe mich mit meinem gesamten Umfeld hervorragend. Ich bin außerdem glücklich von meiner Familie so herzlich aufgenommen worden zu sein. Ich fühle mich zuhause. Mit diesem Gefühl des Angekommenseins und der Zufriedenheit, ein Zuhause gefunden zu haben bewege ich mich an diesem Abend nicht all zu spät in Richtung Bett.


Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich ein komisches Gefühl. Ich bin aufgeregt. Jeder kennt es, dieses Gefühl eines kleinen Kindes am Geburtstagsmorgen. So richtig weiß man nicht, ob man durch das Haus rennen, und jeden aufwecken, oder ob man lieber noch ein wenig liegen bleiben, und sich „wecken lassen“ soll. Ich entscheide mich dafür, einen Blick vor meine Zimmertür zu wagen. Gegenüber meiner Tür: Niks und Christians Zimmer. Durch den Türspalt sehe ich Christians Füße reglos liegen, auch aus Niks Zimmer ist nichts zu hören. Beide schlafen also noch. Ein Blick um die Ecke gibt die Sicht auf eine schlafende Samantha frei. Sie hat es sich auf dem Sofa, das bei uns im Loft steht, gemütlich gemacht. Familie Harris sind eine Langschläfer.

Bis 9 Uhr dauert es noch, bis ich, alarmiert durch eine Person, die die Treppe herunterläuft, erneut einen Fuß vor meine Zimmertür setze. Es entpuppt sich, dass Christian aufgewacht ist. Ich folge ihm, die Treppe herunter.

Dabei kann ich zum ersten Mal heute einen Blick auf unseren Weihnachtsbaum erhaschen. Der kleine Berg von Geschenken unter dem Baum ist über Nacht noch ein wenig mehr gewachsen. Schon die Tage zuvor konnte man beobachten, wie jeder seine Geschenke unter den Baum stellt. Heimlich natürlich. Auch ich habe in den letzten Tagen meinen Teil dazu beigetragen. Nik und ich haben in völlig europäischer Tradition beschlossen, uns nichts zu schenken. Dafür haben wir beide ein neues Headset für Christian besorgt. Heather und Paul bekommen zwei Filme von mir.

Unten angekommen sehe ich nicht nur Zach, der noch schlafend auf dem Sofa liegt, sondern auch, das unsere „Stockings“ gefüllt wurden. Die Stockings sind die typisch Amerikanischen Socken, die man am Vorweihnachtsabend, also in Deutschland Heiligabend, an den Kamin hängt (alternativ auch an Hacken, wenn kein Kamin zur Verfügung steht). Über Nacht kommt Santa und füllt nicht nur die Stockings der Kinder, sondern legt auch Geschenke unter den Baum.

Meine Socke ist die zweite von rechts, in weiß mit einer grünen Spitze.

…und Santa meint es nicht zu schlecht mit uns, denn unsere Socken sind prall gefüllt. Ich bin aufgeregt. Da wir keinen Kamin haben, hängen die Stockings auf einem hübschen Ständer, auf dem Heather ein paar Schneemänner platziert hat.

Hinter mir, in der Küche hat Heather gerade schon angefangen, Tom den Truthahn mit „Stuffing“ zu befüllen. Stuffing ist eine Füllung, bestehend aus Brot, die traditionell im Truthahn zubereitet wird, um dann wieder herausgeholt, und separat gegessen zu werden.

Derweil machen Christian und ich mich daran, die Zimtschnecken, die es zu Weihnachten meistens gibt, zu kosten. Mit einer Menge Topping und (Geheimtipp) 20 Sekunden in der Mikrowelle ist die zimtige Schnecke von innen warm und weich und köstlich.

Kurze Zeit später sind auch alle anderen aufgewacht und wir versammeln uns im Wohnzimmer. Endlich, das warten hat ein Ende und wir dürfen endlich Geschenke auspacken. Christian springt auf und verteilt die Geschenke, die alle mit Namen versehen sind. Auch ich bekomme ein paar Geschenke. Einen Weihnachtlichen Beutel, eine kleine, eine mittlere, eine große, und eine riesige Box.

Zum Glück gibt es noch eine weitere Tradition, was das Geschenke auspacken angeht: Der Jüngste fängt an, was ich natürlich sehr zu schätze weiß, schließlich sind Christian und Nik schon 17, wo ich noch 16 bin. Also fange ich an mit dem mittleren Geschenk an. Eine Trinkflasche!

Der imaginäre Ball wird weitergereicht. Der Altersreihenfolge nach ist nun Christian, dann Nik, dann Zach, und dann Sam dran. Meine große Box stellt sich als eine Carcassonne Erweiterung heraus, genauer die dritte von drei. Sherlock Holmes artig stellen wir fest, das Christian und Nik vermutlich auch eine Spielerweiterung haben. Carcassonne ist ein Spiel, das ich aus Deutschland als Gastgeschenk mitgebracht habe. Es geht darum, Städte, Straßen und Klöster zu bauen. Dabei gibt es viele Karten, die dann zusammengelegt zu gigantischen Landschaften anwachsen (können).

