Bayern – In Michigan? 1/2

Zusammen mit Happy, dem aufgedrehtesten Hund dieser Welt, meinem Computer und einem kühlen Wasser sitze ich an meinem Lieblingsplatz im Haus, einem alten Schaukelstuhl im Wohnzimmer. Ich habe noch ein paar Hausaufgaben zu erledigen. Nur mässig motiviert klicke ich durch ein paar Videos und Quizze. Fach: AP Government, ich lerne über die amerikanische Regierung. Im Moment geht es um den „Congress“, der aus dem „Senate“  und dem „House of Representatives“ besteht. Dieses Zweikammersystem ist auf den Konflikt von großen Staaten, die sich eine Anzahl von Vertretern, angepasst zu der Bevölkerungszahl wünschten, und den kleinen, die eine feste Nummer von Vertretern für jeden Staat bevorzugten, zurückzuführen. Logisch. Am Ende der Debatte hat man sich dann im großen „Connecticut-Compromise“ darauf geeinigt, dass man doch einfach beides macht, es wurde also der „Senate“, mit zwei Vertretern pro Staat, und das „House of Representatives“ mit einer Zahl von Vertretern, angepasst zur Bevölkerungszahl, gegründet. „Welch ein Einfall“, denke ich ironisch for mich hin.  

Nik hängt in seinem Zimmer rum, Heather und Paul sitzen auf der großen, beigen Couch, eine Decke über den Beinen. Vor uns flimmert der große Fernseher, es läuft Football. Der Sprecher berichtet hektisch über das Geschehen, ich habe längst den Überblick verloren. Christian hat heute morgen das Haus schon früh verlassen, um arbeiten zu gehen. Happy springt gerade von meinem Stuhl und nimmt seinen Stammplatz am Fenster ein, als Paul diesen morgendlichen Wahnsinn mit einem Vorschlag unterbricht. „Wie wärs mit einem Trip nach ‚Little Bavaria‘?“, fragt er, zuerst Heather, dann mich anschauend. Little Bavaria? Kleines Bayern? Klingt interessant.  

Wenig später befinden Nik, Heather Paul und ich uns im Auto. Auf dem Weg erzählt Paul ein bisschen über unser heutiges Ausflugsziel. „In dieser Stadt haben sich damals eine Ansammlung von Deutschen niedergelassen, genauer aus Franken, daher der Name. Heute spricht natürlich keiner mehr deutsch, aber irgendwie hat sich der bayrische Charme des kleinen Dorfes erhalten. Heute ist es eine riesen Touristenattraktion.“, erzählt er, während Nik und ich auf dem Rücksitz interessiert zuhören. „Unser erster Stop ist der größte Weihnachtsladen der Welt. Ungelogen“. Langsam kommen wir unserem Ziel näher, ein Ortsschild verrät, dass wir uns jetzt in Frankenmuth befinden. Über der breiten Straße erstreckt sich ein riesiges, gebogenes Schild. „Willkommen“, lese ich laut vor. Nik starrt mich fragend an, ich zeige nur auf das Schild. Links und rechts vom Schild sind zwei kleine Häuschen mit dem bayrischen blau-weiß Karo-muster und roten Dächern. Künstlerisch, ein bisschen an einen Freizeitpark erinnernd, erkenne ich nach und nach mehr Häuserfassaden der eigentlich relativ kleinen Stadt. Bevor wir jedoch in den Stadtkern vordringen, biegt Paul auf den riesigen Parkplatz des „Christmas Wonderland – Worldwide Selection“-Shops, der von außen eher unscheinbar aussieht. Einmal um die Ecke gebogen bemerke ich schnell, wie weit der Parkplatz noch um das Gebäude herumreicht, und wie viele Autos sich gleichmäßig darauf verteilen.

Trims & Gifts

„Heute ist ein guter Tag, es ist nicht viel los“, fängt Heather dann an. Nik und ich fragen erstaunt nach, wie voll es denn in den Ferien ist, oder kurz vor Weihnachten. „You can’t move“ kommt die Antwort schnell. Im Giebel des Gebäudes, das auch gut eine dieser riesigen DHL-Lagerhallen hätte sein können, steht Willkommen auf 30 Sprachen. Nik ist frustriert, dänisch ist nicht dabei. Deutsch natürlich schon, immerhin befinden wir uns in „Klein-Bayern“. Während Heather und Paul fast ein wenig routiniert und mit einer gesunden Portion Gelassenheit den Laden betreten, fallen Nik und mir die Kinnladen runter. Vor uns erstrecken sich Reihen über Reihen von Weihnachtsartikeln.

Weihnachtsstore Eingang

Das erste was ich erkenne ist eine kleine Ansammlung von Krippen in jeglicher Farbe, Ausführung und Größe. Daneben ein Regal mit ähnlichem Sortiment, aber in Halloween Edition. Weihnachtskrippen in Halloween? „Amerika“, wirft mir Nik zu. Ich nicke lachend. Über unseren Köpfen hängt ein Schild: „Section 5“. Weiter hinten im Raum finde ich „Section 10 & 11“. Der ganze Weihnachtsladen ist in Sektionen unterteilt. In Sektion 10 gibt es zum Beispiel Weihnachtskugeln, dorthin gehen wir als erstes. Es gibt einen Teil, der nach Ländern geordnet ist. Im „Germany“-Abteil finde ich von Lederhosen, über Liedtexte und Bierkrügen so ziemlich alles. Nik entscheidet sich dafür, eine dänische Kugel mitzunehmen, ich entscheide mich für eine deutsche. Auf der Rückseite unserer Kugeln stehen jeweils ein paar Traditionen, die in Deutschland und Dänemark an Weihnachten angeblich so üblich sind. Heather sucht noch ein paar andere für unseren internationalen Weihnachtsbaum aus. Darunter auch eine mit unserem Abschlussjahrgang, eine für Oma und eine mit einem Lehrer drauf, für Paul. 

