Das Yale Turnier

Der Tag, über den ich heute berichte, beginnt eigentlich schon am Abend vorher. Christian und ich besprechen uns. Auf dem grau-beigen Sofa sitzend besprechen wir die Taktik für den morgigen Tag. Vielleicht gut für mich, mit spontanen Planänderungen gehe ich meistens ähnlich verplant um wie Stefan Raab mit einem neuen Studiospiel. Neben uns sitzt Lucas, ein Freund der uns morgen unterstützen will, und schüttelt nur heftig den Kopf während er uns zuhört. „Wollt ihr es nicht einfach auf euch zukommen lassen?“, unterbricht er uns ziemlich plötzlich. „Also, ähm“, fängt Christian an, „Ok“, setze ich fort.

Am nächsten Morgen werde ich recht unsanft von meinem Handy geweckt. Vielleicht hätte ich etwas früher ins Bett gehen sollen. Als ich etwas torkelnd meine Zimmertür öffne kommt mir ein seltsamer Geruch entgegen. Noch leicht benommen folge ich den Treppenstufen nach unten in die Küche. Unten angekommen entdecke ich schnell die Quelle des Geruchs. Zwei lachende Gestalten braten Eier. Lucas hält einen großen Pfannenwender in der Hand, Christian eine Pfanne. Lucas ist gerade dabei, sich Ketchup in seine Pfanne zu kippen, Christian schaut misstrauisch. Den leeren Tüten neben seiner Pfanne zufolge, hat er sich für die „Fire“-Sauce von Tacco Bell entschieden. Als ich die zum letzten mal probiert habe, musste ich zwei Liter Milch trinken. Diese 50:50 Ei-Saucen Mischung erklärt den eigentümlichen Geruch, der sich wie ein schleichender Schlafwandler durch das ganze Haus verteilt. Auch wenn die beiden mir nach eigenen Aussagen, natürlich etwas abgegeben hätten, entscheide ich mich für eine andere Instanz des Morgens: PopTards. Inzwischen ist es für mich eine Gewohnheit. Genussvoll hole ich die zwei rechteckigen Scheiben Zucker aus der Verpackung. Dieser Prozess ist etwa mit dem öffnen eines KinderPinguins zu vergleichen. Sehr viel Plastik, und doch sehr befriedigend. Nach dem allmorgendlichen PopTard geht es auch schon los. Ich entscheide mich diesen Morgen dafür in meinen knallblauen Crocs das Haus zu verlassen, den ganzen Rest des Tages werde ich schon in meinen Tennisschuhen gefangen sein, die zwar perfekt zum Tennis spielen sind, sich aber außerhalb des Platzes doch sehr klobig tragen. Zu viert setzen wir uns in den großen Pickup meines Gastvaters. Christian dreht irgendwas am Radio herum, so lange bis ein mittelmäßig cooler Road Song erklingt. Mit der Sonne im Rücken, meinen Tennisschläger auf dem Schoß, einem Soundtrack, den nur komische deutsche Filme als Atmosphäre benutzen würden (auch nur weil er zufällig lizenzfrei ist) und einem halb schlafenden Lucas neben mir, nähern wir uns unserem heutigen Ziel: Das Tennisturnier in Yale. Nach etwa einer halben Stunde Fahrtzeit sind wir in Yale. Die Luft ist frisch, als ich mit meinen Crocs durch das noch feuchte Gras hin zu den Tennisplätzen schlappe.  

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Vier Plätze sind bereits von Yale, und einer anderen Mannschaft besetzt, Christian und ich schnappen uns schnell den fünften und sechsten. Kurz nachdem wir ein paar Bälle geschlagen haben, trudelt der Rest unser ähnlich müden Mannschaft ein.  

