The States 2/2

Seit etwa zehn Minuten sitzen wir nun schon als einzige in Pauls etwas abgekühlten Pickup. „Das kann doch eigentlich nicht sein, dass sich drei Leute gleichzeitig versehen, oder?“, Frege ich lachend in die Runde. Zumindest mir, dem wohl vergesslichsten Menschen der Welt nach den beiden berühmten Senioren im Park, wäre es zuzutrauen. Doch dann sehen wir auf einmal eine Kolonne von Autos heranrollen. Nach und nach steigen mehr und mehr junge Tennisspieler aus den Autos. Ein paar Teams haben sogar einen eigenen Mannschaftsbus. Ein eigener Mannschaftsbus für eine Tennismannschaft an der Highschool? Immerhin habe ich ein eigenes Auto für mich, wenn man so will. Leider hat sich bei den Regionals unsere Mannschaft nicht für Michigans Meisterschaft qualifiziert, dafür habe ich es als „Individual Qualifyer“, durch meinen Sieg bei den Regionals geschafft, deshalb bin ich auch der Einzige unser Mannschaft hier. Unsicher steige ich aus dem Pauls Pickup aus und schnappe meinen Tennisschläger. Das erste was ich erkenne, wenn ich den großen College Campus betrete, sind dunkle Silhouetten auf den Tennisplätzen, die sich versuchen einzuspielen. Ja, sie versuchen es, denn einen Ball zu treffen bei fast kompletter Dunkelheit ist nahezu unmöglich. Ein paar mal lache ich kurz auf, als offensichtlich daneben geschlagen wird. Einmal bekommt jemand einen Ball in die Brust, spielt jedoch unbehelligt weiter. Je heller es wird, desto besser erkenne ich die Spieler und den Campus des riesigen College. Die „Hope College“-Tennisanlage besteht aus zwölf Plätzen. Sechs auf der einen, sechs auf der anderen Seite. Dazwischen ist eine art Erhöhung mit Zuschauerplätzen, und Platz für die Trainer darunter. Es ist bitter kalt, ich rolle mich innerlich ein wenig zusammen. Hinsetzen vermeide ich erstmal, ich stehe lieber um zumindest ein bisschen in Bewegung zu bleiben. Mein Chai Tea Latter erwärmt gleichzeitig ein bisschen meine Hände. Als erstes steht das „Coaches Meeting“ auf dem Plan. Paul begibt sich also unter die Überdachung. Wieder kommt er nicht nur mit einem kleinen Packet mit Namensschild für sich als Coach, denn nur Coaches dürfen auch coachen, sondern auch mit der Neuigkeit, das es um der Uhr regnen soll. Dementsprechend kurz wird dann auch das „Players Meeting“ gehalten, das kurze Zeit später auf dem Platz stattfindet. Nichts wirklich neues wird gesagt, alle bemühen sich, so schnell wie möglich anzufangen, um möglichst viele Matches vor dem Regen zu spielen.Nach etwas Wartezeit treffe öffne ich endlich zuversichtlich die Tür zum Platz. Mein Gegner lässt auf sich warten, also wärme ich mich schon mal ein wenig auf. Besonders weh tut das Dehnen der Oberschenkel an so einem frühen morgen. Dann fangen wir an zu spielen. Erste Bemerkung: Linkshänder, also umdenken. Wo normalerweise die Vorhand ist, ist bei meinem Gegner die Rückhand.

Dementsprechend fange ich also an, die Bälle anders zu verteilen. Auch wenn ich den ungewöhnlichen Spielstil nicht gewohnt bin, kann ich mich schnell darauf einstellen. Also verlasse  ich nach garnicht all zu langer Zeit mit einem breiten Siegergrinsen den Platz. Noch steht mein nächster Gegner nicht fest. Auf dem riesigen Tisch der Turnierleitung bin ich also ganz hinten in der Warteschlange. Genug Zeit, um nach eine entspannte Mittagspause zu machen. Auf dem Weg hierher, haben wir alle einen BurgerKing entdeckt, zu dem wir jetzt hinfahren. Bescheiden wie ich bin, bestelle ich allerdings nur eine Limonade, schließlich habe ich meine Wraps. Etwas schüchtern betrete ich mit meiner dicken Tupperdose in der Hand den ausladenden Verkaufsraum und setze mich, so unauffällig wie möglich an einen Tisch am Fenster. Kurze Zeit später stoßen Heather und Paul dazu. Kurz nachdem wir alle aufgegessen haben schleiche ich mich mit meiner Tupperdose wieder aus dem BurgerKing und steige in Pauls schwarzen PickUp. Etwa 10 Minuten dauert der Weg zurück zum Campus des Hope College, Zeit für mich um noch einen Wrap zu essen. Inzwischen bin ich auf Platz 12 der Warteliste gerückt. Das heißt: Noch 12 Matches finden vor meinem statt. Toll. Dafür steht inzwischen mein Gegner fest. Woher er kommt, wer er ist, Paul scheint nichts zu wissen, ich natürlich noch weniger.
Noch zwei Matches, es fängt an zu tröpfeln. Alle fliehen unter ein paar der Schirme auf der Erhöhung.