Weiter hinten in der langen Halle finde ich noch einen Haustierteil, einen mit und für Prinzessinnen, einen „Outer Space“-Abschnitt und, wirklich war, einen mit mehreren Ananas-Variationen.

pineapple

Entlang der Halle ist eine Reihe von Kassen und Informationsständen. Weiter geht es mit Weihnachtsdörfern in etlichen Ausführungen. Völlig erschlagen von tausend Artikeln habe ich längst den Überblick verloren. Am Ende eines Ganges finden wir ein kleines Theater mit einem fast lebensgroßen Maria und Joseph Pappaufsteller und einer Art Harmonium. Danach kommt eine überdimensionale Sammlung von künstlichen Weihnachtsbäumen.  

Etwa eine Stunde später stehe ich wieder vor der Tür und versuche mich an das helle Sonnenlicht zu gewöhnen. Unser Pick Up wird heftig geschüttelt, als wir über die kleine Erhöhung am Parkplatzausgang fahren, die Rasen verhindern soll. Noch immer kämpfe ich mit der grellen Sonne, die jetzt durch das Fenster beim Rücksitz direkt in meine Augen scheint. Langsam nähern wir uns „Frankenmuth Downtown“, also dem Stadtzentrum. Die Anzahl an bayrisch anmutenden Häusern nimmt proportional zu. Während ich mich frage, ob man daraus eine lineare Funktion formen könnte, rollen wir auf den nächsten Parkplatz, der nicht weniger klein ist, als der vom Weihnachtsgeschäft. Beim Aussteigen erkenne ich, im Auto war es fast nicht zu erkennen, dass der Parkplatz zu „Zehnders“, einem riesigen Restaurant, gehört. Paul erzählt, das Zehners bekannt für ihr „Chicken“ sind, aber wir natürlich die Gelegenheit haben werden, uns unser eigenes Bild machen zu können. Bevor wir uns jedoch dem Hühnchen Genuss hingeben, beschließen wir, den verwunschenen Stadtkern zu erkunden.

parkplatz

Im Prinzip ist der Stadtkern nur eine Straße mit Geschäften links und rechts, also fangen wir an, die Straße linker Hand herauf zu bummeln. Das erste Geschäft, was uns zusagt, ist, wie die meisten Geschäfte an der Straße ein Souvenirladen. Für einen kleinen oder großen Groschen kann man typisch deutsche Souvenirs erwerben. Dazu gehören Tischdecken, Ohrringe und Leuchten. Eigentlich genau das, woran man sofort denken würde, wenn von deutschen Souvenirs die Rede ist. Während ich an diesen „Souvenirs“ getrost vorbeigehen kann, hängt sich mein Blick an ein paar runden Magneten für den Kühlschrank auf. Ich entscheide, ein paar mitzunehmen.

Magnets

Ein paar Meter weiter bestehe ich darauf, den nächsten Shop zu betreten. „Frankenmuth Fudge Store“ ließt es sich prominent auf dem Eingangsschild. In Deutschland habe ich ständig von dem berühmten Fudge gehört. Ein paar fleißige Mitarbeiter stellen die süße Leckerei aus Zucker, Milch und Butter für uns frisch her im anliegenden Raum, der durch eine breite Glasscheibe schaufensterartig vom Verkaufsraum abgetrennt ist. Hier gibt es Fudge in jeglicher Geschmacksrichtung. Ich, der Fudge-Anfänger, entscheide mich für Dunkle Schokolade. Nik nimmt gesalzene Schokolade, Heather, passend zu Halloween, Kürbiskuchen, Paul Apfelkuchen. Besonders interessiert wäre ich, so im Nachhinein, für „German Schokolade“ gewesen, also Kinderschokolade mit Kokusraspeln, wie die lächelnde Verkäuferin mir stolz erklärt. Höflich bedanke ich mich und verlasse den Laden mit einer Erfahrung mehr.  

Fudge

Die nächsten Geschäfte sehen nicht wirklich vielversprechend aus, also wechseln wir die Straßenseite. Vom süßen Duft des Fudges haben wir alle schon etwas Hunger bekommen, was ein Grund dafür sein könnte, warum wir den nächsten Laden betreten, den „Frankenmuth Taffe Store“. Berge von kleinen Toffee Bonbons stapeln sich zu meiner Rechten als ich den Laden betrete. Geübt greift sich Heather einen Eimer und wir fangen wie wild an, ihn zu befüllen. Etwa so viel, wie wir auffüllen, testen wir dabei ausführlich. Wir kommen auf drei stolze Pounds Toffee-Gewicht, das sind etwa 1,3kg. Die Verkäuferin lacht nur, presst den Toffee zusammen. Etwa zehn Minuten später sind wir bei 4 Pounds, die gequetscht im kleinen Eimer sind. „Der Rekord liegt bei sechs Pounds“, entgegnet die Verkäuferin drei erstaunten Gesichtern. „Sechs Pounds Toffee, wer soll denn das alles essen?“, frage ich mich so vor mich hin, als wir auf dem Weg zum nächsten Geschäft den „Frankenmuth Taffe Store“ verlassen.  


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