Bayern – In Michigan? 2/2

Das nächste Geschäft ist zwar geschmacklich nicht ganz mein Fall, trotzdem eindrucksvoll: „The Frankenmuth Cheese Haus“. Auf geschätzt 200 Quadratmetern gibt es hier nicht nur den normalen Langeweile-Gouda, sondern auch Käse mit Mango-, Erdbeer- („Vitamine sind in…“), und Chilli-Geschmack. Letzteres springt den Schärfe-Liebhabern Nik und Paul besonders ins Auge. „Ghost Chilli“ ist der offizielle Name des skurrilen Käses, den man in kleinen Würfeln Probe kosten kann. Während es für Nik der ultimative Thrill ist, wirkt Paul eher weniger mitgenommen. „Das soll scharf sein?“, fragt er Nik, der währenddessen um Atemluft kämpft. Heather und ich lachen nur, glücklich mit der Entscheidung, den Käse Käse sein zu lassen und uns langsam Richtung Ausgang zu bewegen. Das „Frankenmuth Cheese Haus“ war weniger was für mich und Nik, dessen Gesichtsfarbe immer noch eher einer Tomate, als allem anderen ähnelt.  

Wir laufen die lange Hauptstraße Frankenmuths wieder hinauf um zurück zu Zehnders, dem mutmaßlich weltberühmten Restaurant, das bekannt vor allem für Chicken ist, einem genaueren Besuch zu erstatten. Von außen sieht Zehnders etwas aus, wie eine alte Markthalle, von innen ist es altmodisch, traditionell, fast ein bisschen zu kitschig eingerichtet.

Zehnders

Als ich mich durch die gigantische Schwingtür schwinge bin ich erstmal erstaunt, denn von Essen oder einem Restaurant-ähnlichen Ambiente ist erstmal nichts zu erahnen. Stattdessen werden wir von einem Mitarbeiter hinter einem Rezeptionstresen freundlich begrüßt und nach Personenzahl gefragt. „Wir sind zu viert“, sagt jemand von uns schnell, eine Kellnerin in einem interessanten Dress führt uns durch Gänge und Hallen zu unserem Platz. Zehnders besteht aus zwei „Dining Rooms“, einem im Obergeschoss, einem im Keller. Beide sind jeweils mit einem Buffet mit dem weltberühmten Chicken ausgestattet. Vier mal das Buffet also! Ein freundlicher Kellner fragt uns nach Getränken und wir schießen los. Glücklich über den offensichtlich richtigen Zeitpunkt, die Schlange ist klein, können wir direkt unsere Teller, die eigentlich eher Platten ähneln, befüllen. Vor und auch hinter uns schieben sich etwa 10 Menschen an beiden der zwei Seiten des etwa 15 Meter langen Buffets mit uns entlang, um so viel auf die Teller zu packen, wie nur irgendwie möglich ist.  

Ich habe den Sinn von Buffets nie so ganz verstanden. Natürlich ist es eine gute Idee, für jeden etwas passendes bereitzuhalten, aber weshalb ist es immer noch üblich anzunehmen, dass man zwanghaft alles probieren muss? Ich bin immer noch eins dieser Kinder, das bei Buffets am liebsten zu dem Bekannten, Gewohntem, und bewiesenermaßen Leckerem greift. Warum muss man alles probieren, wenn man im Durchschnitt die Hälfte der tausend aufgetischten Speisen sowieso am Ende angeekelt überlässt? Und in Wirklichkeit bin ich damit auch nicht allein damit; Frage: Wie viele Schwarzbrot liebende Ostfriesen essen beim morgendlichen Frühstücksbuffet in ihrem Ibis Budget auf Mallorca denn bitte Weißtoast mir Rührei? Richtig, keine, denn alle werden weiter Schwarzbrot essen (Rebellen kombinieren Rührei mit Schwarzbrot).  

Zwar gibt es beim Zehnders Buffet kein Schwarzbrot, was wirklich bedauerlich ist, trotzdem schaffe ich es aber, mir einen Teller mit größtenteils lecker und vertraut aussehenden Delikatessen zusammenzustellen. Ich fange mit einem Salatteller an. Es gibt Kartoffelsalat, Gurkensalat, irgend so eine besondere Marmelade, die ich unbedingt mal probieren sollte, und ein paar Salatblätter, um den Eindruck, mein heutiges Mittagessen sei gesund, zu erwecken. Auf meinem eigentlichen Teller schaffe ich eine Grundlage an Beilagen mit gebutterten Bandnudeln, Kartoffelpüree mit Gravy und einer Art gekochtem Brot, das Heather schon ein paar mal zu Abend gekocht hat. Weiter in der Reihe der Hähnchenschenkel, um den man bei Zehnders, dem berühmten Chicken-Restaurant eigentlich nicht drum herum kommt. Auf das nächste sechstel meines Tellers bin ich besonders gespannt: Deutsches Sauerkraut mit gekochter Mettwurst. Gespannt probiere ich das etwas zu lange gekochte Sauerkraut mit dem Stückchen Mettwurst also als erstes. Und tatsächlich: Es schmeckt zumindest ähnlich. Zuletzt wäre da noch ein Kürbispüree, welches ich nach zwei bissen allerdings getrost überlasse. Außerdem finden wir auf dem Tisch, als wir vom Buffet wieder am Tisch ankommen noch ein paar Scheiben Brot und Nudelsuppe, natürlich mit Hähnchen, für das man allerdings etwas im kleinen Suppenteller graben muss.