Plötzlich sind die Plätze ganz leer. Fast schon etwas geisterhaft ist es still geworden. Keine Schuhe quietschen, keine Spieler stöhnen. Nach etwa einer halben Stunde geht dann das Schauspiel weiter, ich bereite mich vor, denn der nächste an der Reihe bin ich. Gerade fange ich an den langen Gang unter der Überdachung entlang zu laufen, da fängt es wieder an zu schütten. Diesmal allerdings besteht kein Zweifel, dass der Regen anhalten wird. Ich sehe den verzweifelten Turnierdirektor hektisch zum Telefon greifen, während alle anderen mit einem traurigen Blick die Pfützen auf den Plätzen anschauen, die immer größer werden, und Tennis unmöglich machen. Eine lange Karawane von Menschen zieht sich kurze Zeit später aus dem Tennis Campus des Hope College. Mehr oder weniger geeilt traben alle in Richtung der anliegenden Halle. Der kleine Vorraum ist offensichtlich nicht für so viele Menschen ausgelegt. 

Für mich heißt es erstmal: weiter warten, denn die Halle hat nur sechs Plätze. Das heißt, die Matches, die schon angefangen haben, müssen erst einmal zu Ende gespielt werden, bevor ich den Platz betreten darf. Etwa eine Stunde muss ich noch warten, dann bekomme ich endlich mein Zeichen. Ich bin ein bisschen aufgeregter als sonst, als ich die Hartplatzhalle betrete, denn ich spiele auf Platz 1. Der Centercourt hat eine kleine Tribüne die bis zum Überlaufen mit Menschen gefüllt ist. Darunter Heather, die sich inzwischen mit ein paar anderen Tennismüttern zusammengeschlossen hat, und tratscht. Paul wartet hinter einem Netz hinter dem Platz und späht durch ein kleines Guckloch. Wieder bin ich vor meinem Gegner auf dem Platz. Gespannt warte ich also und versuche vor dem erwartungsvollen Publikum irgendwie sportlich und professionell auszusehen. Während ich irgendeine pseudo Dehnübung mache, betritt ein älterer Jugendlicher den Platz. In seinem Gesicht hängt nicht nur ein voller dunkler Bart, sondern auch eine etwas grimmige Miene. Ich schaue ungläubig zu Paul, der nicht nur. In seinen Augen hängt ein bisschen Mitleid. Das „Du bist mein Gegner?“, sollte sich eigentlich mehr wie eine Sicherheitsfrage klingen, muss sich aber sehr dumm angehört haben. Als ich seine Antwort, ein „Ja?“, mit einem Fragezeichen, indem etwa die Botschaft „Was willst du kleiner, deutscher Knilch“ mitschwingt, ins Gesicht bekomme, schlucke ich. Nach außen hin muss ich neben meinem Gegner, der etwa zwei Köpfe größer ist als ich, trotzdem nicht all zu verängstigt ausgesehen haben, denn Heather wirft mir immer noch einen mutmachenden Blick zu. Allerdings verwandelt sich auch ihre Zuversicht schnell in Zweifel als wir uns „langsam“ anfangen einzuspielen, wobei man von langsam nicht wirklich sprechen kann. Die ersten paar Bälle, die mein Gegner mir zuspielt berühre ich nur mit meinem Schlägerrahmen. 

Wie dieses Spiel ausgegangen ist, kann sich sicher jeder denken. Immerhin habe ich es im zweiten Satz noch zu einem Ehrenspiel gebracht, 6:0 6:1 also. Nach nicht all zu langer Zeit schleiche ich deprimiert zum Netz und reiche meinem Gegner die Hand. Als ich frustriert zur Tribüne stapfe spricht mich der Trainer von meinem Gegner an, sagt dass ich gut spiele und nicht deprimiert sein sollte. Toll. Heather verabschiedet sich von ihren neu kennengelernten Freundinnen, mit denen sie das Match verbracht hat. Dieser lange Tag endet für mich etwa da, wo er angefangen hat: Im Auto. Zusammen mit Paul ziehe ich Bilanz. Ein erfolgreicher Tag ist es gewesen, nicht nur für mich, sondern für die ganze Schule, die es sonst nicht zu den States Championships schafft. Viel hätte ich nicht ausrichten können gegen meinen Gegner, der bei einem Konzertkartenkauf auch als mein Vater durchgehen können könnte. Irgendwie sich auch alle glücklich, jetzt nach Hause zu dürfen. 


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