Tag X – Teil 1/3

Eigentlich war alles wie immer, als ich an diesem Tag aufgestanden bin, nur war das Bett ein wenig härter, ich ein wenig unausgeschlafener, und es war viel früher. Sehr viel früher. Normalerweise stehe ich so gegen halb 7 auf, um dann sehr gemütlich zur Schule zu gehen. An diesem Morgen stehe ich um vier auf. 

IMG_4934.jpgZugegeben: Das Bett war nichtmal ein Bett, vielmehr ein Ausziehsofa.

Nur schwer kann ich mich in das kleine Hotelbad schleppen. Zähne putzen, Duschen und Anziehen, man könnte denken, dies sei ein Tag wie jeder andere. Ist es aber nicht, nicht ohne Grund schlafe ich im Hotel und stehe um vier Uhr morgens auf. Heute geht es los, mein Austauschjahr beginnt. Ich fliege in die USA. 

Doch erstmal gehts zum Flughafen in Bremen, von da an weiter nach Frankfurt am Main, von da aus weiter nach Chicago, und von dort weiter nach Flint Bishop. Ich trotte langsam und quälend den Bordstein entlang, meine Eltern hinter mir. Das orangene Licht der Straßenlaterne leuchtet mir den Weg vorbei an einem geschlossenen (!) McDonalds. Die erste Überraschung des Tages. Bei weiterem Nachdenken ist es völlig klar, dass selbst McDonalds einmal schließen muss, trotzdem ist es ein ungewohntes Bild, so ein McDonalds ganz leer und dunkel. Vor mir stechen die langen Hallen des Bremer Terminals 2 in die Höhe, dahinter Terminal 1. Ich entscheide mich für Terminal 1. Am Abend vorher hatte ich bereits eingecheckt und meinen Koffer abgegeben, sodass ich mir heute zwei Schlangen gespart habe. „Zum Glück waren wir gestern so clever“, entgegnet meine Mutter von hinten. Recht hat sie, denke ich mir. Uns bleibt noch genug Zeit für ein Brötchen bei dem Flughafenbäcker unseres Vertrauens. Lecker war es nicht, aber es kam seinem Zweck nach: Ein wenig in den Bauch zu bekommen, obwohl ich es hasse morgens viel zu essen. Eigentlich kommt der Hunger erst gegen 9 oder 10 Uhr, davor geht höchstens ein Croissant oder etwaige andere süße Köstlichkeit. Geht es euch auch so, oder stehe ich mit dieser Eigenheit allein auf weitem Flur? 

Nun könnte man denken, ich habe das Brötchen sehr langsam gegessen, das stimmt aber nicht. Während ich nämlich kauend auf meinem Barhocker saß, mich völlig auf mein Brötchen konzentrierend, erkennen meine Eltern aus den Augenwinkeln eine Anzahl von Menschen, die sich in Richtung Abflug bewegen. Ich schaue hin und sehe ein lila-farbendes T-Shirt aufblitzen. Schnell esse ich also auf und ehe ich mich versehe ist er da: Der Moment des Abschieds. Ich bin nicht wirklich ein emotionaler Mensch. Meine Eltern zum Glück auch nicht, und so verläuft der große Abschied nicht groß und tränenfrei. Meine Vorfreude überwiegt und so verliere ich keine weitere Zeit und stelle mich in die, zum Glück inzwischen kleiner gewordene Schlange vom Sicherheitscheck. „Haben Sie Laptop, Powerbank, Sprühflaschen oder Getränke dabei?“ Na toll, daraus besteht mein Rucksack im Wesentlichen. Also alles ausräumen, in Kästen legen, und durchleuchten lassen. Danach mich selbst einmal. Aus dem Scanner für das Handgepäck  führen zwei Laufbänder, eins geht direkt raus und zurück zu den Besitzern, das andere muss noch einmal kontrolliert werden. Da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter: Ich hab ein kleines Reisedeospray im Rucksack vergessen. Mein Rucksack wird also rausgewunken und ich muss mich vor einer streng guckenden Dame erklären… „Deo… vergessen…“ bringe ich im Eifer des Gefechts nur heraus. Die Frau wirkt sichtlich genervt und lässt meinen Rucksack ein zweites Mal, diesmal mit dem Deo daneben durchleuchten. Alles scheint ok. Die Schweißperlen auf meiner Stirn verlaufen sich. Ich bin von mir selbst überrascht. Warum ein so großes Drama um ein Deo? Ich weiß es nicht. Also laufe ich die überschaubaren Gates des Bremer Flughafen entlang. Mein Ziel: Gate A01. Das erste in der Reihe. 