D

Nun habe ich nicht wirklich einen kulinarisch ausgeprägten Geschmackssinn, der es mir ermöglichen könnte, eine ausführlichere Kritik zu verfassen, aber alles in allem: ein wenig trocken und lieblos, aber geschmacklich gut bis sehr gut. Zugegeben, das Buffet Essen, vor allem das Hähnchen haben sehr satt gemacht. Etwas stolz auf mich, entscheide ich für mich selbst, dass es eine gute Entscheidung war, den Teller nicht zu voll zu machen. Eine Entscheidung, die Nik nicht getroffen hat. Die Menge an Essen auf seinem Teller, die auch irgendwie nicht weniger wird, bringt ihn sichtlich zum kämpfen. Irgendwie schafft es Nik dann aber doch, seinen Teller komplett zu säubern, sodass der Kellner kommt und uns ein Dessert anbietet. Ich lehne erst dankend ab, ich bin wirklich zu einem guten Maß gefüllt, doch gebe mich letztendlich doch dem Massenzwang hin. Nik, Heather und Paul bestellen sich jeder ein Schokoladeneis mit Karamellsauce, sodass keine wirkliche Chance diesem karamellig traumhaften Genuss zu entkommen. Außerdem, „…its filling the gaps.“   

Nachdem erst Nik, dann ich gefragt hat, ob uns jemand heraustragen kann, und sich niemand freiwillig erklärt hat, steppen wir qualvoll, aber glücklich, das pompöse Treppenhaus hinauf. Als mir Paul die Tür aufhält, blendet mich die Sonne, dass ich erst einmal stehen bleiben muss und Nik auf eine sehr umkoordinierte Art und Weise in mich hinein läuft. Diesmal wenden wir uns der rechten Seite zu, um den noch übrig gebliebenen Teil, südlich von Zehnders, zu erkunden. Wir überqueren eine relativ große Brücke. Zu meiner Rechten befindet sich ein Hollywood ähnlicher Schriftzug, der sich, wie auch schon das riesige Eingangsschild „Willkommen 2018“ ließt.

Wilkommen 2018

Zur Linken sehe ich einen riesigen Wasserfall mit einem kleinen Anleger daneben. Dahinter deuten ein paar Häuserdächer schon auf die kleine Ansammlung von Gebäuden mit Geschäften hin, auf die wir zusteuern. Das erste was mir ins Auge springt, ist die „SugarHigh Bakery“. „Wenigstens ist der Titel ehrlich“, denke ich mir. Zu gerne wäre ich hinein gegangen und hätte einen der bunten Cupcakes probiert, nur sind die anderen schon weitergezogen zu einem anderen sehr außergewöhnlichem Laden. Als ich den Verkaufsraum mit der hohen Decke betrete, brauche ich ein paar Sekunden, um zu erfassen, was genau hier verkauft wird, doch dann sehe ich die riesige Tüte Popcorn an der Wand hinter dem Verkaufstresen. Hier kann man Popcorn kaufen, und zwar Kiloweise! Ausnahmsweise stimme ich dem Vorurteil, dass in Amerika alles größer ist, einmal zu. Neben den Fächern im breiten Verkaufstresen sehe ich im Hintergrund Säcke von Popcorn, dessen Format wohl am besten mit Müllsäcken zu vergleichen ist, obwohl das kein schöner vergleich ist. Glückliche Kunden tragen eben solche riesigen Säcke aus dem Laden. Als ob diese Primark ähnlichen Zustände nicht schon verrückt genug wären, macht mich Nik auf die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen aufmerksam.

Popcorn

Geschmacksrichtungen? Für mich war Popcorn bisher immer nur Popcorn, aber hier gibt es richtige Geschmacksrichtungen. Neben den Klassikern wie Schokolade, Erdnusbutter und Karamell gibt es auch etwas abgefahrenere Kreationen, wie Parmesan & Knoblauch, Kirsche oder Gewürzgurke. Zum Glück sind wir alle immer noch bis zum Rand satt, sonst hätte ich vermutlich eine der abgefahrenen Geschmacksrichtungen probieren müssen.  

Wir laufen noch ein wenig durch den etwas verwunschenen Ortskern von Frankenmuth, bis wir schließlich erneut die große Brücke überqueren, doch halt. Am Anleger hat jetzt ein riesiger Schaufelraddampfer angelegt und läd eine kleine Anzahl von Touristen ein. Das erinnert mich ein wenig an meine Kindheit. Schon damals habe ich, investigativ wie eh und je, hinterfragt, ob die großen Raddampfer wirklich von einem kleinen Schaufelrad angetrieben werden. Eine offizielle Antwort wollte mir damals ein Erwachsener nie geben, vermutlich um den mysteriösen Zauber um den Vintage-Antrieb nicht komplett aufzuheben, es muss schließlich auch ein paar Geheimnisse im Leben eines Kindes geben. Rebellisch habe ich, sobald ich irgendwann einen Zugang zum Internet und damit Wikipedia hatte, die Fragestellung jedoch eines Tages gegoogelt, um frustriert herauszufinden, dass die Raddampfer nicht wirklich vom großen, roten Schaufelrad angetrieben werden, wie schade.

Bavarian Belle

So bezaubernd anmutig die „Bavarian Belle“ auch ist, es ist Zeit zurück zum riesigen Zehnders Parkplatz zu laufen.  

Im Auto auf dem Heimweg sehe ich noch einmal das riesige Willkommensschild, das ich ganz am Anfang schon gesehen habe. Diesmal lese ich die Rückseite des Schildes vor: „Auf Wiedersehen in Frankenmuth“.  


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3 Kommentare zu „Bayern – In Michigan? 2/2

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