Thanksgiving

Thanksgiving ist eine besondere Zeit hier. Hier möchte ich, JonasJourneys-untypisch einmal zusammenfassen, wie ich das amerikanische Erntedankfest so verbracht habe.  

Auf die Frage, wann meine „Thanksgiving Celebrations“ eigentlich angefangen sind, ist keine Antwort zu geben. Was jedoch außer Frage steht, ist, dass sich das Gemüt der Amerikaner in der Thanksgiving Zeit ändert, und mit ihrem auch meins. Als Christian Nik, mich und sich selbst am Montag zur Schule fährt, ist die Stimmung demütiger als sonst, wir unterhalten uns über die kommenden Tage, im Hintergrund läuft Jingle Bells Rock (natürlich im Trap-Remix). Heute und morgen gehen wir noch zur Schule, den Rest der Woche haben wir frei. Wo für Mittwoch noch keine konkreten Pläne vorliegen, steht am Donnerstag das eigentliche Thanksgiving Fest an. Am hinter uns liegenden Wochenende haben wir bereits ein großes Thanksgiving Dinner mit der Kirchengemeinde veranstaltet. Dem fielen fünf große Truthähne zu Opfer. Unser Köchin in der Kirche Andrea macht in Sachen Truthahn so leicht keiner was vor, so viel steht fest. Noch immer bin ich satt.  

In der Schule läuft im Schnitt auch alles ein wenig langsamer ab, am Dienstag hat sich mein Denkfluss dann so sehr verlangsamt, dass ich es schaffe, in einem Mathe Test durchzufallen. 11 von 28 Punkten, reife Leistung, sagt auch meine Lehrerin, die mir nach dem Test noch einmal kurz erklärt, was ich eigentlich hätte machen müssen. Immerhin weiß ich es jetzt. Thema des Tests waren binomische Formeln, in Deutschland ungefähr der Punkt, an dem ich irgendwie aufgehört habe, gedanklich mitzuziehen.  

Den ganzen Mittwoch reden wir schon darüber, wie der morgige Tag wohl so ablaufen würde, und dann ist es endlich soweit. Schon früh am Donnerstagmorgen hatte Heather angefangen, einen Truthahn zuzubereiten.  

Sein Name ist Tom. 

Ganz typisch wird Tom lange gekocht und am Mittag, zum großen Thanksgiving Dinner, serviert. Gegen Mittag trudeln Tylor und seine Großmutter, im Hau meiner Gastfamilie Thanksgiving Stammgäste, ein. Zachary und Samantha, Christians größere Geschwister kommen an Thanksgiving auch nach Hause. Vor dem Dinner, das eigentlich mehr ein Lunch ist, bleibt Zeit um sich draußen ein paar Footbälle, und Schneebälle, zuzuwerfen. Nach einiger Zeit muss ich, unter Beschuss stehend, nach drinnen fliehen. Einige Momente kommen auch die anderen herein, gerade richtig zum Essen. Christian wird die äußerst wichtige Aufgabe des Schinken Schneidens zugewiesen, hochkonzentriert macht er sich an die Arbeit. Alle wuseln in der kleinen Küche herum und tragen das Essen auf den Tisch.  

Auf dem fein gedeckten Tisch ist inzwischen fast kein Platz mehr, weshalb Christian die „Cheesy Potatoes“ wohl oder übel direkt neben seinen Platz stellen muss, was für ein tragischer Zufall. Außerdem sind auf unserem Tisch „Mashed Potatoes“, also Stampfkartoffeln, Käse und Cracker, Tom (ein mal mit, ein mal ohne Haut) und ein paar Veggies. Später bringt Heather noch Breading, was etwa das selbe ist, wie Stampfkartoffeln, nur mit Brot. Das muss traurigerweise neben meinem Platz stehen.  

– Rezension des Thanksgiving Festmahl – 

Mashed Potatoes: gut
Tom: sehr gut
Cracker: gut
Cheesy Potatoes: Käse? Rückbauen!
Breading: ausgezeichnet
Mit dieser vorzüglichen Thanksgiving Mahlzeit im Magen verbringen wir den restlichen Abend, ganz traditionell, bei Grandma, ein paar Häuser weiter. Endlich lernen Nik und Ich den Rest meiner Gastfamilie in der großen Runde kennen.

Außerdem gibt es Geschenke (!). Grandma hat vor Jahrzehnten angefangen, für alle Familienmitglieder große Socken, sogenannte stockings, zu stricken. Wie es sich gehört, werden die Socken mit unseren Namen drauf an den Kamin zuhause gehängt und werden an Weihnachten, das übrigens am 25. Dezember ist, befüllt. Alle anderen bekommen von Grandma Weihnachtsschmuck für den Tannenbaum geschenkt. Hier ist es üblich, dass der Baum einer jeden Familie individuell auf seine Mitglieder zugeschnitten ist. Christian bekommt also eine Christbaumkugel, die aussieht wie ein Tennisball. In diesem Moment wird mir auch klar, warum in Frankenmuth Unmengen an Kugeln zu kaufen waren. Mit den „ornaments“ in der Hand fahren wir nach einem langen Thanksgiving Festtag gegen zehn Uhr Abends nach Hause und gehen schlafen, denn die Thanksgiving Celebrations gehen morgen weiter.  

