The States 1/2

Diese eine „Jonas Journey“ beginnt eigentlich schon am Tag vorher. Oftmals passiert alles spontan in meinen kleinen Abenteuern, doch diesmal ist es tatsächlich etwas anders. Geplanter. Am Tag vor dem Tag davor habe ich reichlich eingekauft. Genauer zehn Tortilla, drei Paprikaschoten, etwa zehn Tomaten, eine riesige Kugel Mozzarella, ein paar Hähnchenstreifen, Rucola und ein wenig Basilikum, getrocknet und klein zerhackt. Eigentlich hatte ich mich nach einem frischen Bündel umgesehen, aber gefunden habe ich nur diese, etwas tristere Variante. Wie der mündige Leser vielleicht schon festgestellt hat, bin ich im Begriff Wraps zu machen. Die sind gedacht für den nächsten Tag, den Tag an dem ich beim States Tournament antreten werde.

Bereits die ganze Woche wurde ich von etlichen beglückwünscht zum Einzug in das große Turnier, das den besten Spieler Michigans bestimmen soll. Eine Woche zuvor habe ich, genau wie Christian, die „Regionals“ in meiner Kategorie, #1 Singles, gewonnen. Qualifiziert habe nur ich mich für das nächste Level.

Inzwischen habe ich die noch rohen Hähnchenstreifen, die bei genauerem Hinsehen eigentlich zum größten Teil aus Fett bestehen, in die Pfanne geworfen und den Herd angemacht. Noch ein bisschen Öl, damit nichts anbrennt, und nichts sollte schiefgehen, oder? Schon oft habe ich daheim meine Mutter beim Fleisch anbraten beobachtet. Gekonnt ein Schuss Öl, und dann das Fleisch. „Ist das nicht eigentlich idiotensicher?“, denke ich leise vor mich hin, während mir ein Schwall Dampf entgegenkommt und ich die Frage innerlich mit einem Nein beantworte. Entweder ist es also nicht idiotensicher, oder ich bin überdurchschnittlich untalentiert. Am Ende einer viertelstündigen Odyssee ist zwar die Küche in einen rauchigen Vorhang gehüllt, die Hähnchenstreifen allerdings gut bis sehr gut angebraten. Vielleicht habe ich mich ein wenig selbst übertroffen: außen knusprig, innen saftig zart. Das trifft zwar nur auf einen der zehn Streifen zu, aber für das erste Mal… Zeit für mich, die noch etwas dicken Streifen in kleinere Streifen zu unterteilen. Mit einem Gefühl, als wäre ich Tim Melzer, und hätte sehr große Ahnung von meinem Handwerk, zerkleinere ich außerdem noch Tomaten, den riesigen Mozzarella, und eine der drei Paprikas. Dann ist es Zeit, die Tortillas aus der Plastikverpackung zu holen. Einem Youtubetutorial zufolge sollen sich die Tortillas besser „wrappen“ lassen, wenn man sie kurz in der Mikrowelle aufwärmt. Also wärme ich sie kurz auf. Besser falten lassen sie sich allerdings nicht.

Einer Anleitung aus dem Internet zufolge ordnet man die Zutaten in einem Streifen in der Mitte an, dann werden die Seiten eingeklappt, und alles wird eingerollt. Einem anderen zufolge klappt man nur eine Seite ein und klappt dann die anderen irgendwie darauf und rollt und quetsch und macht und tut und… Nach zwei Versuchen quälenden Wrapfaltens gebe ich entnervt auf, denn meine Rettung schlendert gerade durch die Tür. Der Mann, der Wraps beruflich rollt: Christian. Schmunzelnd blickt er über meine bisherigen Versuche. Mit Hundewelpenblick in den Augen frage ich den McDonalds Wrap Meister nach Hilfe. „Gerne“, kommt die Antwort schnell. Mit einer neuen Arbeitsteilung sind Christian und ich im Handumdrehen fertig. Ich schnipple die Zutaten klein, Christian rollt die Wraps. Erstaunt schaue ich dem Meister über die Finger, der das Wrap-Rollen perfektioniert hat und die 10 Tortillas in kurzer Zeit elegant in zauberhafte Wraps verwandelt.

Kurz nachdem wir das Warp-Projekt abgeschlossen haben, machen sich Heather, Paul und ich auf die Reise. Christian und Nik bleiben zuhause, immerhin ist morgen Schule. Ich bin entschuldigt, alles wurde von ganz oben abgesegnet. Der Schuldirektor hat mir sogar noch ein mal persönlich gratuliert und viel Erfolg gewünscht. Ich wurde sogar in einer Lautsprecherdurchsage erwähnt. Mit diesem Wissen, das eigentlich ganz Port Huron (und Jonas aus Marysville) hinter mir stehen, setze ich mich also ins Auto und trete die dreistündige Autofahrt nach Holland an. Langsam wird es dunkel hinter der Fensterscheibe.

