Tag X – Teil 3/3

Noch anderthalb Stunden bis wir landen, ich strecke meine Beine aus. „Lohnt es sich noch, Blog zu schreiben?“, werfe ich Jana zu. „Keine Ahnung“, antwortet Sie. Also sitze ich da. Loriot hat es in einem seiner legendären Sketche einmal gesagt: „Ich möchte einfach nur hier sitzen“. Weise Worte. Mein konzentriertes Sitzen wird jedoch von einem kleinen Zucken in meinem linken Ohr gestört. Oh, das hatte ich ganz vergessen. Große Maschinen haben die Angewohnheit, nicht einfach zu landen, sondern erstmal langsam runter zu gehen. Das gefällt meinem linken Ohr nicht. Irgendwie schaffe ich es nicht, den Druck auszugleichen. Auf dem rechten Ohr ist alles supi, nur das linke zickt. Nach und nach steigt also der Druck auf meinem Ohr, während die Flughöhe und der Inhalt meiner Katjes-Tüte sinken. Trotz meines schmerzenden Ohrs finde ich kurz Zeit, aus dem Fenster zu schauen. Ein interessantes Bild von Wolken über einer Stadt zeigt sich mir. Wie abgehackt hört das Wolkenmuster über dem Ozean auf. Langsam verwandeln sich die Eiskristalle im Flugzeugfenster in Wassertropfen. Als wir weiter runter gehen, erkenne ich, das nicht nur die Wolken exakt geordnet sind.

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Auch die Straßen, Häuser und Gärten der Vorstadt Chicagos scheinen sich einem riesigen Muster zu fügen.

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Kurz bevor mein Ohr (vermutlich) geplatzt wäre, setzen wir wieder auf der Erde auf. Alle drängeln Richtung Ausgang. Durch einen schmalen Gang geht es in Richtung Security Check. Immer wenn man man in die USA fliegt, muss man am Zielflughafen noch einmal sein Gepäck aufgeben und wird durchgeprüft. Absperrbänder und dutzende Sicherheitsbeamte führend uns in eine riesige Halle, von der ein Labyrinth aus weiteren Absperrbändern mindestens 80% einnimmt. Am Ende der Halle sind Passkontrollen. Also stellen wir uns an. An der Wand hängt eine überdimensional große Flagge der USA. Vor den Häuschen, in denen die Sicherheitsbeamten zur Passkontrolle sitzen, hängen Fernseher, auf denen ein Werbefilm läuft. Er zeigt ein Pärchen, das am Strand läuft, dann einen Bäcker, der einen Teig mit den Fingern knetet. Im Hintergrund wehte eine halbtransparente USA-Flagge. Unterbrochen werden diese Idyllenbilder nur von Sicherheitshinweisen. „Do not take photos in this area“ zum Beispiel. Schade, die Halle, in die sich mehr und mehr Menschen drängeln, wäre ein Foto wert gewesen.

Nach der Passkontrolle treten wir in eine weitere Halle. Diesmal ist sie mit Gepäckbändern gefüllt. Ich folge dem Pulk von lila T-Shirts zu einem Gepäckband, das völlig überfüllt ist. Einzelne Koffer werden schon neben das Band gestellt. Darunter auch meiner. Mit meinem Koffer ausgestattet laufen wir einen Gang entlang. Am Ende des Ganges stehen ein paar Männer, die unsere Koffer wieder verladen, ich stelle meinen dazu. Und dann sehe ich ihn: Den ersten McDonalds in den USA. Schnell zücke ich mein Handy und mache im Vorbeigehen ein Foto. 