In der Tüte finde ich eine Tasse mit Oakland University Patch, Christians College, das er, nachdem er mit der Highschool fertig ist, besuchen wird. Alle von uns haben Oakland „Merchendise“ bekommen, also Tassen, T-Shirts oder Mützen. Das ganz große Packet hebe ich mir bis zum Schluss auf. Ich kann es kaum erwarten, das große Packet endlich auszupacken, eine Idee, was drin sein könnte, habe ich nicht. Wie ein Kind, das Geburtstag hat, stürze ich mich, als ich endlich an der Reihe bin, auf das Geschenk und packe es aus. Unter dem Geschenkpapier enthüllt sich eine große Pappschachtel. In der Pappschachtel findet sich mein Geschenk: Eine Kuscheldecke. Eine Seite ist mit Amerika Flaggen bedeckt, die andere mit Tennisbällen.

Verrückt, Santa kennt mich nur zu gut. Seitdem ist die Kuscheldecke bei mir in ständiger Benutzung und darf auf der Heimreise nicht fehlen, oder wie Paul es sagen würde:

„We figure something out.“

Nachdem alle Geschenke ausgepackt wurden, bleiben noch unsere Stockings.

Unter meiner neuen Decke hervorragend, sieht mein Stocking erschreckend Echt aus…

In meinem Stocking finde ich jede Menge Schokolade und Gummibärchen. Überrascht bin ich vor allem von einer Tüte Lindt, ist das nicht eine deutsche Marke? Wir fragen Google, denn Heather hat von Paul einen Google Home bekommen. Wie sich herausstellt, kommt Lindt aus der Schweiz.

Nachdem wir Geschenke ausgepackt haben ist es etwa halb elf. Bis Tom fertig zubereitet ist, dauert es noch ein wenig und es bleibt Zeit für eine weitere Weihnachtstradition im Hause Harris. Wie klein doch die Welt ist, denke ich mir, denn in meinem deutschen Zuhause haben wir die gleiche Weihnachtstradition. Weihnachten ist einfach nicht Weihnachten ohne „Christmas Vacation“, den berühmten Film mit Chevy Chase. Während bei Familie Griswold so ziemlich alles schief geht, was schief gehen kann, wird bei Familie Harris erst einmal aufgeräumt (Komm, wir schmeißen einfach alles ins Treppenhaus). Mich interessiert, wer noch alles „Christmas Vacation“ an Weihnachten schaut, schreibt mir doch mal einen Kommentar.

Nachdem sich am Ende des Films alle in den Armen liegen und Weihnachtslieder singen, bleibt noch ein wenig Zeit für ein professionelles Football Game im Garten.

…im Pyjama.

Team Europa spielt gegen Team Amerika im großen „Backyard Cup“. Wer gewonnen hat? Ich denke mal, die Antwort ist klar, ich kann nicht einmal einen Football gerade werfen. Immer noch frage ich mich, warum Bälle nicht einfach rund sein können, würde das nicht alles unheimlich vereinfachen?

Pünktlich zum Essen kommen wir rein. Tom, das Stuffing, Mashed Potatoes, Gravy und Mais sind genau so lecker wir auch schon an Thanksgiving.

Nach dem Essen haben wir endlich Zeit, die neuen Carcassonne Erweiterungen auszuprobieren. Was folgt ist ein Carcassonne Battle, das es in sich hat.

Nik, Sam, Christian, Zach und ich kämpfen hart, und im Gegensatz zum Football, habe ich hier eine tatsächliche Chance, zu gewinnen. Und ich nutze sie. Der stolze Gewinner dieser Carcassonne Runde kommt aus Deutschland.

Mit diesem kleinen Erfolgserlebnis enden meine „Christmas Celebrations“. Das erste mal in meinem Leben habe ich Weihnachten nicht zuhause verbracht, obwohl…?


Wenn dir mein Weihnachtsfest gefallen hat, hinterlasse mir doch deine E-Mail und folge mir auf Instagram, und ich halte dich immer auf dem Laufenden über neue „JonasJourneys“!

2 Kommentare zu „Christmas in America

  1. Hi Jonas, wieder ganz wunderbar geschrieben 👍😃 es macht wirklich großen Spaß, Deinen Aufenthalt aus der Ferne ein klitzekleines Bisschen zu verfolgen . Wir freuen uns auf die Fortsetzung 👍 Ein schönes neues Jahr und weiterhin ganz viel Spaß in der Ferne wünschen Dir Julia, Julius und Joachim

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