Amerikanische Tennisturniere funktionieren ein bisschen anders als deutsche. In Deutschland tritt man meistens als einzelne Person an. In einem großen Tableau werden alle Partien aufgelistet und nacheinander ausgespielt. Wer eine Runde weiter kommt, dann noch eine und noch eine, hat gewonnen, als einziger. Am Ende unseres Turnieres gibt es sieben Gewinner. Hier treten wir als Mannschaft gegen drei andere Mannschaften an: Goodrich, Sandusky und Yale. Jede Mannschaft bestimmt ein erstes, zweites, drittes, usw. Doppel. Dann spielen alle ersten Doppel gegeneinander, alle zweiten, usw. Christian und ich sind das erste Doppel unser Mannschaft. Für uns beide ungewohnt, denn eigentlich stehen wir allein auf dem Tennisplatz.  

Ein paar Leute schauen uns einschätzend an, als wir den blau-grünen Hartplatz betreten. „Der Coach von Dakota hat von uns erzählt“, fängt Christian an, „die wissen das wir einen Austauschschüler haben, der gut ist.“ Und tatsächlich, ein paar der Jungen unser Gegnerteams tuscheln hektisch. Ich weiß noch nicht ob ich diesen Sonderstatus genießen kann, denn als wir uns an diesem noch jungen Tag einspielen ist unsere Leistung erstmal nicht vielversprechend. Christian schlägt einen Ball ins Netz. Ich stürme ans Netz und treffe den Zaun anstatt das Feld. Erst nach ein paar Minuten fangen wir an, die Bälle auch ins Feld zu schlagen. Ich dehne meine Schulter heute extra lange, gestern hat sie ein bisschen weh getan. Dann geht es los. Schräg vor den sechs Tennisplätzen steht ein ausladendes Dach. Darunter finden ein paar Tische mit der Turnierleitung und einem kleinen Essensbuffet platz. Yale ist ein familiäres, kleines Turnier. Jeder ist angehalten, etwas zu essen mitzubringen, für alle. Jemand hat einen großen Topf Chilli gekocht, ein paar haben Hotdogs organisiert. Wieder ein anderer hat Pizzen gebracht.  

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Der Turnierdirektor ist ein älterer Mann aus Yale. Er begrüßt alle, erklärt alles und liest die ersten Partien vor. In unser Kategorie, erstes Doppel, spielt als erstes Sandusky gegen Yale. Da Yale nur sechs Plätze hat, kann immer nur ein Match in einer Kategorie gleichzeitig stattfinden, für mich und Christian heißt es also warten. Aufmerksam beobachten wir unsere nächsten Gegner. Für Sandusky spielt ein großer und breiter Junge, den man vom ersten Anblick eigentlich eher in der Football Mannschaft vermutet hätte. Aus irgend einem Grund lächelt er ununterbrochen wenn ich ihn anschaue. Irgendwann höre ich auf, ihn anzuschauen, aus Angst, er macht such über mich lustig. „Habe ich irgendetwas im Gesicht oder so?“, frage ich Christian. Er lacht, sagt „Ja, einen riesigen Fleck“. Also hole ich mein Handy raus um das Ausmaß meines Gesichtsflecks zu begutachten. Natürlich ist da kein Fleck, also werfe ich Christian den vorwurfsvollsten Blick zu, den ich meinen müden Gesichtsmuskeln gerade entlocken kann. Er lacht. Dann ist es soweit. „First Doubles Port Huron Goodrich“, brüllt der Turnierdirektor ein mal über die kleine Ansammlung von Tennisplätzen hinweg. Aus den Augenwinkeln sehe ich zwei große Jungs aus der Ecke aufstehen, wo sich die Goodrich Mannschaft versammelt hat. Durch eine angerostete Tür trotten wir langsam, aber irgendwie doch entschlossen auf den Platz. Irgendwie habe ich ein gutes Gefühl bei diesem Turnier.  