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Ich folge dem Pulk weiter nach draußen, wo Busse auf uns warten, die uns weiter verteilen. Ich muss zu Terminal 2, von dort aus soll mein Flug nach Flint gehen. Vincent und ein paar andere müssen auch zu Terminal 2.  Mein Flug geht erst um 21:45, jetzt ist es 14:00. Im Bus werden wir von einer älteren Dame angesprochen. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich ein lila T-Shirt an ihr. Sie hält ein Klemmbrett mit einem nicht endenden Stapel von Listen in der rechten Hand. In der linken einen lila Stift. „Whats your name?“, fragt sie uns mit einem sehr amerikanischen Slang. Alle sagen ihre Namen, sie hackt ab. Dann bin ich an der Reihe. „Jonas Evers“, „May you spell it for me?“. Natürlich, denke ich. „E-V-E-R-S“. „You’re not on the list.“, stellt sie sehr nüchtern fest. Ich muss sehr beunruhigt dahergeschaut haben, denn die Dame fängt an, beruhigend auf mich einzureden. Sie holt eine zweite Liste raus, lässt mich drauf schauen. Ich entdecke mich ganz unten. Die Dame erzählt, dass mein Flug erst um 21:45 startet. Ach was. Ich hätte mich irgendwo mit den anderen treffen sollen. Woher soll ich das den wissen, frage ich mich. Wir beschließen, einfach bei Terminal 2 auszusteigen und auf die anderen zu warten. 

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Terminal 2 ist eine lange Halle, die Wände sind hoch. In der Mitte ist ein schmaler Spalt, indem sich die Sicherheitskontrolle befindet. Unsere Begleitung stürmt mit den anderen dorthin, Vincent und ich warten davor. Also warten wir. Weiter hinten in der Halle laden ein paar Sitze mit Steckdosen zum Pause machen ein, doch wirklich zur Ruhe komme ich nicht. Ich nerve in der WhatsApp Gruppe, wo die anderen sind. Keine Antwort. Eine knappe Stunde vergeht, bis mich jemand anschreibt. „Wo steckt ihr, wir sind schon am Gate.“ Super, denke ich. Also ziehe ich Vincent von der Steckdose weg, hin zum Sicherheitscheck. Diesmal packe ich mein Deo als erstes aus dem Rucksack raus, doch damit nicht genug. „Die checken ja wirklich alles durch.“, werfe ich Vincent zu. Hinter dem Band, auf dem wir Kästen mit unseren Sachen platzieren sollen, steht ein Polizist, der in etwa mit der Heiserkeit von Piet Thiesen (an schlechten Tagen), und der Lautstärke eines Marktschreiers alle darauf hinweist, am besten alles auszuziehen, um es auf das Band zu legen. „Put off your shoes! Get everything out of your pockets, even paper!“, schreit er uns an. Auf mich wirkt es einschüchternd. Immerhin werden wir nach dem Sicherheitscheck mit einem Starbucks belohnt, der sich direkt dahinter befindet. „Also, ich finde wir sollten den großen Vergleich wagen,“, fange ich an, „Chai Tea Latte in den USA vs Chai Tea Latte in Deutschland.“. Wir stellen uns an, ich bestelle meinen Chai, Vincent irgendetwas anderes und einen Cookie. „You guys enjoy your time?“, plappert es mich von hinten an. Ich drehe mich um und erkenne die Dame wieder. Diesmal tiefen entspannt. Wir antworten beide mit Ja, ich erzähle ihr, dass ich gerade das erste mal mit Dollar bezahlt habe. Sie ist sichtlich begeistert. Genau so begeistert, wie ich, als ich meinen Chai Latte probiere. „Genau wie in Deutschland.“ Das war abzusehen, gebe ich zu. Im Weggehen sehe ich ein paar weitere wartende Starbucks Kunden. Mir fällt ein Mädchen mit roten Rasterzöpfen auf. Ich will ein Foto machen, doch dann…

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Wenig später treffen wir die anderen, auch das Mädchen, dass mir geschrieben hat. Ihr Name ist Allegra, sie fliegt auch nach Flint. Und Melina. Neben ihr saß ich schon in Frankfurt, aber ihren Namen erfahre ich erst jetzt. Zugegeben, wahrscheinlich hat sie mir ihren Namen schon gesagt, denn Sie erinnert sich an meinen. Noch ein paar andere sitzen bei uns, zum Beispiel Jonas. „Cooler Name“, werfe ich ihm zu. Er lacht. Nach Flint fliegen, laut einer Liste, die Allegra gesehen hat wohl fünf Leute. Bisher sind wir nur drei. Jonas, Allegra und ich. Wir suchen uns ein schönes Plätzchen an einem langen Fenster. Wie der Zufall will, ist gegenüber dem Fenster ein großer McDonalds. Ich schaue Vincent an, Vincent schaut mich an. 