Den Sonnenuntergang, der, selbst für Michigans Verhältnisse, wirklich schön ist, will ich im Vorbeiziehen in einem dieser epischen Fotos festhalten, die man immer auf Instagram findet. Die tief orange Sonne taucht elegant hinter den Horizont. Hier das Ergebnis.

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Ähnlich wie Frankenmuth, hat auch Holland, der Austragungsort der „States“ einen kleinen geschichtlichen Hintergrund, nur ist es bei dieser kleinen Stadt ziemlich offensichtlich aus welchem europäischen Teil die Einwanderer stammten. Etwa zur gleichen Zeit als Deutsche Frankenmuth gründeten, wurde auf der anderen Seite der Halbinsel Michigan also Holland gegründet. Leider bekomme ich bei der Ankunft drei Stunden nachdem ich voller elan Pauls riesigen PickUp betreten habe, nicht viel vom holländisch angehauchten Stadtkern zu sehen. Vielmehr suchen wir eigentlich direkt das Hotel auf. Wir sind alle müde, und da wir auch sonst nichts mehr vorhaben und morgen sehr früh aufstehen müssen, beschließen wir, einfach zu schlafen. Noch ein bisschen liege ich wach und überlege, wie der nächste Morgen und Tag wohl so ablaufen wird. Obwohl es erst neun Uhr ist, bilde ich mir beim einschlafen einen dünnen Lichtstrahl ein, der durch den schmalen Schlitz zwischen den typischen Hotelgardinen scheint. Übrigens: Amerikanische Hotelzimmer unterscheiden sich in keinster Weise von deutschen. Wirklich war, ich habe keinen Unterschied feststellen können – fast ein wenig komisch.

Am nächsten Morgen nehme ich, aus irgendeinem Grund, zum ersten Mal den kühlen Luftzug der Klimaanlage wahr, der an meinen Füßen vorbeistreicht. Das Wasser aus dem Wasserhahn, mit dem ich mir heute morgen die Zähne putze schmeckt nach Chlor. Bepackt mit allen meinen Taschen und meiner Powerbank in der rechten, und meinem Handy in der linken Hand, erfrage ich auf dem Weg nach unten in die Hotellobby die Frühstückssituation. Niemand von uns hat so wirklich Hunger, was an der, selbst für mich, absurd frühen Uhrzeit von fünf Uhr morgens liegen könnte. Wir beschließen, nur einen kleinen Stop bei Starbucks einzulegen, außerdem habe ich ja auch noch meine Wraps. Das 21. Jahrhundert genießend finde ich schnell den Platz in der Stadt mit der größten Starbucks-Dichte. Was ich finde, ist selbst für amerikanische Verhältnisse extrem: Drei Starbucks Filialen auf 500 Meter?

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Obwohl es fünf Uhr morgens ist, genieße ich den Starbucks-Aufenthalt. Starbucks Filialen unterscheiden sich kaum von deutschen, sodass ich, auf eine komische Art und Weise, mich ein wenig zuhause fühle. Naja, zugegeben fühlt es sich mehr nach Hamburg oder Bremen (ihh, Bremen) Hauptbahnhof an, obwohl ich keinen erfolgsversprechenden Jungunternehmer mit leuchtendem 13-zoll MacBook Air in der langgezogenen Schaufensterbar sitzen sehe.

Nach kurzer Bedenkzeit vor der großen Kreidetafel hinter dem Tresen entscheide ich mich für einen Klassiker: Chai Tea Latte. Ein wenig Kaffee, ein wenig Tee, in einem perfekten Verhältnis und einer vermutlich sehr großen Menge Zucker. Ein morgendlicher Genuss der mir auf dem Weg zum Austragungsort des großen Turniers etwas den Tag versüßt.

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Etwa zehn Minuten dauert es, bis wir am Hope College angekommen sind. „Hier findet das ’States Tournament’ jedes Jahr statt“, fängt Paul leise an. Noch nie war jemand von uns hier, deswegen ist es für uns erst einmal rätselhaft, auf welchen der vielen Parkplätze wir vorfahren sollen. Einen Unterschied macht es nicht, denn noch sind alle leer. Wir sind weit und breit die einzigen auf dem gerundeten Streifen von Parkplätzen. Kurz bekomme ich ein bisschen Angst, dass wir uns im Termin versehen haben…


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Teil 2 coming soon!

4 Kommentare zu „The States 1/2

  1. Hallo Jonas! Du schreibst wirklich gut. Wir freuen uns immer, wenn von Dir eine neue Nachricht eintrifft. Den Spannungsbogen hast Du ja oben wirklich gut aufgebaut. Nun sind wir schon ganz gespannt, wie es für Dich gelaufen ist. Hab weiterhin eine tolle Zeit. Liebe Grüße Lutz und Melli

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