Christian wirft mir einen Ball zu, und als wir uns alle an der Grundlinie versammelt haben, fangen wir an, uns einzuspielen. Nebeneinander spiele ich zuerst mit einem Jungen, der etwa meine Körperstatur hat. Sein Partner ist etwas größer. Dann geht es los. Christian fängt an aufzuschlagen. Aufgeregt blicke ich über den Platz. Zwar habe ich im Einspielen schon einen Eindruck davon bekommen, was auf uns zukommt, aber wie gut oder schlecht unsere Gegner wirklich sind, wird sich erst jetzt offenbaren. Der Aufschlag trifft die Linie des Aufschlagfelds. Misstrauisch blickt der Netzspieler auf den Ball. Obwohl Christians Aufschlag gut war und auch Tempo hatte, weiß der Returnspieler eine Antwort. Erstaunt kann ich dem Ball, der fast wieder genau zurück zu Christian fliegt, nur hinterherschauen. Unsere Gegner sind besser als erwartet. Ich blicke fragend. Christian entgegnet den Blick mit einem „Ok, let’s go!“. Irgendwie gewinnen wir das erste Spiel. Dann das zweite, dann das dritte. Fast schon ein wenig verzweifelt trotten unsere Gegner zu ihrem Trainer, der hinter dem Zaun wartet und ein paar hilfreiche Tipps zu geben versucht. Vergebens, der Satz geht an uns. Es könnte nicht besser laufen, auch im zweiten Satz können wir dominieren. Langsam hat sich eine Anzahl an Menschen staunend hinter dem Zaun versammelt. Ein paar tuscheln aufgeregt.  

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Ein kleinerer Junge blickt ehrfürchtig zu uns auf, als wir, fast schon majestätisch, den Platz verlassen und zum Essensbuffet laufen. Es könnte nicht besser sein, soeben hat jemand Pizza vorbeigebracht. Kaum habe ich mein Pizzastück aufgegessen, befinde ich mich schon wieder auf dem Platz. Das zweite Match verläuft reibungslos, der große, lächelnde Junge aus Sandusky hat zu Christians Aufschlägen und meinem Spin nicht viel zu sagen, sein Partner versucht es noch zu retten, vergeblich. Nachdem wir also auch unser zweites Match für uns entscheiden konnten, bleibt noch ein Gegner übrig: Yale.  

Yale ist für eins bekannt: Doppel. Die Kids aus Yale spielen meistens nicht so gut, wie die anderen, aber clever. Wir konnten bereits zwei Matches beobachten, beide hat Yale für sich entscheiden. Nie gab es jemanden, der herausstach oder durch besonders gute Schläge aufgefallen ist. Im Gegensatz zu den meisten hier, hat Yale das Spiel verstanden: Es geht nicht darum, wie hart man schlägt, sondern wohin und wie. Christian und ich spielen das erste mal zusammen heute, unsere Gegner sind ein eingespieltes Team. Einer von beiden hat eine weiße Sportbrille auf der Nase, der andere eine riesige Cap. Wieder fängt Christian an aufzuschlagen, doch diesmal fliegt der Ball, ohne das ich auch nur reagieren kann direkt an mir vorbei in meine Ecke. Im ersten Ball des gesamten Matches wurde ich passiert, das hat bisher noch niemand gemacht. Christian schaut mich erstaunt und ein bisschen vorwurfsvoll an, ich versichere: „Kein Problem, Kein Problem“. Zum Glück ist nicht jeder Ball eine Überraschung und nach etwas mehr als einer halben Stunde liegen wir in Führung. Unsere Strategie geht auf, vorher haben wir schon reichlich unsere Gegner beobachtet, Schwächen und Stärken studiert. Wir versuchen immer wieder, das Team zu separieren, Einzelkämpfe gewinnen bevorzugt wir.

Dann ist es soweit, der letzte Ball unseres Matches sollte ein Lob werden, doch landete genau in Christians Schläger – und wird getötet. Wir geben unseren Gegner feierlich die Hände, ein paar Leute klatschen hinter dem Zaun.  

Knapp eine Stunde später bekommt jeder von uns eine goldene Medaille in die Hand gedrückt. Auch wenn unser Team aus Port Huron nicht gewonnen hat, haben Christian und ich zumindest einen kleinen Erfolg verzeichnen können. Überglücklich machen wir ein Siegerfoto.

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Dann heißt es Abschied nehmen. Noch einmal blicken wir in die Runde und nicken unsern Gegnern zu. Wir werden mit einem anerkennenden Lächeln in die bunt untergehenden Abendsonne verabschiedet.  


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