Wieder an meinem Platz angekommen, in der rechten Hand mein Handy, in der linken einen Hamburger, fangen wir an, uns zu unterhalten. „Wo kommt ihr hin?“, fragt irgendjemand. Ich erzähle von meiner Gastfamilie, dass ich drei Gastgeschwister bekomme, wir in einer kleinen Vorortschaft wohnen, und ich ein eigenes Zimmer bekomme, weil meine größte Gastschwester gerade ausgezogen ist. Jonas erzählt, dass er nach Marysville geht, wo immer das ist. Allegra geht nach Oxford, einem kleinen Örtchen, etwa so groß wie Kimball. Ich erzähle, dass ich Blog schreibe, und frage, ob nicht jemand korrekturlesen möchte. Also nimmt Melina meinen PC an sich. Glücklich darüber, dass jemand meine Fehlerchen ausbessert, probiere ich meine Fritten. „Wow, die sind viel besser als in Deutschland! Ich glaube in diesem Land bleibe ich ein Jahr!“, scherze ich rum. 

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So vergehen ein paar Stunden. Wir werden immer weniger. Ich verabschiede mich von Vincent, sein Flug geht schon um 16:00. Irgendwann beschließen wir, die nach Flint fliegen, schon zum Terminal zu gehen. Ich bin einfach nur noch müde und schlafe schon vor dem Flug ein wenig. Das wundert mich, denn normalerweise brauche ich ein Bett zum schlafen. Ich bin nicht jemand, der immer und überall schlafen kann. Ich muss schon sehr müde gewesen sein. Um neun Uhr beginnt dann endlich das Boarding. Als ich im Flugzeug sitze schlafe ich eigentlich direkt wieder ein. Dem Geschäftsreisenden neben mir kann ich nur wenig Aufmerksamkeit schenken. So richtig bemerke ich garnicht, dass wir starten. 

Ich wache kurz vor der Landung wieder auf. Prüfend schaue ich um mich. Die winzige Maschine schüttelt sich ein wenig und setzt schließlich zur Landung an. Bevor mein Ohr es überhaupt schafft, weh zu tun, sind wir am Boden. „Manchmal muss man den Schmerz einfach von hinten überraschen, sodass er garnicht erst anfangen kann“, sage ich später zu Jonas. Ich bin happy. Und aufgeregt. 

Ehrlich gesagt hätte ich gedacht, dass ich aufgeregter bin. Wahrscheinlich bin ich einfach nur zu müde um richtig aufgeregt zu sein. Also laufe ich durch einen Finger, zum letzten Mal heute. Das erste mal habe ich das Gefühl, irgendwo anzukommen. Trotzdem fühlt es sich noch ein wenig nach Klassenfahrt an. Flint ist ein kleiner Flughafen, und vom Terminal zum Ausgang sind es nur ein paar Meter. Ich lasse mir Zeit, forme in meinem Kopf schon ein paar Sätze zurecht. Jonas zu meiner linken, die Mädels zu meiner Rechten, laufe ich den breiten Gang entlang auf eine dicke Glastür. Sie steht offen. Erst als ich kurz davor stehe, sehe ich ein paar wenige Menschen warten. Gleich vorne rechts steht meine Familie. Das ist leicht zu erkennen, denn zwei meiner Gastgeschwister, Christian und Samantha halten ein Plakat mit der Aufschrift „Welcome Jonas“ in der Hand. Für einen Moment überlege ich, ob auch wirklich ich gemeint bin. Ich scheine mich für die richtige Familie entschieden zu haben, denn ehe ich mich versehe, schüttel’ ich allen die Hände und wir holen meinen Koffer.

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Im Auto unterhalten wir uns ein wenig, ich versuche nicht einzuschlafen. Dann endlich kommen wir an. Einfach nur müde und erschöpft falle ich wenig später in mein Bett. „Das Bett, in das ich die nächsten 10 Monate jeden Tag fallen werde“, denke ich. Gefühlt bin ich jetzt schon zuhause, doch wie lange wird es dauern, bis ich wirklich hier zuhause bin? 


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