Wer um diese Zeit im Jahr im Internet, oder sogar in einigen deutschen Geschäften herumtreibt, der hat es sicher schon einmal gehört: „Black Friday“, oder „schwarzer Freitag“, wobei das englische Original doch deutlich besser klingt, wie ich finde. Der schwarze Freitag hat seinen Namen daher, dass an diesem Freitag die Geschäfte schwarze Zahlen schreiben, was eine angebrachte Darstellung ist. In jedem Schaufenster der Stadt sieht man Angebote, auch im Internet ist alles günstiger. Regelrechte Menschenströme finden sich in allen Geschäften wieder, wild um Angebote streitend, Grünflächen werden zu Parkplätzen, Server sind überlastet. Ganz Amerika verfällt für einen Tag in den Shopping-Wahnsinn. Meistens gibt es jeden Black Friday Tote. Dieses Spektakel dürfen sich die Amerika-Neulinge Nik und ich natürlich nicht entgehen lassen, wobei wir hoffen, niemanden am Ende des Tages tot zu sehen. Schnell haben wir Paul überredet, uns zu „Kohls“, einem Geschäft für Klamotten, zu fahren. Nik ist auf der Suche nach einer neuen Winterjacke, ich brauche bloß Handschuhe und Mütze. Vor unseren Augen erstrecken sich geschätzte fünf Hektar Klamotten aller Art, aber vor allem Menschen. Unendlich viele Menschen.

Als sich eine halbe Stunde später Nik für eine Jacke, Mützen und Handschuhe entscheiden hat und ich mir Mütze und Handschuhe ausgesucht habe, müssen wir etwa eine Stunde an der Kasse warten.  Was wir in den nächsten zwei Geschäften kaufen, darf ich aus weihnachtlichen Gründen noch nicht verraten, was aber feststeht ist, dass die Schlangen um die Mittagszeit herum nicht deutlich abnehmen, einfach verrückt.  

Als es etwa ein Uhr ist, beschließt Paul, uns seinen Lieblings Thailänder in der Region zu zeigen. „Bangkok“ Star ist auf der Frequentierungsskala von 1 bis Geheimtipp eindeutig auf dem Ende der Skala einzusiegeln, das nicht in einer Zahl angegeben ist. Zusammen mit einer asiatischen Großfamilie sind wir die einzigen, die heute vorbeischauen. Natürlich kennt Paul den Betreiber, der beweist, das ein Patron nicht aus Italien kommen muss. Ich bestelle Nudeln, die ein bisschen in Öl ertrinken, Nik Frühlingsrollen, Paul irgendwas mit Reis. Ich schaffe meinen Teller voller Öl und Nudeln nicht ganz.  

Mit gefülltem Magen machen wir alle zuhause erst einmal eine Pause, bis es am Abend zum Höhepunkt des Black Friday kommt: Die große Thanksgiving Parade. Christian, Nik und ich fahren gegen halb sechs zusammen in die Innenstadt, zum Austragungsort der diesjährigen Thanksgiving Parade. Dort angekommen suchen wir uns, nachdem wir für etwa eine halbe Stunde einen freien Parkplatz Gesucht haben, einen Platz entlang der Route, den die Parade gehen wird. Wir entscheiden uns, uns neben die Brücke, die über das Black River führt, das Port Huron in Nord und Süd teilt, zu stellen, wo Grandma und ein paar andere Mutige der Familie auf uns warten, die es auf sich genommen haben, mit uns in der Kälte zu stehen. Alle Kinder, die nördlich des Black River wohnen, gehören zum Einzugsgebiet von Port Huron Northern, südlich davon gehen alle Schüler zu Port Huron. In der Vergangenheit hat es immer Stress zwischen „PH“ und „PHN“ gegeben (die Auseinandersetzung ist etwa mit Hamburg vs Werder Bremen vergleichbar), weshalb die Veranstalter der Parade sich die dazu entschieden haben, dass sich jedes Jahr abgewechselt wird mit der Eröffnung der Parade durch die jeweiligen Marching Bands. Dieses Jahr ist Port Huron Northern an der Reihe. Von Seiten unserer Schule hört man Bu-Rufe. Seit vielen Jahren, so erzählt man, stellt die PHN Marching Band unsere in den Schatten. Mit skeptischem Blick verfolgen wir also den imposanten Auftritt der blauen Instrumentalisten. Als nächstes sind einige weitere Attraktionen an der Reihe. Überall wird sich Fröhliche Weihnachten gewünscht (Ja, es ist November), Kinder schmeißen Süßigkeiten. Am Ende der Parade kommt dann unsere Marching Band. Die „Port Huron Big Red Marching Maschine“ liefert ab, und verlässt lächelnde Gesichter.

Inzwischen ist es halb neun und wir machen uns auf den Weg nach Hause und läuten das Ende der diesjährigen Thanksgiving Celebrations ein.  


Ich hoffe, dir haben meine Thanksgiving Celebrations genau so gefallen, wie mir. Folge mir doch auf Instagram, um keine Beiträge mehr zu verpassen! 

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