„Na, du auch hier?“, schmettert es mich von hinten an. Ich drehe mich um und schaue auf einen bekannten Pullover. Dann blicke ich höher, sehr hoch, noch höher, und sehe schließlich das Gesicht von Vincent. Vincent habe ich auf meiner Vorbereitungstagung kennengelernt. Wir waren Zimmergenossen. Dass er auch heute fliegt wusste ich garnicht, und schon garnicht von Bremen. Schnell ist klar, er fliegt auch nach Frankfurt, und dann nach Chicago. Am Gate sehe ich das lila T-Shirt wieder. Und daneben noch eins. Eine ganze Gruppe von YFUlern sitzt schon am Gate und wartet darauf, dass es endlich losgeht. Wir waren zu sechst. Zwei, ein Mädchen und ein Junge, fliegen nach Dublin, Irland, zwei weitere nach Detroit, in den USA und Vincent und ich fliegen nach Chicago. Zuerst fliegen allerdings alle nach Frankfurt, von da an trennen sich unsere Wege. 

Kurze Zeit später geht es los. „An der großen Anzeige vor dem langen Gang zum Flugzeug steht „Now Boarding“. Ein weiteres mal hole ich Tickets und Pass heraus. Am Schalter angekommen, muss ich das Ticket nur noch auf einen Scanner halten und einsteigen. Im fingerartigen Tunnel zum Flugzeug winke ich ein letztes Mal meinen Eltern zu, die auf der Besucherterasse stehen. Hinter Vincent fühle ich mich schnell abgehängt, also lege ich einen Zahn zu und betrete den Flieger. 

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Nach Frankfurt fliegen wir mit einer kleinen City-Maschine. Einer Embraer 195. Ich kenne sie. Schon oft habe ich ihr mein Vertrauen geschenkt auf Intercityflügen aller Art. Trotz der etwas vertrauten Umgebung bin ich aufgeregt. Aufgeregter als bei einem normalen Flug allerdings nicht. Ich liebe Reisen, und bin immer aufgeregt, auch bei einer einfachen Bahnfahrt. Das Boarding verläuft seltsam geordnet. Ist es nicht immer so, dass man bis man an seinem Platz angekommen ist, mindestens drei Menschen anrempeln muss oder angerempelt wird? In Bremen herrscht noch Ordnung, scheinbar. An meinem Fensterplatz angekommen setzt sich neben mich eine ältere Dame, die nach Frankfurt noch weiter fliegt, irgendwo in die Schweiz. Wohin genau habe ich nach sehr kurzer Zeit wieder vergessen. Es spielte keine große Rolle. Ich erzähle ihr, was ich vorhabe, sie ist begeistert, erzählt mir von ihrer Kindheit, und dass sie so etwas auch gerne gemacht hätte. Als ich aus dem kleinen Flugzeugfenster blicke, sehe ich die orangene Sonne aufgehen. Ein Anblick, den ich so schnell nicht vergessen werde.

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Viel Zeit zum Träumen bleibt nicht, nach 40 Minuten landen wir wieder. Der CityJet hält auf dem Rollfeld vor den Gates, an das Flugzeug werden Treppen herangeschoben. Ich schaue nach hinten zu Vincent, Vincent schaut zu mir. Wir nehmen den Hinterausgang aus dem Flieger und steigen in einen Bus.

Willkommen in Frankfurt! 


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